Berater des Päpstlichen Rats für die Familie gibt Einblick

Bedeutet die Synode zur Familie eine Revolution für die Kirche?

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Rom, 15. Oktober 2014, zenit.org, Redaktion

In einem Interview mit der französischen Ausgabe von ZENIT, das die Redakteurin Anita Bourdin führte, gab der Berater des Päpstlichen Rats für die Familie und des Päpstlichen Rats für Gesundheitswesen, Msgr. Tony Anatrella, eine Einschätzung über seine Sicht der Entwicklung und der Ergebnisse der derzeit im Vatikan stattfindenden Synode zur Familie und über das am Montag vorgestellte Abschlussdokument der ersten Woche, das unter den Bischöfen zu Diskussionen geführt hat. Neben seiner Tätigkeit als Berater ist Anatrella Psychoanalytiker und in Sozialpsychologie spezialisiert.

Nach seiner Beobachtung sei die erste Woche der Synodenarbeiten in grosser Freiheit und mit grosser Kenntnis der Situation der Familien von heute abgelaufen. Man habe spüren können, dass die Bischöfe direkten Kontakt mit Männern, Frauen und Kindern haben und eine realistische Sicht auf ihre Situationen. Die Ausdrucksweise sei die von wahren Hirten, die sich um ihre Schutzbefohlenen kümmern. Die Grundtendenz sei, dass niemand ausgeschlossen werden solle. Dabei ginge es jedoch nicht darum, eine Situation zu akzeptieren, sondern Lösungen zu finden, immer im Hinblick auf Barmherzigkeit und Wahrheit.

Da jeder seine Meinung offen vortrage, komme es durchaus zu Meinungsverschiedenheit innerhalb der Bischöfe, so Anatrella. Man sei mit der Beobachtung der Familie von heute beschäftigt und lasse sich mit den Lösungsvorschlägen Zeit, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. In brüderlicher Atmosphäre versuche man, sich den Lösungen anzunähern; die Diskussionen seien offen, aber immer mit Takt und Respekt geführt.

Das am Montag verlesene Dokument habe vor allem deswegen zu Kontroversen geführt, da dem Text nach Meinung vieler an Struktur gefehlt habe, beispielsweise bezüglich des Zugangs zu den Sakramenten von geschiedenen Wiederverheirateten und Homosexualität. Anatrella sagte, in diesem Zusammenhang sei es wichtig, den Schwerpunkt nicht aus den Augen zu verlieren und der liege nun mal auf dem Sinn der christlichen Ehe zwischen Mann und Frau, weswegen man zu dieser Synode auch Ehepaare eingeladen habe.

Auf die Frage, ob es Kardinäle gebe, die sich gegen den Papst stellen, sagte Anatrella, dies sei nicht der Fall, insbesondere da dieser keine Meinung äussere, keine Linie vorgegeben habe, sondern nur zuhöre. In den Pausen könne man mit ihm einen Kaffee trinken und er antworte kurz auf gestellte Fragen.

Zu den Inhalten sagte Anatrella, dass das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen nicht die Priorität habe, es gehe nicht allein um diese Frage. Tatsache sei, dass viele Christen in Zeiten der Krise nicht auf die Ressourcen der Sakramente zurückgreifen würden, um Krisen zu überwinden. Eine grosse Sorge der Synodenväter seien die Folgen einer Ehescheidungen für die Kinder. Eine weitere Sorge sei das Zeugen von Kindern, ohne sich der Verantwortung der Ehe zu stellen. Auf der anderen Seite sei der Geburtenrückgang besonders in der westlichen Welt erschreckend und man mache sich Gedanken über die kommenden Generationen, da es im Verhältnis zu den alten nicht mehr genug junge Menschen gebe. Ein weiteres Thema seien die Kommunikationsformen. So seien die Mittel der Kommunikation gestiegen, jedoch baue man weniger Beziehungen auf, da alles über Distanz gehe. Ein weiteres Problem der Kommunikation sei die Überfrachtung und Überforderung vieler Kinder und Jugendlichen mit Bildern von Sex und Gewalt, die sie nicht verarbeiten können. Anatrella nannte als weitere Besorgnis der Bischöfe ebenfalls die wachsende Gewalt in den Familien, sei es verbaler, sei es physischer Art.

Ein weiteres grosses Themenfeld seien die verfolgten christlichen Familien im nahen Osten, denen man zur Seite stehen müsse und die mehr als andere Unterstützung brauchen. Oft handle es sich nämlich um Familien, die zusammenbleiben wollen, durch die Umstände jedoch gezwungen werden, sich zu trennen, so Anatrella.

