Johannes Paul II. – Das Gewissen der Welt *UPDATE
Der polnische Papst antwortete auf das Zerstörungswerk der atheistischen Ideologien mit der Botschaft von der Königswürde der Person
Quelle
Verteidiger des Rechtsstaates | Die Tagespost
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Kardinal Dziwisz: Heiligkeit von Papst Johannes Paul II. war “gewöhnlich”
03.04.2025
Stephan Baier und Stefan Rehder
Wie konnte der “Jahrhundert-Papst”, als der der heilige Johannes Paul II. bezeichnet wird, zum “Gewissen der Welt” avancieren? Einer Welt, die sich in Teilen nicht nur säkularistisch, sondern auch aggressiv atheistisch, glaubens- und kirchenfeindlich präsentierte? Die Antwort mag paradox klingen, ist es aber nicht. Johannes Paul II. und jene, die die Kirche und ihn bekämpften, ging es letztlich um dasselbe: um die Selbstverwirklichung des Menschen.
Während die Moderne die Selbstverwirklichung des Menschen in der Abkehr von und der maximalen Distanz zu Gott, Glaube und Religion denkt, ließ der Personalismus, den der Philosoph Karol Wojtyla in der kritischen Auseinandersetzung mit Denkern wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Kant und Scheler entwickelte, den Bischof, Kardinal und Papst einen “christozentrischen Humanismus” vertreten, der so selbstlos und edel war, dass ihm Respekt und Anerkennung nicht verwehrt bleiben konnten.
Vernunftbegabtes Abbild des dreifaltigen Gottes
Mit der Pastoralkonstitution “Gaudium et spes”, an deren Formulierungen er als Konzilsteilnehmer mitwirkte und die er als Papst später häufig zitieren sollte, war Johannes Paul II. davon überzeugt, dass der Mensch das einzige Geschöpf auf Erden ist, das von Gott um seiner selbst willen gewollt wird (GS 24). Als imago Dei, als vernunftbegabtes Abbild des dreifaltigen Gottes, besitzt er “eine erhabene Würde” und “überragt” als Person “die ganze Dingwelt” (GS 26). Weil Gott trinitarische Liebe ist, erfährt sich auch der Mensch als sein Ebenbild wesenhaft auf Gemeinschaft hingeordnet; so sehr, dass “sich der Fortschritt der menschlichen Person und das Wachsen der Gesellschaft… gegenseitig bedingen” (GS 25). Und weil das Wesen der Liebe darin besteht, sich zu verschenken, kann sich der Mensch letztlich “nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden” und verwirklichen. Aufgrund seiner durch die Erbsünde verwundeten und fortan zum Bösen neigenden Natur vermag der Mensch dies nicht aus eigener Kraft. Er bedarf der helfenden Gnade Gottes, der sich durch die Menschwerdung in Jesus Christus “gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt” hat (GS 22).
Während die Moderne meint, in der “Selbstbehauptung” den Schlüssel zur Selbstverwirklichung des Menschen gefunden zu haben, bestand er für Johannes Paul II. in der frei gewählten “Selbsthingabe” des Menschen an Gott und die Mitmenschen. Zum Drama und Geheimnis des Menschen gehörte für Johannes Paul II., dass sich die menschliche Person durch ihre Taten konstituiert, wie er in seinem 1969 erschienen philosophischen Hauptwerk “Person und Tat” darlegt. Die Moderne pflegt, jedenfalls in ihrer vulgären Form, den Menschen losgelöst von seinen Handlungen zu denken, als seien gute und böse Taten wie weiße und schwarze Murmeln, die er im Laufe seines Lebens anhäufe. Für Johannes Paul II. hingegen affiziert das Handeln die Person, sodass der Mensch, der das Gute tut, “als Person gut wird oder gut ist”. Entfalten und sich selbstverwirklichen kann sich der Mensch als Person daher nur im Tun des Guten. Sich dem zu verweigern, bedeutet Entwicklungsverzicht und Missbrauch der gottgegebenen Freiheit, die immer eine Freiheit “zu” und nie “von” etwas ist.
Für eine neue Zivilisation der Liebe
Insofern erwuchs der Einsatz Johannes Pauls II. für den Aufbau einer “Kultur des Lebens” und einer “neuen Zivilisation der Liebe”, die sich dem “Schutz des Lebens” ebenso verpflichtet sieht wie der Förderung der Familie als früheste und übersichtlichste Form personaler Gemeinschaften und der Wahrung der Menschenrechte, aus einer inneren Notwendigkeit, die sich aus den Einsichten in die wahre Natur des Menschen und seine personalen Struktur speiste. Bisweilen wurde Johannes Paul II. sein gesellschaftspolitisches Engagement und sein unermüdlicher Einsatz für die Schaffung einer gerechteren Welt von innerkirchlichen Kritikern zum Vorwurf gemacht: Als würde Gott dadurch vernachlässigt.
