Kirchen müssten in ethischen Fragen mit einer Stimme sprechen

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen

Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates bedauert fehlende Übereinstimmung in Fragen des Lebens und der Ehe – aktueller Stand der Ökumene – wachsende Freikirchen sind besondere Herausforderung

Innsbruck, kath.net/KAP, 15.02.2012

Die christlichen Kirchen müssen in ethischen Fragen endlich mit einer Stimme sprechen. Das hat Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, eingemahnt. Kardinal Koch ist Hauptreferent einer grossen internationalen Ökumene-Tagung in Innsbruck, die noch bis Mittwoch andauert.

Im “Kathpress”-Gespräch am Rande der Tagung betonte Koch den grundsätzlichen Einsatz der Kirchen für den Schutz des menschlichen Lebens von dessen Anfang bis zum Ende. In kritischen Bereichen wie Stammzellenforschung, Abtreibung und Euthanasie würden die Kirchen jedoch nicht mit jener einheitlichen Stimme sprechen, die um der Glaubwürdigkeit willen notwendig wäre. Dasselbe gelte auch für den Bereich von Ehe und Familie oder Homosexualität.Während in einer früheren Phase der ökumenischen Bewegung das Losungswort geheissen habe, “Glaube trennt – Handeln vereint”, werde dieses heute gleichsam auf den Kopf gestellt, bedauerte Koch. Gegenwärtig trenne vor allem die Ethik, und der Glaube verbinde. Da hinter unterschiedlichen Sichtweisen zumeist Fragen des Menschenbildes stehen, sieht der Kurienkardinal die Ausarbeitung einer “gemeinsamen christlichen Anthropologie” als eine grosse Aufgabe, die auf die Ökumene zukommt.

Kritisch merkte Koch einmal mehr an, dass im Laufe der Zeit das Ziel der ökumenischen Bewegung stets undeutlicher geworden sei. Vor allem von verschiedenen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sei die ursprüngliche Zielvorstellung der sichtbaren Einheit im gemeinsamen Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern immer mehr aufgegeben worden.

Anstelle dieses Ziels sei das Postulat der gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen Kirchen als Kirchen und somit als Teile der einen Kirche Jesu Christi getreten. Koch: “Eine solche Zielvorstellung ist für die katholische und orthodoxe Kirche ungenügend.”

Katholisch-orthodoxe Stolpersteine

Zum Dialog mit der orthodoxen Kirche räumte Koch ein, dass es sich in erster Linie an der Frage der Stellung des Papstes spiesse. Auch die Gespräche der offiziellen katholisch-orthodoxen Dialogkommission waren zuletzt ins Stocken geraten. Die letzte Vollversammlung der Dialogkommission hatte sich im September 2010 in Wien mit der Rolle des Bischofs von Rom in der Gemeinschaft der Kirche des ersten Jahrtausends befasst. Daraus wollte man Rückschlüsse auf ein mögliches künftiges Einheitsmodell ziehen. Es war aber in Wien nicht möglich, Übereinstimmung über ein gemeinsames Dokument zu erzielen.

Die orthodoxe Seite habe auch erklärt, in der Weiterarbeit an dieser historischen Frage keinen Sinn mehr zu sehen, deutete Koch an. Man wolle sich künftig deshalb wieder theologischen Fragen widmen. Für eine weitere Vollversammlung sei es 2012 aber jedenfalls zu früh.

Einen grossen Fürsprecher, dass die Arbeit der Kommission in jedem Fall fortgesetzt werden soll, hätten die involvierten Theologen in Patriarch Bartholomaios I. Koch würdigte das Oberhaupt der orthodoxen Kirche für dessen “leidenschaftliches Herz für die Ökumene”.

Man müsse katholischerseits auf jeden Fall Geduld mit der orthodoxen Kirche haben. Diese stehe vor grossen internen Herausforderungen. Er hoffe, so der Kardinal, dass es möglichst bald zu einem panorthodoxen Konzil kommen wird. Im Fall eines positiven Verlaufs werde dies sicher auch wertvolle Impulse für die Ökumene mit sich bringen.

Ausdrücklich wies der Kardinal darauf hin, dass die römisch-katholische Kirche das Beispiel der mit Rom unierten Ostkirchen nicht als Vorbild für eine Einheit mit der orthodoxen Kirche ansehe. Zugleich gelte es aber von Seiten der römisch-katholischen Kirche grosse Wertschätzung für die unierten Kirchen aufzubringen.

Sehr positiv bewertete der Kardinal die Gespräche mit den altorientalischen Kirchen. Hier zeige sich immer deutlicher, “dass uns im Glauben sehr viel verbindet”. Allerdings seien die kulturellen Unterschiede beträchtlich und würden die Gespräche oftmals behindern.

Dialog mit reformierten Kirchen

Ausdrücklich wies der Präsident des Einheitsrates den Einwand zurück, dass der katholisch-orthodoxe Dialog den Dialog mit den Kirchen der reformierten Tradition behindere. Das sei schlichtweg nicht der Fall.

