“Wir müssen das Salz des Irak sein”

Gerade angesichts all der Probleme bemühen sich irakische Christen weiter um ein Leben aus dem Glauben

Kirkuk , Die Tagespost, 02. Juli 2014

Versteckt liegt die Kathedrale der Chaldäer in Kirkuk. Strassensperren und Polizeiposten muss passieren, wer zu der in einem Wohnviertel gelegenen Kirche gelangen will. Ein Denkmal vor dem Gebäude macht klar, warum das so ist. Es erinnert an die Christen, die nach der amerikanischen Invasion Anschlägen zum Opfer gefallen sind, auch in Kirkuk. Seit Jahren ist die Stadt unruhig und umkämpft. Kirkuk ist dabei nicht gerade ein Ausbund an Schönheit. Staubig ist der Ort. Unbarmherzig scheint die Sonne auf eine endlose Ansammlung von ohne ästhetischen Anspruch errichteten Zweckbauten. Ödes Land liegt umher.

Dennoch weckt der zwischen Arabern, Kurden und Turkmenen umstrittene Ort Begehrlichkeiten. Die Kurden beanspruchen wie die Bagdader Zentralregierung das ölreiche Gebiet seit Jahren für sich. Ihr “Jerusalem” nennen sie es. Ein immer wieder aufgeschobenes Referendum sollte endlich Klarheit verschaffen, wo die Mehrheit der Bevölkerung ihre Zukunft sieht. Doch jetzt, mit dem blitzartigen Vordringen von ISIS, haben die Kurden Fakten geschaffen und die Stadt ihrem Kontrollgebiet einverleibt. Tausende Flüchtlinge, vor allem Sunniten, haben jetzt hier Zuflucht gesucht. Kaum zwanzig Kilometer trennen den Ort von den Dschihadisten. “Sie sind gekommen, weil sie einerseits nicht unter ISIS leben wollen. Ausserdem fürchten sie, dass es zu Kämpfen zwischen der Zentralregierung und den Aufständischen kommt”, berichtet Abuna Kaes, der Pfarrer der Kathedrale. Über 500 Familien hilft das chaldäische Bistum derzeit. Nur etwa zwanzig von ihnen sind Christen. “Wir betrachten es als unsere christliche Pflicht, allen Menschen zu helfen, seien es Christen, seien es Muslime. Wir machen da keinen Unterschied”, so der junge Geistliche.

Das sehen auch die Jugendlichen so, die zusammen mit Dominikanerschwestern Hilfspakete vorbereiten. Bohnen, Öl, Zucker und Mehl füllen sie in grosse Tüten, die den Flüchtlingen in Bälde übergeben werden. Hunderte solcher gelber Care-Pakete stapeln sich im Gemeindesaal der Pfarrei. “Wir sind Christen. Wir müssen helfen, wenn wir unserem Glauben treu bleiben wollen, egal ob es Christen sind oder Muslime”, sagt die 29-jährige Rita, Lehrerin an der diözesanen Schule. “Ich glaube, dass das der beste Weg ist zu zeigen, dass wir alle Iraker sind und eigentlich zusammenleben könnten.” Der 20-jährige Raes stimmt zu. “Wir Christen sollen das Salz der Erde sein, auch des Irak. Dazu sind wir da. Das haben mir meine Eltern von Anfang an beigebracht. Ohne uns würde dem Irak etwas wichtiges fehlen.”

Beide gehören geistlichen Gruppen an, die es in der Pfarrei gibt. Sie sollen jungen Menschen helfen, ihr Christsein unter den Bedingungen des Irak zu leben. Christsein soll nicht mehr nur von der Familie ererbte Tradition sein, sondern echte und bewusste Berufung. Regelmässig treffen sie sich zu Gebet und Katechese. Aber eben auch die Caritas gehört dazu. Rita hat dabei immer wieder daran gedacht, das Land zu verlassen. “Aber das ist meine Heimat. Die gibt man nicht so einfach auf.” Der junge Raes geht noch tiefer. “Als Christen wissen wir, dass unsere wahre Heimat der Himmel ist. Hier auf Erden sollen wir uns bewähren, wo wir von Gott hingestellt worden sind. Ich sehe meine Zukunft deshalb im Irak.” Doch Abuna Kaes weiss, wie schwierig es für die Kirche geworden ist, junge Christen gerade davon zu überzeugen. “Die Gesamtlage hier ist schlecht, wie alle Welt weiss. Es gibt keine Sicherheit. Auch der Wirtschaft geht es nicht gut. Viele junge Christen finden keine Jobs. Wenn wir Pfarrer den jungen Leuten predigen, ihr Christsein weiterhin im Irak zu leben, sagen sie uns: Schön, Vater, aber wenn wir bleiben und unsere Kinder getötet werden, wer übernimmt dann die Verantwortung?” Abuna Kaes weiss darauf keine Antwort zu geben. “Sie haben ja recht. Was soll ich ihnen da entgegnen?”

Sein Erzbischof, Yousif Thomas Mirkis, kennt diese Situationen ebenfalls. “Es gehört schon ein Stück Verrücktheit dazu, um bewusst als Christ im heutigen Irak leben zu wollen.” Den Beitrag der Christen zu Geschichte und Gegenwart des Landes setzt er dabei hoch an. “Wir Christen haben wirtschaftlich und intellektuell viel geleistet. Viele Schriftsteller und Professoren waren Christen. Vor 2003 stellten wir nur drei Prozent der Bevölkerung, aber vierzig Prozent der Mediziner. Das sagt doch viel, oder? Das erkennen auch die Muslime an.” Und trotz der für Christen verheerenden Lage will er, der intellektuelle Dominikaner, der Jahre in Frankreich gelebt und studiert hat, mit seiner Sendung fortfahren. “Ich spreche auf vielen Konferenzen oder in privaten Gesprächen mit der muslimischen Elite und werbe für ein Modell gerechten Zusammenlebens im Irak. Ich sehe das als unsere Pflicht als Christen an. Aber es ist eine Sisyphos-Arbeit. Die arabisch-islamische Welt ist vom Extremismus gekidnappt worden.”

Mögen also auch die grossen Umstände gegen die christliche Präsenz im Irak sprechen – auch Erzbischof Mirkis hat wenig Hoffnung für den Fortbestand der irakischen Christenheit –, so will er dennoch mit der Mission der Kirche unbeirrt fortfahren. “Gerade jetzt”, sagt er. Momentan konzentriert sich sein Bistum dabei vor allem auf die Flüchtlingshilfe, für die der Erzbischof um Geld wirbt. “Wir verteilen jetzt Lebensmittel. Der Bedarf ist gross. Ohne Hilfe von aussen können wir das auf Dauer nicht leisten”, sagt er. “Doch die Vorsehung wird uns schon helfen. Wir legen auch noch ein Bild der Gottesmutter bei. Die Muslime verehren Maria bekanntlich auch als Mutter Jesu. Das soll keine Missionierung sein, sondern ein liebevoller Gruss von ihren christlichen Brüdern.”

 

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