Mk 1,12-15 – Erster Fastensonntag B

Homilie Bischof Dr. Vitus Huonder – Pastoralbesuch Klosters, 26.02.2012

Brüder und Schwestern,

unser Herr Jesus Christus ruft die Menschen seiner Zeit auf, umzukehren und das Evangelium anzunehmen: “Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.” “Umkehren” bedeutet, seinen Lebenswandel ändern, sich vom Bösen, von der Sünde abwenden und sich Gott zuwenden. “Glauben” bedeutet annehmen, ernst nehmen, für wahr halten. Die Menschen sollen an das Evangelium glauben, sie sollen das Evangelium annehmen und die Wahrheit des Evangeliums ernst nehmen. “Evangelium” bedeutet Botschaft, frohe Botschaft, gute Botschaft. Mit dem Evangelium meint Jesus die Botschaft vom Reich Gottes, die Wahrheit, die von Gott berichtet und Gottes Willen kundtut. Das Evangelium ist die göttliche Botschaft, die Jesus bringt und für die er sein Leben einsetzt. Daher verstehen wir unter Evangelium letzendlich einfach das Leben Jesu, die Lebensgeschichte Jesu. Dieses Leben sollen wir betrachten und uns Jesus selber zuwenden.

“Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.” Jesus fordert uns zum Glauben auf, zum Glauben an Gott, zum Glauben an seine Botschaft. Damit ist nicht ein rein intellektueller Glaube gemeint, nämlich die Feststellung oder Erkenntnis, dass es Gott gibt und dass die Existenz dieser Welt vernünftigerweise ein Wesen voraussetzt, das unendlich gross und mächtig ist.

Mit Glauben ist mehr gemeint. Es ist die Praxis des Glaubens gemeint, nämlich mein Leben nach Gott auszurichten und mit Blick auf Gott zu gestalten. Aus der Botschaft Jesu geht dann auch hervor, wie er diese Praxis des Glaubens versteht. Der Glaube ist für den Menschen so wesentlich wie das Essen und Trinken, so wesentlich wie das Schlafen und Atmen. Das bedeutet, dass im Menschen, der nicht glaubt oder nicht mehr glaubt und sich um den Glauben nicht kümmert, etwas zugrunde geht und abstirbt. Der Mensch verliert eine seelische Dimension, er verliert eine Lebensfunktion, eine seelische-geistige Lebensfunktion. Es sterben ihm gewissermassen “Hirnzellen” ab. Weil diese Funktion seelisch-geistiger Natur ist, wird der Mensch dessen nicht inne oder oft zu spät inne, anders als wenn materielle, körperliche Mängel in Erscheinung treten.

Einer der bedeutendsten Psychologen des vergangenen Jahrhunderts ist gewiss Carl Gustav Jung. Er lebte von 1875 – 1961. Heute noch wird ein Institut in Zürich nach seinem Namen benannt. Durch seine psychologische Praxis hatte er einen tiefen Einblick in das Seelenleben vieler Menschen und auch in die Ursachen mancher psychischen Erkrankungen. Er hat dabei festgestellt, dass die religiöse Bindung des Menschen für das seelische Gleichgewicht von entscheidender Bedeutung ist. Sagt er doch: “Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heisst jenseits 35, ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht.”

Diese Aussage eines Psychologen zeigt uns, wie wichtig der Glaube für den Menschen ist. Letzlich kann der Mensch nur durch den Glauben, durch seine Zuwendung zu Gott, Heil finden. Auf diesem Hintergrund können wir die Aufforderung unseres Herrn besser verstehen und wertschätzen. Ja, wir begreifen, was Jesus mit dieser Aufforderung möchte: Er möchte uns Heil und Heilung schenken. Er möchte, dass wir den Sinn unseres Lebens erreichen, nämlich Gott selber. Denn – und damit möchte ich nochmals Carl Gustav Jung zitieren – “Kein materielles Interesse, weder Autos noch Medien noch Wolkenkratzer können die hungrigen Seelen sättigen.”

Wir haben am vergangenen Mittwoch die vierzigtägige Fastenzeit begonnen, die Zeit, der Vorbereitung auf das Osterfest und der Rückbesinnung auf unsere Taufe, die den Anfang unseres Christseins markiert. Wir wollen diese Tage als eine Zeit benutzen, um uns von neuem auf unseren Glauben zu besinnen und diesen Glauben zu neuem Leben zu bringen.

Amen.

Quelle: pdf
BischofHuonder: “Die Grundlage, der Glaube, muss neu erarbeitet werden
BistumChur: Leitlininien betreffend “Kirchenaustritten”

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