Wahrheit kann nur in Gott gründen

Der Weg zur Wahrheitsfindung kann nicht beliebig sein

Wahrheit – Wer aber die Regeln umstösst, bringt die Würde des Menschen in Gefahr.

Von Alexander Riebel

Die Tagespost, 10. Dezember 2014

“Es scheint offensichtlich, dass Menschen im Vergleich zu anderen Tierarten auf besondere Weise denken.” Der das in seinem gerade erschienenen Buch “Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens” behauptet, ist der Shooting Star der heutigen Anthropologie und Co-Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Michael Tomasello.

Wenn der Mensch aber nur eine Tierart ist, wird es mit dem “besonderen” Denken nicht weit her sein. Und tatsächlich ist dieses Denken für Tomasello nur kooperativ und soziokulturell. Das klingt zwar unabweisbar, ist aber auch nur der letzte Schrei der heutigen Wissenschaft, und das von der Naturwissenschaft bis zur Philosophie. Dass der Mensch nur noch als Tier angesehen wird – auch die Willensfreiheit bestreitende Neurobiologen liegen auf dieser Linie, hat seinen Grund darin, dass die klassischen Wesensmerkmale des Menschen aufgegeben sind zugunsten eines völligen Mangels an Metaphysik. Der Mensch wird nicht mehr unter Vernunftprinzipien gedacht, sondern als ein Wesen, das sich unter empirisch feststellbaren Gründen verhält und irgendwie kooperativ ist – aber auch das wird nicht hergeleitet, warum es so ist. Natürlich sind wir kooperative Wesen, aber “kooperative Kommunikation” ist nur ein empirisch bedingtes Verhalten, das auf Prinzipien beruht, die bei dieser Sichtweise bewusst ausgeklammert werden. Um sie soll es im Folgenden gehen.

“Kooperative Kommunikation” ist zum Massstab heutiger Wahrheitsfindung geworden. Nicht nur die Philosophie sollte sich davor hüten, bei diesem Relativismus stehenzubleiben; auch die Kirche, in der manche eine offene Kirche wollen, anstatt bei deren Grundlagen zu bleiben. “Offenheit” ist offenbar angesagt, aber um den Preis von bloss empirischen und darum unzureichenden Bestimmungen des Menschen. Tomasello selbst bereichert diese Kritik mit einer Anekdote aus seiner “Naturgeschichte des menschlichen Denkens”, in der er das fehlende Zwischenstück zwischen Mensch und Menschenaffen sucht: Darwin habe 1838 den Londoner Zoo besucht, wo es ihm den Atem verschlagen habe, als er dem Orang-Utan-Weibchen Jenny gegenüberstand, das Königin Victoria zuvor schon als “widerlich menschlich” bezeichnet habe. So können selbst Affen widerlich menschlich erscheinen, wenn die Unterscheidungskraft versagt. Doch was hat das mit “kooperativer Kommunikation” als Massstab der Wahrheitsfindung zu tun?

Tatsächlich ist der Kooperationsgedanke, der Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Weg gebracht wurde, von Anfang an als Kriterium der Wahrheit verstanden worden. Das war endgültig in dem Augenblick, als sich Ludwig Wittgenstein in Cambridge überlegte, wie wir eigentlich Schach spielen und er dies in seinen “Philosophischen Untersuchungen“ (1953) beschrieb. Wittgenstein wollte sagen, dass wir nicht, wie die gesamte philosophische Tradition überzeugt war, Regeln oder Prinzipien folgen können, zumindest nicht allein, ohne Korrektur durch andere: “Darum ist ‘der Regel folgen’ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen.“ Eine Regel kann alles mögliche sein, das Handeln nach der klassischen Tugendlehre, das Befolgen der Zehn Gebote, eben alles, was Handlungsnorm einer Praxis ist. Nur wird heute kaum noch ein letzter Grund für das Handeln gesehen, es bezieht seine Normen aus der Immanenz der Praxis selbst. Darum folgert der amerikanische Sprachphilosoph Robert Brandom: “Die Normen, so stellt sich heraus, sind… hier”, und zögert selbst bei dieser Einsicht mit drei Pünktchen.

