Ukraine: „Eine blühende Demokratie“ trotz des Krieges
Die Ukraine kämpft nicht nur um ihr Überleben, sondern auch um ihre Demokratie. Trotz Krieg, Erschöpfung und täglicher Bedrohung protestieren die Menschen, wenn sie politische Entscheidungen für falsch halten, und fordern ihre Regierung zum Kurswechsel auf. Renovabis-Geschäftsführer Thomas Schwartz nennt das in unserem Gespräch eine bemerkenswerte Stärke – und einen wichtigen Grund für Europas Unterstützung

Christine Seuss – Vatikanstadt
Der Krieg hat die Menschen in der Ukraine nach Einschätzung von Renovabis-Geschäftsführer Thomas Schwartz zwar stark zermürbt – zugleich beobachtet er eine neue Zuversicht. Bei seinen Gesprächen in der Ukraine im Juli habe er den Eindruck gewonnen, dass viele Menschen inzwischen davon überzeugt seien, den Krieg nicht zu verlieren, sagte er uns im Gespräch im Vorfeld des Ukrainischen Unabhängigkeitstages am 24. August. Diese Zuversicht sei angesichts der enormen Belastungen für viele geradezu überlebenswichtig, so Schwartz.
Besonders bemerkenswert sei für ihn die Widerstandskraft der ukrainischen Zivilgesellschaft. Trotz Krieg, Raketenangriffen und der täglichen Bedrohung würden die Menschen politische Entscheidungen, die sie für falsch hielten, nicht einfach hinnehmen. Proteste hätten zuletzt sogar dazu geführt, dass politische Entscheidungen revidiert wurden. Für Schwartz zeigt sich darin eine „blühende“, wenn auch nicht perfekte Demokratie mit einer „wirklich funktionierenden Bürgergesellschaft“, die er sich in dieser Form auch in anderen europäischen Ländern wünschen würde.
Gerade darin sieht Schwartz auch einen wesentlichen Grund für eine europäische Perspektive der Ukraine. Das Land habe in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderes für Werte wie Freiheit, Demokratie und offene Diskussion eingestanden. Ein EU-Beitritt sei deshalb nicht nur eine politische oder wirtschaftliche Frage, sondern auch ein Signal, dass sich der Einsatz der Ukrainer für diese Werte gelohnt habe. Die Aussicht auf die europäische Wertegemeinschaft gebe den Menschen Hoffnung, dass der Krieg nicht vergeblich geführt werde.
Eine Generation, die nur Krieg kennt
Gleichzeitig warnt Schwartz davor, die Ukraine auf ihre militärische Situation zu reduzieren. Die Gesellschaft sei müde und „zermürbt“. Besonders Kinder und Jugendliche seien betroffen: Manche hätten bewusst nie etwas anderes als Krieg erlebt. Renovabis arbeitet deshalb bereits mit Partnern an Programmen zur Behandlung der psychischen Folgen und Traumata.
Auch der Wiederaufbau müsse trotz der anhaltenden Angriffe schon jetzt beginnen – nicht zuletzt, weil er Hoffnung gebe. „Wer immer nur auf die Ruinen sieht, der verliert die Hoffnung“, sagt Schwartz. Die Kirche habe dabei die Aufgabe, den Menschen Perspektiven zu eröffnen und ihnen Gründe zu geben, im Land zu bleiben und an die Zukunft ihrer Kinder zu denken.
Hoffnung auf Wiederaufbau lebenswichtig
Die wiederholten Friedensappelle von Papst Leo bewertet Schwartz ebenfalls als wichtige Unterstützung. Für die Ukrainer sei es tröstlich zu wissen, dass eine international gehörte Stimme auf der Seite des Friedens und des Schweigens der Waffen stehe – und nicht auf der Seite eines Sieges.
Am Ende richtet Schwartz einen Appell an die Menschen außerhalb der Ukraine: Die Unterstützung dürfe nicht nachlassen. Zugleich müsse man sich gegen Erzählungen stellen, die Ukraine sei letztlich nur ein Teil Russlands. Die Ukrainer müssten selbst über ihre Zukunft entscheiden dürfen – so wie andere Völker auch.
vatican news, 21. August 2026
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