Der Tod ist keine Therapie

“Wer sich von allem befreit, was ihn bedrückt, entdeckt bald, dass er sich auch von dem befreite, was ihm Schutz bot”

Quelle

Von Stefan Rehder

Die Tagespost, 15. Mai 2015

“Freitodbegleitungen widersprechen nicht dem ärztlichen Berufsethos“, war Anfang der Woche auf einer ganzseitigen Anzeige in der “Ärztezeitung“ zu lesen. Darunter die Namen von 180 Medizinern. Obwohl dieser Satz formal wie eine Tatsachenbehauptung daherkommt, stellt er in Wirklichkeit nur eine blosse Meinung dar. Noch dazu eine, welche die Unterzeichner im weiteren Verlauf des Textes weder zu belegen noch zu begründen suchen. Kurz: Eine, der man versucht ist, mit einem Zitat zu begegnen, das die Drehbuchautoren der “Dirty Harry“-Reihe dem von Clint Eastwood gespielten Inspektor Harry Callahn in den Mund legten, das sich jedoch – obgleich ins Schwarze treffend – der Druckbarkeit entzieht.

Was druckbar ist, sind Fakten. Und die sind eindeutig. Der ärztlich assistierte Suizid lässt sich weder mit dem “Eid des Hippokrates“, noch mit dem ärztlichen Grundsatz des “Primum non nocere“, noch mit dem “Genfer Gelöbnis“, noch mit dem “Nürnberger Codex“, noch mit der “Deklaration von Helsinki“ oder einer anderen codifizierten medizinischen Ethik in Verbindung bringen. Nicht einmal die “Autonomie des Patienten“ ist dazu angetan, aus Heilern Suizidhelfer zu machen. Denn wählen kann der Patient sinnvollerweise immer nur zwischen medizinisch indizierten Therapien. Der Tod aber ist keine Therapie. Wäre er eine, müsste das Leben selbst eine Krankheit sein. Eine, von der dann jeder, sobald er von ihr “befallen“ würde, auch therapiert werden müsste.

Das alles schliesst freilich nicht aus, dass Menschen die konkreten Umstände ihres Lebens als derart bedrückend empfinden können, dass ihnen subjektiv sogar das Leben selbst als Last erscheint, von der sie “befreit“ zu werden wünschen. Allerdings studiert niemand Medizin, um sich die subjektive Sicht seiner Patienten zu eigen zu machen. Aufgabe des Arztberufes ist es vielmehr, herauszufinden, was die objektiven Ursachen für die Beschwerden des Patienten sind. Ärzte, die sich dem verweigern, üben ihren Beruf faktisch nicht aus. Ihnen darf deshalb nicht nur, ihnen muss – im Interesse der Sicherheit der Patienten – die Approbation entzogen werden. Wäre es statthaft, dies anders zu sehen, dann müssten konsequenterweise Ärzte auch Patienten mit “anorexia nervosa” (Magersucht) eine Diät und Alkoholkranken täglich eine Flasche Wodka verschreiben dürfen.

Niemand muss Medizin studiert haben, um wissen zu können, dass ein Patient, der vorgibt sterben zu wollen, nicht an seinem Leben leidet, sondern an den Umständen, unter denen sich dieses Leben aktuell vollzieht. Es reicht, zu wissen, dass der Überlebenstrieb des Menschen angeboren und der stärkste aller Triebe ist. Bei wem er versagt, ist krank. Und weil das so ist, bleibt auch der “Freitod” eine Fiktion. Staat und Gesellschaft sind daher gut beraten, daran festzuhalten, Ärzten nicht zu gestatten, Patienten bei einem Suizid zu unterstützen. Wer sich von diesem Tabu zu “befreien“ suchte, wird feststellen müssen, wie recht der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila hatte, als er schrieb: “Wer sich von allem befreit, was ihn bedrückt, entdeckt bald, dass er sich auch von dem befreite, was ihm Schutz bot.”

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