Das Verhängnis besteht nach Wittgenstein darin, dass wir Handlungsweisen nicht mit Sicherheit mit einer Regel in Übereinstimmung bringen können. Darum Wittgenstein: “Es kann nicht ein einziges Mal nur ein Mensch einer Regel gefolgt sein. Es kann nicht ein einziges Mal nur eine Mitteilung gemacht, ein Befehl gegeben, oder verstanden worden sein etc. – Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen sind Gepflogenheiten (Gebräuche, Institutionen). Einen Satz verstehen, heisst, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heisst, eine Technik beherrschen.” Genau darum geht es, Gebräuche und Institutionen sollen wie Techniken beherrschbar und veränderbar sein, lässt man sich auf die kooperative Offenheit von Sprachspielen ein. Genau das passiert aber seit Jahren auf den verschiedenen Gebieten wie dem Recht, der Moral, der Familie, aber auch die Kirche ist gefährdet, ihre Grundlagen zugunsten einer nach verschiedenen Richtungen geöffneten Umwertung ohne metaphysische Basis aufzugeben.

Entscheidend wird sein, ob die Kirche in der Findung von Wahrheit selbstständig bleibt und nach ihren Grundprinzipien verfährt, oder selbst nur Teil des gesellschaftlichen Sprachspiels wird und damit von den anderen gesellschaftlichen Institutionen ununterscheidbar wird. Auch wenn es trivial klingt, dieser Gedanke bestimmt unsere Gegenwart. Denn hiernach soll ein Einzelner keiner Regel folgen können, weil er nicht überprüfen kann, ob er ihr richtig folgt; ein Einsiedler wäre verloren. Philosophisch gesprochen bestreitet Wittgenstein, dass der Einzelne Intentionalität habe, sich also gültig auf etwas beziehen könne. Das einer Regel nicht folgen können hat Wittgenstein das Privatsprachenargument genannt: Keiner kann einer Privatsprache folgen. Bleibt nur übrig, einer Sprache zu folgen, in der alle korrigierend, aber auch manipulierend beteiligt sind, und die nannte er Sprachspiel.

Durch Sprachspiele kommt eine ganz andere Qualität in das menschliche Handeln. Denn es gründet jetzt nicht mehr im Wissen über den Sinn von Tradition und deren Regeln, Geboten und Verboten, sondern in menschlicher Setzung. Der Diskurs verhandelbarer Tatsachen, sei er politisch, gesellschaftlich oder auch kirchlich, wird zum einzigen Kriterium der Wahrheitsfindung, oder wie es bei Brandom heisst, dass jemand eine “Behauptung für wahr hält, bedeutet einfach, dass er sie billigt”. Billigen aber hat mit sozialer Praxis zu tun und nicht mit dem, was man unter klassischen Wahrheitsbedingungen versteht. So aber sieht das Idealbild der Sprachspielgemeinschaft aus für die offene Gesellschaft in allen Bereichen. Jürgen Habermas hatte das ja schon vor Jahren auf den Punkt gebracht, als er in Anlehnung an Kant die Übersetzung religiöser Gehalte in eine säkulare Sprache forderte. Damit wird Religion jedoch ihres Geheimnisses entkleidet und, ebenfalls wie bei Kant, von dem die Idee ja stammt, auf Ethik reduziert.

