Warum so viele Katholiken wirklich aus der Kirche austreten

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kirche ohne einen transzendenten Gott irrelevant ist!

Quelle

Von Pfarrer Bill Peckman / ChurchPOP, 25. Juni 2019

Warum verlassen so viele Menschen die Kirche? Darüber gibt es viele Studien und Artikel.

Als Pfarrer mit 22 Jahren Erfahrung, aus einer der Generationen kommend, die in Scharen die Kirche verlässt, und der selber als junger Mann eine Zeit lang zum Agnostiker wurde und die Kirche verliess, habe ich meine eigenen Theorien entwickelt, die auf meinen eigenen Erfahrungen basieren als auch auf dem, was ich von anderen gesehen und gelesen habe.

Das erste Problem: Wir haben die Transzendenz vergessen

Mehr noch: Wir haben das Jenseits aktiv aus unserem Dasein verbannt. Die Transzendenz ist nicht mehr Teil unserer Identität – aus mehreren Gründen.

Zuerst haben wir Gott verharmlost. Wir haben Ihn nach unserem Ebenbild geschaffen. Wir haben ihn in einen netten und nutzlosen Therapeuten verwandelt, dessen Job es ist, unser Verhalten zu legitimieren und uns auf die Schulter zu klopfen dafür, dass wir uns gegen Ihn aufgelehnt haben.

Um einem auf diese Weise verharmlosten Gott braucht man sich nicht mehr zu scheren. So verschwand der Begriff der eigenen Sünde. Daraus wurden soziale Sünden und die Sünden der Gesellschaft. Mit diesem Schritt wurde die Beichte aus dem Weg geräumt und ersetzt durch eine verquere Sichtweise sozialer Gerechtigkeit.

Somit konnten wir uns über die Sünden von Unternehmen aufregen, und uns selbstgefällig davon distanzieren. Der verharmloste Gott war immer auf unserer Seite. Das ging so weit, dass Seine Gegenwart nur noch so eine Art Schmusedecke war, von der man sich dann trennte, wenn man einmal alt genug dafür war.

Aber nicht nur Gott haben wir verharmlost, sondern auch den Teufel und das Dämonische.

Diese wurden zum Gegenstand okkulter Gesellschaftsspiele, einem Thema für Horrorfilme und einem Aushängeschild des säkularen Humanismus. Dadurch, dass wir den Teufel verharmlosten, brauchten wir vor ihm auch nur noch so viel Angst zu haben wie vor einer Geisterbahn oder anderem gruseligen Fahrgeschäft.

Die Verharmlosung Gottes und des Teufels haben dazu geführt, dass wir beide weitgehend verabschieden und verwerfen konnten.

Zusammen mit Gott und dem Teufel wurde auch deren jeweiliger Hofstaat verworfen: Die Muttergottes, die Heiligen, der Rosenkranz und alle weiteren Andachtsformen wurden verworfen, ebenso wie jeder Sinn für das Dämonische und auch die Sakramentalien, mithilfe derer wir das Böse bekämpfen.

Der geistige Kampf wurde verworfen und durch die Aufforderung ersetzt, “nett” zu sein.

Die Abkehr von der Transzendenz Gottes machte das ganz einfach. Wir schnippten einfach mit dem intellektuellen Finger und schafften dies aus der Welt. In Wahrheit haben wir aber unsere Wachsamkeit aufgegeben, unsere Waffen gestreckt und Hilfe abgelehnt. Wir haben ganze Generationen wehrlos gemacht und ausgeliefert.

Verworfen haben wir die Transzendenz auf zweierlei Weise: In der Liturgie und in der Bildung.

In der Liturgie verlagerte sich der Schwerpunkt von Gott zur Menschheit. Wir gingen dazu über, uns selbst zu bejahen, statt Gott anzubeten. Wir haben uns das ausgesucht, was weder unbequem noch herausfordernd ist.

Tatsächlich so wenig herausfordernd, dass aus der heiligen Messe eine triste Angelegenheit der reinen Selbstbestätigung wurde. Wenn du Leute loswerden willst, besonders Männer, dann ist das der richtige Weg.

Je mehr wir an der Messe herumexperimentierten, die Messe änderten, aus der Predigt statt einer Herausforderung eine Art therapeutischen Moralismus machten und Lieder über uns selbst sangen, desto mehr wanderten die Menschen ab.

Gleichzeitig wurde in der Bildung die Entleerung des Transzendenten betrieben.

Die katholische Identität wurde für überholt und altmodisch befunden und eher als Problem für die Bildung bewertet.

Wir haben aus einem transzendenten Gott, der Erwartungen an uns als Sein Volk stellt, einen tattrigen alten Narren von einem Gott gemacht, der uns ermöglichte, unsere Neigungen auszuleben, weil Er Moral nicht wirklich zum Vorrang hat.

Die Moral wurde subjektiv gemacht.

Sie wollen Empfängnisverhütung verwenden? Kein Problem. Vor der Ehe zusammenleben? Klar doch! Den eigenen Körper darauf reduzieren, ein Gebrauchsgegenstand für den Spielplatz fleischlicher Triebe zu sein? Natürlich! Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Eine Religion ohne Transzendenz verhandelt nur noch “Wohlbefinden”.

Und tatsächlich fingen katholische Priester und Nonnen damit an, sich mit östlichen Religionen und fernöstlicher Mystik zu beschäftigen. Sie ermutigten dazu auch andere. Warum? Weil der Mensch sich im Herzen nach der Transzendenz sehnt.

Wenn wir Gott dieser berauben, dann müssen wir sie uns selber beschaffen. Gott ist dann bei dieser Suche überflüssig. Das ist auch der Grund, warum heute oft zu hören ist, jemand sei zwar “irgendwie spirituell, aber nicht religiös”.

