Kardinal Koch: Unmöglich, Jünger Christi und gleichzeitig Antisemit zu sein

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch ist Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen. Wir sprachen mit ihm über das neue Vatikandokument „Ein Weg der Hoffnung“, das die Konzilserklärung „Nostra aetate“ würdigt

Quelle
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Interview

Wie wichtig ist das Bewusstsein für die jüdischen Wurzeln für den christlichen Glauben? Wie weit ist der Weg noch, bis diese wiederentdeckt werden?

„Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist.“ Mit diesen Worten beginnt Artikel 4 von „Nostra aetate“; damit wird deutlich gemacht, dass die Beziehung zum Volk Israel, dem Volk des Bundes, ein integraler Bestandteil des Selbstverständnisses der katholischen Kirche ist, die sich ohne Bezug zum Judentum nicht verstehen könnte. Daher verweist „Nostra aetate“ auf die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens und spricht von einem „gemeinsamen geistlichen Erbe“ von Juden und Christen. An dieses Erbe muss auch heute in der Katechese und in der Verkündigung des Evangeliums erinnert, und es muss lebendig gehalten werden. Dazu kann die Vertiefung der innigen Einheit zwischen Altem und Neuem Testament im christlichen Denken und in der Liturgie der Kirche wesentlich beitragen.

„7. Oktober und seine Folgen: Wir müssen ehrlich miteinander über diese neue Situation sprechen“

In dem neuen Vatikandokument wird eingeräumt, dass „die Konflikte, die in den letzten Jahren im Nahen Osten ausgebrochen sind, auch im jüdisch-christlichen Dialog ihre Spuren hinterlassen haben. Viele Brücken der Kommunikation sind ins Wanken geraten…“. Wie kann sichergestellt werden, dass die Verurteilung dessen, was in den palästinensischen Gebieten geschehen ist und geschieht, die Freundschaft und den Dialog mit den Juden nicht trübt?

Viele Christen finden sich wieder in einem schmerzhaften Spannungsfeld zwischen ihrer Verbundenheit mit dem jüdischen Volk und ihrer ethischen Verpflichtung gegenüber den Leidenden in Gaza, insbesondere den zivilen Opfern.

Wir müssen ehrlich miteinander über diese neue Situation sprechen. Denn gerade in Situationen wie diesen ist es unerlässlich, den Dialog nicht abreißen zu lassen, wie Papst Leo XIV. betont hat: „Auch in diesen schwierigen Zeiten, die von Konflikten und Missverständnissen geprägt sind, ist es notwendig, unseren so wertvollen Dialog mit Elan fortzusetzen.“ Die Kirche erkennt daher ihre Verpflichtung an, sich für den Frieden sowohl für das israelische als auch für das palästinensische Volk einzusetzen. Der Heilige Stuhl war schon immer davon überzeugt, dass nur die Schaffung zweier Staaten Frieden im Nahen Osten bringen kann.

„Das Judentum ist der Mutterboden, aus dem das Christentum hervorgegangen ist“

Der Antisemitismus nimmt weltweit zu. Was ist die Aufgabe der Christen angesichts dieses Phänomens, ausgehend von den Lehren der „Nostra aetate“?

Man kann kein gutes Familienmitglied sein, wenn man seine Mutter nicht wertschätzt und liebt. Das Judentum ist der Mutterboden, aus dem das Christentum hervorgegangen ist. Das Konzil verurteilt den Antisemitismus daher nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch aus Nächstenliebe im Sinn des Evangeliums. Das bedeutet, dass es unmöglich ist, Jünger Jesu Christi und zugleich Antisemit zu sein. Alle Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben dies mit großer Überzeugung bekräftigt, und Papst Leo XIV. hat dies noch einmal unterstrichen.

vatican news, 16. September 2026

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