Es geht schlicht um das Wahrheitsproblem. Noch der heilige Thomas von Aquin wusste “veritas est adaequatio intellectus et rei“, die Wahrheit ist die Übereinstimmung des Intellekts mit der Sache. Darum war bei Wittgenstein schon die Rede von der Übereinstimmung, die er in Frage stellte und damit den klassischen Wahrheitsbegriff aushebeln wollte. Sie war der Dreh- und Angelpunkt der Wahrheit, wenn es darum ging, neuzeitlich gesprochen, Wahrheit als Adäquatio einer Erkenntnis mit einem Gegenstand zu haben. Wenn sie zu Fall gebracht ist, gibt es kein Wahrheitskriterium mehr, die Menschen sind zersplittert und haben kein anderes Kriterium auf dem Weg zur Wahrheit als ihre gegenseitigen Korrekturen. Akademisiertes Gespräch nennt man das im philosophischen Seminar – ein Gespräch, das ohne für alle nachvollziehbare Prinzipien verläuft.

Was aber tritt anstelle der Adäquation von Intellekt und Sache? Es ist die Kohärenztheorie, in der alle Glieder zur Übereinstimmung, zum Konsens, gebracht werden können. Die Philosophie von Habermas gehört diesem Typ an. Nach Habermas richten wir uns im Diskurs nicht mehr nach logischen oder metaphysischen Prinzipien, mit der wir die Wirklichkeit in Übereinstimmung bringen, sondern man soll versuchen, Konsens herzustellen und so durch fortschreitende Übereinstimmung aller zu einer besseren Welt kommen. Aber kann das funktionieren? Kann man wirklich erwarten, dass die Welt besser wird, wenn sie nach den Wünschen der Gesellschaft als einzigem Kriterium eingerichtet wird? Genau das ist aber das Experiment der Gegenwart auf allen Ebenen.

Kohärente Aussagen müssen keinen Bezug mehr auf eine Realität haben, etwa auf die authentische Lehre der Kirche. Es genügt, wenn man sich einig ist oder einfach Einheit herstellt und dadurch Realitäten schafft. Es ist erkennbar, wie haltlos und beliebig diese Auffassung von Wahrheit ist. Es gibt keinen Massstab mehr ausserhalb des Systems, sondern ein Kohärenzsystem ist so beliebig wie das andere. Ein Satz kann im einen wahr sein, im anderen falsch.

Aristoteles konnte noch meinen, es sei nichts einfacher als festzustellen, was wahr ist. Das Dilemma mit der Wahrheitsfindung ist, dass sie selbst ein Kriterium braucht. Denn offenbar sind ja historisch viele Wahrheitstheorien aufgetreten und man kommt um die Verlegenheit nicht herum, zeigen zu müssen, warum die eine besser ist als die andere. Für Thomas von Aquin war klar, dass es nur eine Wahrheit geben könne und diese nur im göttlichen Verstand gründe, nicht im menschlichen. Die offene Gesellschaft der Sprachspielgemeinschaft kann sich hiernach also nicht in der Wahrheit befinden. Nach Thomas verhält sich der menschliche Verstand zum Göttlichen wie Gemessenes zum Mass.

In der Trinität finden wir dieses Massverhältnis wieder. Vater und Sohn sind beide ewig, sie sind wesensverwandt göttlich, und der Sohn ist auch Mensch geworden. Es ist genau dieses Verhältnis, das die Adäquationslehre begründet: Nämlich die Unterschiedenheit dessen, was im Wesen identisch ist. So kann Geistiges und Reales nur zur Übereinstimmung kommen, weil das Reale im Kern geistverfasst ist, es ist Geschöpf vom Geist Gottes.

Eine absolute Begründung der Adäquationslehre als die metaphysische, die in der Trinität selbst gründet, gibt es für die anderen Wahrheitstheorien nicht. Sie sind darum haltlos, weil sie den Aspekt des Absoluten ausklammern. Wahrheitsfindung, zumal die in der Kirche, kann also nur über die Wahrheit als dem Göttlichen stattfinden, das selbst zugleich der Massstab einer jeden falschen Sichtweise ist. Und nur in dieser wahren Auffassung der Verhältnisse kann auch gesichert werden, dass der Mensch in seiner Würde gewahrt bleibt und nicht mit der Tierwelt verwechselt wird.

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