König mit Mission

Zwischen dem 31. Juli und dem 9. September erinnert man sich in Belgien eines streng katholischen Lebensschützers als Staatsoberhaupt, der sich im kollektiven Gedächtnis des Landes als “Roi blanc”, also “Weißer König” verankert hat

Quelle
König Baudouin | Die Monarchie Belgien

27.08.2023

Thomas Philipp Reiter

Zwischen dem 31. Juli und dem 9. September erinnert man sich in Belgien eines streng katholischen Lebensschützers als Staatsoberhaupt, der sich im kollektiven Gedächtnis des Landes als “Roi blanc”, also “Weißer König” verankert hat. König Baudouin I. verstarb vor 30 Jahren in seiner Sommerresidenz im spanischen Motril. Sein Herz war physisch schwach, aber in seinen 42 Jahren auf dem Thron schlug es für seine Mitmenschen voller Liebe, Selbstaufopferung und Hingabe. Am 9. September wäre er 93 Jahre alt geworden und so wird der neue Primas der katholischen Kirche in Belgien, Kardinal Luc Terlinden, in der Brüsseler Kathedrale Sankt Michael und Sankt Gudula im Beisein der Königsfamilie einen Gedenkgottesdienst abhalten.

Ein Hirte für sein Volk

Baudouins starker Glaube war in den 63 Jahren seines Lebens stets treibende Kraft. So kommt es, dass drei Jahrzehnte nach seinem Tod eine Debatte entbrannt ist, die außerhalb Belgiens überraschen mag: haben wir es mit einem Heiligen zu tun? Es gibt untrügliche Zeichen, die dafür sprechen. Ohne Zweifel war Baudouin für die Belgier bereits zu Lebzeiten mehr als ein König: er war ein Hirte für sein Volk. Schon Papst Johannes Paul II. war sich dessen bewusst, als er bei seinem zweiten Besuch in Brüssel 1995 darum bat, außerhalb des Protokolls, sondern privat und in Anwesenheit der Königinwitwe Fabiola, am Grab des Herrschers in der königlichen Krypta von Laeken beten zu dürfen. In seiner Predigt bezeichnete der Papst Baudouin als sehr frommen Diener Christi. Johannes Paul II. glaubte daran: für ihn war der verstorbene König tatsächlich ein “potenzieller Heiliger”. Zwar wurde bislang noch kein offizieller Seligsprechungsprozess eingeleitet, doch die Untersuchungen darüber sind im Gang. So gilt es, eine bedeutende Reihe von Erscheinungen und Wundern aufzulisten, die von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse in Rom anerkannt werden müssen. Zunächst sind potenzielle Kandidaten “ehrwürdig”, dann “selig”, sofern eine Heilung anerkannt wird. Und dann sind zwei Wunder notwendig, um heiliggesprochen zu werden. Für diesen Weg haben Gläubige Webseiten und bei “Facebook” Unterstützergruppen eingerichtet. So soll zum Beispiel ein Zeuge von seinem Stottern geheilt worden sein, nachdem er während einer königlichen Audienz eine Frage des Herrschers beantwortet hatte. Andere erklären, dass der Geist des Königs ihnen helfe, Prüfungen zu bestehen.

Schon am Tag nach Baudouins Tod 1993 erfuhr das Königshaus in Brüssel eine Anteilnahme, die zuletzt lediglich mit der Beerdigung von Queen Elizabeth II. vergleichbar war. König Baudouin war ein Symbol der gesellschaftlichen Einheit, das bis heute nachwirkt in einem Land, das in der Regel politisch gespalten ist zwischen wirtschaftlich erfolgreichen Flamen im Norden und von sozialistischen Politikern dominierten Wallonen im Süden (mit etwa 80 000 deutschsprachigen Belgiern im Osten des Landes). So inspiriert Baudouin im ganzen Land und darüber hinaus noch heute, wie man es dieser Tage an den zahlreichen Veranstaltungen und Würdigungen anlässlich seines Todestages erkennen kann. Stets wird von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit gesprochen, die sich ihren Gesprächspartnern als aktiver Zuhörer stets absolut präsent zeigte, was jede soziale Schranke sprengte.

Wendepunkte im Leben des Thronfolgers

Am 29. August 1935 verliert Baudouin im Alter von vier Jahren seine Mutter durch einen tragischen Autounfall am Ufer des Vierwaldstättersees in der Schweiz. Am Steuer saß sein Vater, König Leopold III. Für den jungen Thronfolger ist dieses einschneidende Lebensereignis ein echter Wendepunkt. Experten gehen heute davon aus, dass der Tod von Königin Astrid eine tragende Rolle in Baudouins Glaubensleben gespielt hat. So fühlte er sich durch das Geschehene sehr früh veranlasst, sich Gedanken über das Leben nach dem Tod zu machen. Und er zeigte schnell ein ausgeprägtes Interesse an Sinn- und Religionsfragen. Begleitet von mehreren Seelsorgern, konnte er seine Suche vertiefen. So wollte er als Teenager jeden Tag an der Eucharistie teilnehmen, manchmal sogar zum Missfallen seines Vaters.

