Irak: Finstere Aussichten

Immer tiefer versinkt der Irak im Chaos

Die Tagespost, 11. August 2014

Von Oliver Maksan

Immer tiefer versinkt der Irak im Chaos. Zur jüngsten Offensive des “Islamischen Staats”, die Christen und Jesiden in existenzielle Verzweiflung treibt, kommt die sich verschärfende innenpolitische Krise. Die Regierungsbildung will nicht gelingen. Premier Maliki, Hauptschuldiger der konfessionell-ethnischen Polarisierung, besteht in einer verfassungsformalistischen Geisterfahrt auf seinem Recht auf eine dritte Amtszeit. Der Buchstabe mag für ihn sein: das Wohl des Landes und gesunder Menschenverstand hingegen nicht. Zu einer glaubwürdigen Regierung der nationalen Einheit ohne ihn gibt es keine Alternative. Der Vorstoss der Extremisten und die Verfassungskrise haben zusammen das Zeug, dem geschundenen Land den Todesstoss zu versetzen.

Durch Malikis Kompromisslosigkeit werden die sunnitischen Teile des Landes enger in das Bündnis mit den Terroristen getrieben. Alle Wetten, die Dschihadistenmiliz werde sich rasch überdehnen, die Koalition aus sunnitischen Stämmen und den Veteranen des Saddam-Regimes werde schnell zerbrechen, gingen bis jetzt verloren. Im Gegenteil: Der “Islamische Staat” gedeiht. Noch ist der Expansionsdrang der islamistischen Terrorgruppe nicht gestoppt. Längst haben sie sich mit konventionellen Waffen eindecken können. Das kurdische Erbil wurde jetzt nicht von Jagdgewehren auf Pickups bedroht, sondern von einer sich konsolidierenden Armee mit modernstem Gerät. Nach Syrien und dem Irak richten sich die Ambitionen der Islamisten zudem schon auf das nächste Ziel: den fragilen, durch Jahre des syrischen Konflikts innerlich geschwächten und zerrissenen Libanon.

Amerikas Politik ist derweil klar: Die Iraker wie zuvor schon die Syrer müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Allenfalls Eindämmung und humanitäre Nothilfe, nicht aber Zurückdrängung wollen Amerikas begrenzte Luftschläge leisten. Auf keinen Fall will sich Obama tiefer in das irakische Chaos verwickeln lassen. Und in einem hat er recht: Militärisch lässt sich die Lage im Zweistromland letztlich nicht lösen. Ohne militärische Komponente geht es aber auch nicht. Zu den aktuellen humanitären Luftschlägen gibt es keine Alternative. Zu einer Aufrüstung der Kurden ebenfalls nicht.

Das alles sind finstere Aussichten für den Irak im Ganzen und seine bedrohten Minderheiten im Besonderen. Die Christen, die zu Zehntausenden aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten in der Ninive-Ebene geflohen sind, werden in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückkehren können. Viele werden es auch nicht wollen und das Land schon jetzt verlassen. Andere sitzen auf gepackten Koffern, so sie solche überhaupt noch haben. Denn Irakisch-Kurdistan, wohin sie sich jetzt geflüchtet haben, kann solche Zahlen wirtschaftlich nicht integrieren. Wirklich sicher ist das Gebiet auch nicht, wie sich jetzt gezeigt hat. Die Vertreibung und die Gräueltaten der Dschihadisten stellen zudem eine mentale Wasserscheide in der modernen Geschichte der irakischen Christen dar. Nichts mehr ist so, wie es zuvor einmal war. Die Christen im Westen sind gefordert, ihre Schwestern und Brüder im Irak jetzt grosszügig zu unterstützen. Die verlorene Heimat können Hilfswerke ihnen aber auch nicht zurückgeben.

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