Freilich seien vor allem die Unterschiede im kirchlichen Grundverständnis beträchtlich. Der von katholischer und orthodoxer Seite betonte Zusammenhang zwischen Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft werde von evangelischen Christen so nicht vertreten.

Dass man sich aber gerade in diesen zentralen Fragen um eine Annäherung bemühen müsse, stehe ausser Zweifel, so Koch. Er verwies auf die gemeinsame katholisch-lutherische Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999. Nach diesem Vorbild wünsche er sich ein Dokument zu “Kirche – Eucharistie – Amt”.

Es brauche solche gemeinsame Erklärungen, die von den Kirchenleitungen mitgetragen werden, so Koch. Ein grosses Problem besteht für den Kurienkardinal nämlich darin, dass die von theologischen Kommissionen erarbeiteten ökumenischen Dokumente von den Kirchenleitungen in der Regel nicht rezipiert würden.

Im Hinblick auf das vor rund einem Jahr neu geschaffene Personalordinariat für zum Katholizismus übergetretene britische Anglikaner nahm Koch Papst Benedikt XVI. gegen Kritiker in Schutz. Es habe sich um keine Initiative des Papstes gehandelt, die Anfrage sei von anglikanischer Seite gekommen. In Würdigung der grossen Schätze der anglikanischen Tradition habe der Papst diese – “durchaus zukunftsweisende” – Form des Ordinariats gewählt, betonte der Kardinal. Sie erlaube den Konvertiten die Beibehaltung anglikanischer Traditionen bei gleichzeitiger Gemeinschaft mit dem Papst. Freilich handle es sich dabei um keine ökumenische Angelegenheit, sondern um eine Form der Konversion. Nachsatz: “Und eine solche muss immer möglich sein. Das ist eine Frage der Gewissensfreiheit.”

Herausforderung durch Freikirchen

Die vielleicht schon grösste ökumenische Herausforderung für die römisch-katholische Kirche liege in der wachsenden Bedeutung der Freikirchen, so Koch weiter. Von ganz besonderer Bedeutung sei dabei die zahlenmässig rapide Zunahme pfingstlerischer Gemeinschaften, die weltweit die zweitgrösste kirchliche Gemeinschaft nach der römisch-katholischen Kirche darstellen.

Vorwiegend in lateinamerikanischen Ländern würden Katholiken von den pfingstlerischen Gemeinschaften in grösserer Zahl abgeworben, so Koch: “Die katholische Kirche muss selbstkritisch nach den Gründen fragen, warum so viele Katholiken zu diesen Bewegungen übertreten, und darf dabei nicht der Versuchung erliegen, deren teilweise problematischen Evangelisierungsmethoden zu übernehmen.”

Auch wenn die pentekostalen Gemeinschaften oft ausgesprochen antiökumenische Positionen vertreten und eine antikatholische Haltung einnehmen, sei der Dialog mit ihnen aufgrund der aktuellen Entwicklung vordringlich. Insofern sei es als sehr positiv zu bewerten, dass es nun eine Kommission für diesen Dialog gebe. Freilich räumte der Kardinal ein, dass die zum Gespräch mit der katholischen Kirche bereiten Gruppierungen nicht unbedingt repräsentativ für alle pfingstlerischen Gemeinschaften seien.

Einsatz für Menschenwürde und Religionsfreiheit

Den Einsatz für die Achtung der Religionsfreiheit und der Menschenwürde bezeichnete Koch als “vordringliche Verantwortung der Christen heute”. 80 Prozent aller Menschen, die heute wegen ihres Glaubens verfolgt werden, seien Christen. Alle Kirchen seien verpflichtet, ihren verfolgten Glaubensgeschwistern gemeinsam beizustehen.

Skeptisch äusserte sich der Kurienkardinal zur jüngeren Entwicklung, dass nach einer Zeit der Annäherung zwischen den Kirchen heute in beinahe allen Kirchen die Rückfrage nach der eigenen konfessionellen Identität wiederum virulent geworden sei. Das sei einerseits zwar verständlich und auch zu begrüssen, “weil Begegnung und Dialog die je eigene Identität voraussetzen”.

Schwierig oder gefährlich werde es aber dort, wo die gewachsene Überzeugung, dass die Kirchen schon jetzt mehr eint als trennt, hinter die einseitige Betonung der Unterschiede zurücktreten müsse. Soweit dürfe es nicht kommen, so Koch.

Der Einsatz für die Einheit der Christen sei kein Hobby für einige wenige, sondern Verpflichtung für alle Getauften. Im Hinblick auf die kommenden Pfarrgemeinderatswahlen meinte der Kardinal deshalb auch, dass die Pfarrgemeinderäte in besonderer Weise dieses ökumenische Bewusstsein fördern müssten.

Quelle
Ukraine: Katholisch-Orthodoxe Beziehung noch nie so gut, wie heute
KircheInNot

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