Die im Palast von Brüssel herrschende Familie entstammt der Dynastie Sachsen-Coburg-Gotha – und die war protestantisch. Leopold I., erster König der Belgier, war voll und ganz im evangelischen Glauben aufgewachsen und überdies aktiver und bekennender Freimaurer. Sein Sohn Leopold II. war mehr mit seiner Kolonie im Kongo beschäftigt und hatte für Religion daher wenig Sinn. Dessen Neffe war als nachfolgender König Albert I. wiederum eher vom Protestantismus geprägt, bis er 1934 ins Heilige Land gepilgert und dort zum Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem und in den Päpstlichen Laienorden aufgenommen worden war. Noch im selben Jahr stirbt auch er sehr plötzlich bei einem Bergsteigerunglück in den Ardennen, um das sich bis heute Verschwörungstheorien ranken. Sein ältester Sohn besteigt als Leopold III. den Thron, allerdings glaubte jener wohl mehr an einen in allem gegenwärtigen Gott als an die Transzendenz eines monotheistischen Gottes.

Der Glaube an Gott als Stütze

Somit wird Baudouins persönlicher Weg der des ersten wirklich katholischen Königs der Belgier. Der Amtszeit seines Vaters, nach dem Verlust der Ehefrau und im wahrsten Wortsinne gefangen in den Gräueln des Zweiten Weltkrieges, war nicht viel Glück beschieden. Er wurde zur Abdankung gezwungen und emigrierte in die Schweiz. So ist Baudouin am 17. Juli 1951 zwar noch nicht volljährig, leistet aber den Eid auf die Verfassung und wird neues Staatsoberhaupt von Belgien. Beides nach verheerenden Kriegserfahrungen und den weiteren dramatischen Ereignissen im Leben des jungen Mannes. So wird der Glaube an den lebendigen Gott zur großen Stütze, die seinem Leben tieferen Sinn verleiht und ihm den Mut gibt, eigene Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig versuchte er, Werte wie Familie, Erziehung, Solidarität, Gastfreundschaft, an die er selbst glaubte, auf seine Rolle als König zu übertragen. Letztlich ging es für ihn darum, die Botschaft des Evangeliums zu leben. So schleicht er sich zuweilen heimlich in ein Krankenhaus und tritt an die Krankenbetten sterbender Menschen, ohne die Begleitung einer Entourage oder von Journalisten. Als er im November 1972 nach Äthiopien reist, missachtet der König alle Vorschriften der Sicherheit und Etikette und umarmt an Lepra erkrankte Menschen.

Baudouin heiratet spät, erst im Dezember 1960, in der Brüsseler Kathedrale, vor der heute seine Büste steht. In Gebeten bat er Gott darum, ihm eine standesgemäße Ehefrau an die Seite zu stellen, die seine Werte und seinen tiefen Glauben teilt. Er findet sie in Fabiola Mora y Aragón aus dem spanischen Hochadel, mit der er sich in Lourdes verlobt. Beide sind der marianischen Spiritualität sehr verbunden. Die Ehe ist ein Glücksfall für den König und das Land, das zukünftig als feste Einheit katholische Zuversicht ausstrahlt, doch sie bleibt leider kinderlos.

Täglicher Besuch der Heiligen Messe

Als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens konnte Baudouin kirchliche Veranstaltungen nicht so besuchen, wie er es sich zweifellos gewünscht hätte, aber im Privaten nimmt er an der täglichen Messe teil und betet, zum Beispiel gemeinsam mit ausländischen Staatsoberhäuptern. Doch im Jahr 1990 entfaltet Baudouins Glaube politische Wirkung. In jenem Jahr hatte das Parlament ein Gesetz verabschiedet, welches eine Fristenregelung für Schwangerschaftsabbrüche vorsah, das er als Staatsoberhaupt hätte unterzeichnen müssen. Dies war unvereinbar mit seinen Glaubensgrundsätzen, und so erklärte sich Baudouin kurzerhand am 4. April 1990 für regierungsunfähig. Die Regierung als Ganzes trat daraufhin an die Stelle des Königs und unterzeichnete das Gesetz und erklärte den König am Tag darauf wieder für im Amt. Drei Jahre später stirbt er plötzlich und unerwartet.

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