Auf die Frage, warum das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen einen so grossen Raum innerhalb der Diskussion der Synode einnehme, sagte Anatrella, dass dies seiner Meinung nach an einem stark subjektiven Umgang in der Gesellschaft mit der Unauflösbarkeit der Familie zusammenhänge. Man sehe den Ehevertrag als ein zeitlich begrenztes Dokument an, das jederzeit “weggeworfen” werden könne. Überdies sieht Anatrella hier einen grossen Einfluss der Medien, die diesem Thema besondere Aufmerksamkeit widmen. Jedoch sei es unbestritten, dass die Synode einen Weg finden müsse, wie man Menschen zu den Sakramenten zulassen könne, die in einer schwierigen Situation seien. Bisher werde oft die Segnung praktiziert, die anstatt der Kommunion erteilt werde. Viele der Geschiedenen und Wiederverheirateten führten weiterhin ein intensives Glaubensleben in ihren Gemeinden und würden diese Möglichkeit annehmen. Wie Anatrella anmerkte, gehe man bei den Diskussionen von gläubigen Menschen aus, die eng mit der Kirche verbunden seien und in ihr lebten. Er sagte, die christliche Eucharistie sei kein Recht und könne nicht unter jeder Bedingung vergeben werden. Er betonte, die wiederverheirateten Geschiedenen seien nicht von der Kirche ausgeschlossen oder exkommuniziert, sondern seien Mitglieder der Kirche mit einer pastoralen Mission. Auf die Frage hin, ob man in der Kirche nichts für die wiederverheirateten Geschiedenen tun könne, sagte Anatrella, die Synodenväter würden sich bemühen, Lösungen zu finden, die in der Logik der Theologie der Ehe und der Familie bestehen. Es sei nicht so, dass auf der einen Seite die Doktrin stehe und auf der anderen die Pastoral, es gebe eine Interaktion zwischen beiden. Besonders wichtig sei die Vorbereitung auf die Ehe, das Verdeutlichen, welchen Schritt man eingehe, wenn man sich ewig binde. Dies sei einer der Diskussionspunkte, die es zu bearbeiten gelte.

Nach Auffassung Anatrellas gebe es heute kein wirklich vertieftes Wissen darüber, was die Ehe eigentlich sei, man habe ihre Bedeutung vergessen. So wünsche die Kirche keine Zwangsehen, sondern Ehen, die auf der Liebe Gottes basieren. Man müsse das Sakrament der Ehe erneut in Erinnerung rufen, es verdeutlichen und erläutern. Grundsätzlich müsse man zwischen “Gefühlen” füreinander und “Liebe” unterscheiden, schon allein das sei in der Gesellschaft von heute ein wichtiger Ansatz. Insgesamt sei es notwendig, so Anatrella, die Ehen und Familien kontinuierlich auf ihrem Weg zu begleiten, ganz im Sinne einer Neuevangelisierung.

Bezüglich einer Zeit der Busse für wiederverheiratete Geschiedene sagte Anatrella gegenüber Zenit, dass dies ein vieldiskutiertes Thema besonders unter Priestern sei. Die theologischen Grundlagen dazu seien konfus. Das Problem sei, dass die wiederverheirateten Geschiedenen in einem ontologischen Widerspruch zum Sakrament der Ehe stünden. Die Unauflösbarkeit der Sakramente sei fundamental und man müsse schauen, ob man eine Lösung im Sinne der Barmherzigkeit finde. Die Frage, die sich stelle, sei, wie weit man gehen könne, was nicht zuletzt die Synode 2015 zeigen werde.

Auf die Frage einer eventuellen Segnung von homosexuellen Paaren, sagte Anatrella, die Synodenväter seien das Thema nicht unter diesem Aspekt angegangen und das Abschlussdokument der ersten Woche spiegle in keiner Form die Gedanken der Synodenväter wieder. Man könne eine gleichgeschlechtliche Beziehung nicht auf die Bedeutungsebene einer Beziehung zwischen Mann und Frau setzen. Denke man an die Logik der Familie, so sei eine solche Segnung undenkbar, geschweige denn das Zulassen einer pastoralen Aufgabe innerhalb der Kirche.

Abschliessend sagte Anatrella, die Synodenväter stünden unter einem enorm hohen Druck, stützten sich jedoch auf die christliche Version der Familie und schlügen eine altruistischere Sichtweise vor, die auf der Liebe Gottes basiere. Die wahre Revolution, die die Kirche vorschlage, sei nicht, sich allen Situationen anzupassen, was eine falsche Pastoral sei, sondern die Familie aufzuwerten, Menschen in Schwierigkeiten zu begleiten und die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen nicht ausser Acht zu lassen. Es sei wichtig, Männer und Frauen, die in Treue zueinander leben, zu unterstützen, da sie den wahren Sinn der Familie und das, was die Gesellschaft brauche, sichern würden.

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