Über drei Generationen haben wir Gott für irrelevant erklärt.

Das sickerte in unsere Häuser. Mit fatalen Folgen. Die erste Generation, die mit diesem verwässerten Unfug aufwuchs, lernte diesen brav und gab ihn an ihre Kinder weiter: Wenn Gott uns das Glück und die Erfüllung schenkt, ohne dass wir uns dafür einbringen und anstrengen müssen, dann können wir uns ganz auf das weltliche Glück im Diesseits konzentrieren.

Einige Generationen später hatte das zeitliche Glück auf Erden dem Ewigen Glück den Rang abgelaufen.

Der Religionsunterricht und die Unterweisung im Glauben waren vor allem davon geprägt, dass sie nicht mehr stattfanden. Sie glänzten durch Abwesenheit. Und so fühlten sich Kinder, wie ihre Eltern, wohl dabei, ihr Glück ausschliesslich im Diesseits zu suchen.

Die heilige Messe, das Gebet und religiöse Bildung wurden zu theologischen Verkehrstoten auf diesem Höllen-Trip. Aber, wie ich bereits sagte: Ein jedes Herz sehnt sich nach der Ewigkeit, nach Transzendenz.

Was passiert also?

Das Zeitliche beginnt, eine transzendente Qualität anzunehmen. Das Streben nach Reichtum, Vergnügen, Macht und Ehre rückt in den Mittelpunkt. Dem Diesseits widmet man sich nun mit der Hingabe, mit der man sich einst dem Jenseits widmete, und mit dem Jenseits geht man so nachlässig um, wie man früher das Diesseits behandelte.

Warum ziehen Eltern stets einen Sport, Tanzen, Freizeitvergnügen und eine Vielzahl anderer Dinge der religiösen Bildung oder einer Anbetung vor?

Weil man es ihnen so beigebracht hat! Wir haben Gott abgeschafft gemacht und mit diesen Dingen die dadurch geschaffene Lücke gefüllt.

Deshalb reagieren Eltern feindselig, wenn man sie darauf anspricht: Es ist so, als hätte man plötzlich während des Spiels die Regeln verändert.

Religion wurde eben nur noch so unterrichtet, als wären Moral und Glaube eine persönliche Entscheidung, je nach individueller Neigung und Abneigung. Wenn Schüler und Studenten das erfahren, und dann noch zuschauen, wie ihre Eltern dazu bereit sind, den sonntäglichen Kirchgang und andere Glaubensdinge aufzuopfern, dann fordern wir sie förmlich auf, vom Glauben abzufallen.

Wenn wir unsere Transzendenz verlieren, verlieren wir auch unsere Relevanz. Kein Wunder, dass es an Priestern mangelt! Wer will schon sein Leben geben, auf eine Ehe verzichten, und auf diese Weise dem Glauben dienen?

Noch einmal: Das menschliche Herz sehnt sich nach Transzendenz.

Wenn wir unsere verlorenen Generationen wirklich zurückgewinnen wollen, dann durch die Abkehr von diesem Trend, im Diesseits den alleinigen Sinn und Zweck des ganzen Lebens zu sehen. Zuallererst muss dies in unserer Liturgie und Bildung passieren.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kirche ohne einen transzendenten Gott irrelevant ist!

Viel zu lange schon haben wir so getan. Die Welt ist davon sogar überzeugt. Wir aber müssen wieder unser Geburtsrecht beanspruchen, uns daran erinnern, wer unser Gott ist und was Er von uns erwartet.

Wir haben einen weiten Weg vor uns. Es wird ein Schock für das derzeitige System sein. Zuerst müssen wir zugeben, dass wir Mist gebaut haben. Wir müssen bekennen, dass wir Fehler gemacht haben, ein Mea Culpa leisten und uns bekehren.

Wir müssen einsehen, dass wir uns bei dem Versuch, Gott und den Teufel zu verharmlosen, dem Verderben und Untergang preisgegeben haben.

Ist es da noch verwunderlich, welche Verderbtheit wir innerhalb wie ausserhalb der Kirche im vergangenen Jahrhundert erlebt haben?

Die sexuellen Skandale sind ein Symptom der Krankheit, aber nicht die Krankheit selbst. Sexuelle Skandale können nur in der sumpfigen Landschaft des Verlustes der Transzendenz wachsen (wie kann man Kinder und Seminaristen belästigen, beziehungsweise das vertuschen, und trotzdem an einen transzendenten Gott glauben?).

Um diesen Sumpf trocken zu legen, bedarf es mehr als nur ein paar neuer Richtlinien, die regeln, wo und wie das Sumpfwasser fliesst; man muss nachschauen, woher dies kommt und dann die Quellen trockenlegen.

Unsere heiligen Messen, unsere Familien, Pfarreien und Schulen müssen wahrhaftig die Realität abbilden.

Es gibt definitiv einen transzendenten Gott. Er hat Erwartungen an uns. Er liebt uns, wirklich und einzigartig, und auch wir müssen Ihn lieben. Der Weg zur Relevanz, ein Weg, den wir vor Jahrzehnten verloren haben, kann nur durch die Wiederherstellung des Transzendenten wiedergewonnen werden.

Unser Irrweg hin zu einer verdreht-katholischen, anthropozentrischen Geschwisterlichkeitsanstalt hat uns die Identität einer billigen Grusskarte verpasst. Wir können und müssen uns daran erinnern, zu wem wir wirklich berufen sind.

Veröffentlicht in redigierter Form exklusiv für CNA in deutscher Sprache mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung von www.ChurchPOP.com. Wiederveröffentlichung oder andere Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung vorab.

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