Wider den Abgesang auf die Theologie des Leibes
Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz schimpft die Theologie des Leibes in Grund und Boden. Mit dem historischen Christentum haben seine Auslassungen jedoch nichts zu tun *UPDATE
Quelle
Mainzer Moraltheologe geht „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. scharf an
Betrachtungen zur “Theologie des Leibes”
Breite Rezeption für eine vermeintlich gescheiterte Theologie
Theologie des Leibes
*Bleibende Worte von Johannes Paul II.: “Habt keine Angst, euch … als Christen zu bekennen”
26.03.2025
Dorothea Schmidt
Stephan Goertz hat in der aktuellen Ausgabe der “Herder-Korrespondenz” die Theologie des Leibes in Grund und Boden geschimpft. Sie sei archaisch, antik-mittelalterlich, leibfeindlich. Es gebe “in dieser Theologie des Leibes keine wertvollen Erfahrungen des Leibes außerhalb des Korsetts der Tradition”, schreibt der in Mainz lehrende Moraltheologe. Wer eine geistliche Berufung habe, sei ohnehin ahnungslos, was “die Wahrheit des begehrenden und liebenden” Leibs angehe.
Nun, ahnungslos scheint er selbst zu sein, sonst wäre ihm nicht entgangen, welche Erfolgsgeschichte die Theologie des Leibes schreibt. Er wüsste um die Fülle der Angebote zum Thema. Neben einem Studiengang werden so viele (Online-)Kurse, Lesekreise und Bücher angeboten, dass man sie hier gar nicht alle aufzählen kann. Er wüsste von Christopher West, der die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. für das junge Laienpublikum heruntergebrochen hat; junge Katholiken haben sein Werk ins Deutsche übersetzt, um die Inhalte möglichst vielen zugänglich zu machen.
Theologie des Leibes als Identitätsmarker
Was Goertz wohl nicht einkalkuliert hat, ist, dass er sich mit seinen Schmähungen mit einer ganzen jungen Generation anlegt, die diese Theologie des Leibes als etwas Befreiendes erkannt hat, und für die sie zum Identitätsmarker geworden ist. Es ist beinahe eine Unverschämtheit, diesen jungen Christen a priori zu unterstellen, sie würden sich ängstlich aus der Moderne zurückziehen.
Die Moderne gibt es nicht. Es gibt Modernisierungen, Wissensfortschritte und Wohlfahrtsfortschritte, die soziale Veränderungsprozesse auslösen. Wenn man schon von Moderne spricht, muss man auch die vielen Erweckungen, Aufbrüche im Glauben und Menschen erwähnen, die mutig die Nachfolge Jesu antreten und sich die Theologie des Leibes aneignen – die als Lebensprogramm übrigens bewährter ist als all das, was Goertz vorschlägt. Auch sie gehören genuin zur Moderne, folgt man nicht einem dogmatisch fixierten Begriff, der im Grunde nichts weiter ist als schlechte Geschichtstheologie. Glaubt Goertz allen Ernstes, Menschen, Paare, ja Familien glücklich zu machen, wenn vor, neben und in der Ehe alles möglich ist?
Wenn Sexualmoral nur noch den Normen des Sexualstrafrechts folgt
Mit dem schrägen Rekurs auf das Glück durch zügellosen Sex öffnet der Theologe vielmehr jeder Art von Verletzungen, Lieblosigkeit und der Zerstörung des inneren Kompasses für ein gutes Leben Tür und Tor. Wenn die Sexualität nicht mehr der Ehe vorbehalten ist und es nur noch das gegenseitige Okay braucht, dann drohen Zügellosigkeit, Bindungslosigkeit, Scheidungen und unerwünschte Kinder – mit allen Folgen. Dann braucht es im Grunde weder die Ehe noch die Kirche, denn ihre Lehre wird ja obsolet. Und doch fragt Goertz, was an dieser freien Liebe denn unsittlich sei.
Mindestens unsittlich ist die Idee, Sittlichkeit sei gleichzusetzen mit Freiheit und Autonomie. Denn was Goertz unter Freiheit und Autonomie versteht, bleibt vage. Offensichtlich ist jedoch, dass es mehr um Permissivität als um Kant geht. Er setzt Leib und Körper gleich, koppelt sie von der Person ab. Nur der gegenseitige Konsens gilt noch. Auch Treue lässt er vielleicht noch gelten, aber im Grunde besteht Sexualmoral dann nur noch aus Paragraphen: Sexualmoral ist bei Goertz identisch mit den Normen des Sexualstrafrechts. Was das Recht erlaubt, gilt als sittlich richtig.
Und so zieht der Moraltheologe unverhohlen — aber primitiv — über den heiligen Augustinus her, über die gesamte kirchliche Tradition und auch über Johannes Paul II., dem er unterstellt, “mithilfe eigensinniger Deutungen sittlicher Prinzipien (Personalität, Würde) die als wahr gesetzte kirchliche Moral zu verteidigen“. Man glaubt kaum, dass er die Texte des polnischen Papstes jemals gelesen hat; kein Wort über dessen philosophische Anthropologie (personale Einordnung der Sexualität statt Unterdrückung mit der Frage nach der Integration der Vielfalt menschlichen Begehrens) oder Theologie.
Denn unerwähnt bleibt die Theologie des Leibes als phänomenologische Betrachtung biblischer Grundaussagen, als eine Heilsbotschaft, die offenbart, “was das wahre Wohl des Menschen ist, mit dem Ziel, das Leben auf Erden – nach der Maßgabe dieses Wohles – unter dem Gesichtspunkt der Hoffnung auf die zukünftige Welt auszuformen”, wie Wojtyla schrieb. In diesem Sinne wird mit der Theologie des Leibes zwischen Mann und Frau etwas grundgelegt, was später die ganze Gesellschaft positiv prägen soll.
Theologie der Liebe statt Theologie des Leibes?
Und nun meint Goertz, die Theologie des Leibes durch die Theologie der Liebe ersetzen zu können, inklusive gleichgeschlechtlicher Verbindungen. Papst Franziskus hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass Liebe nicht gleichzusetzen sei mit permissiver Sexualität. Überhaupt hat kein Papst, kein Konzil, kein vatikanisches Dokument jemals irgendeinen Zweifel daran gelassen, dass die Matrix von Sexualität die christliche Ehe ist — und bleibt. Über 2.000 Jahre hinweg hat das historische Christentum in ökumenischer Weite diese Position vertreten.
Goertz‘ Auslassungen wären weniger schlimm und brisant, wäre der Autor nicht Professor in Moraltheologie an der Universität Mainz, und wenn er nicht auch noch erheblichen Einfluss hätte — auf Studenten, die kirchliche Öffentlichkeit, sogar auf Bischöfe, die es besser wissen und ihn eigentlich laut Kirchenrecht sanktionieren müssten, wüssten sie noch, was ihre Pflicht zum Schutz des Glaubens und der Gläubigen ist.
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