Tatsächlich folgte Johannes Paul II. einer in der Sache begründeten Unerlässlichkeit: Weil Gott am Menschen gewissermaßen einen Narren gefressen hat, kann niemand Gott lieben und dienen, der diese Leidenschaft nicht teilt. Der Auftrag Christi, “Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben” (Joh 13,34), ist keine Option, der sich der gläubige Christ auch verschließen könnte; sie gehört zu seiner DNA. Insofern lässt, wer es an Nächstenliebe fehlen lässt, es auch an Gottesliebe fehlen. Jesus selbst bezeugt dies mehrfach, etwa wenn er im Matthäusevangelium sagt: “Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan” (Mt 25,45).
Übel von metaphysischer Größenordnung
Weil Johannes Paul II. nicht bloß lehrte, was er glaubte, sondern auch lebte, was er lehrte, bezeugte er auch denen Achtung und Respekt, die anders dachten und handelten als er. Sein Personalismus war für jeden, der ihm begegnete, mit Händen zu greifen, zog in den Bann und gebar Achtung und Respekt. Als Papst löste Johannes Paul II. bei unzähligen Begegnungen so ein, was er als Erzbischof von Krakau dem Jesuiten Henri de Lubac, anvertraute, als er schrieb: “Meine seltenen freien Augenblicke widme ich einer Arbeit, die mir sehr am Herzen liegt und die sich mit der metaphysischen Bedeutung und dem Geheimnis der Person beschäftigt. Mir scheint, dass die heutige Debatte auf dieser Ebene stattfindet. Das Übel unserer Zeit besteht in der Hauptsache aus einer Art Erniedrigung, ja einer Pulverisierung der fundamentalen Einzigartigkeit jeder menschlichen Person. Das Übel ist eher von einer metaphysischen Größenordnung als von einer moralischen. Auf diese von den atheistischen Ideologien zurzeit geplante Zerstörung müssen wir mit einer Art ‘Rekapitulation’ des unverletzlichen Geheimnisses der Person antworten, nicht nur mit steriler Polemik.”
Mit dieser aus seiner Christozentrik geborenen Zuwendung zum Menschen empfing und besuchte Johannes Paul II. Menschen aller Kulturen, Stände, Weltanschauungen und Glaubensrichtungen, predigte und mahnte, konfrontierte Diktatoren und Kriegsherren mit der Wahrheit von der Würde des Menschen. Seine glaubwürdige Väterlichkeit zog Millionen Menschen rund um den Erdkreis in seinen Bann, und dies weit über den Radius der Christenheit hinaus. Als erster Papst besuchte er eine Synagoge und eine Moschee, nämlich die traditionsreiche Synagoge von Rom und die Omajjaden-Moschee von Damaskus. Er pflegte den Dialog mit Juden, Muslimen, Hindus und Buddhisten, aber der rief alle Welt dazu auf, die Tore der Gesellschaft wie der Herzen für Christus aufzureißen. Auf Christus blickend wurde er zum Anwalt des Menschen: Kein Diplomat, aber ein homo politicus, kein Stratege, aber ein Visionär, kein Parteigänger, sondern ein Prophet.
Die große Sache des Menschen
Seine erste Reise nach Polen im Juni 1979 begeisterte die Gesellschaft seiner Heimat, sprengte die Betonplatte des Kommunismus, die zentnerschwer auf dem Land lag und schuf jene Atmosphäre der Freiheit, die kurzfristig zur Gründung der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc und damit mittelfristig zum Bröckeln des Ostblocks führte. Michael Gorbatschow, der letzte Sowjetführer, schrieb bilanzierend über seine Begegnung mit dem Papst im Jahr 1989: “So hart der Papst in seinen Prinzipien und Einstellungen ist, so flexibel und taktvoll ist er in deren Verteidigung. Wenn es aber um den Kern der Sache geht, zeigt er sich kompromisslos. Zwar räumt er friedlichen Lösungen aller aktuellen Probleme Priorität ein, aber er tritt für einen entschiedenen Widerstand gegen diejenigen ein, die internationale Gesetze brechen. Und er strebt nach einer bedingungslosen Solidarität mit Armen und Unterdrückten, mit Opfern von Gewalt und Verstößen gegen die Menschenrechte.”
Damit ist gut zusammengefasst, wie und warum Johannes Paul II. zum Gewissen der Welt wurde. Im Zentrum seines diplomatischen, man darf wohl sogar sagen politischen Wirkens, stand “die Verteidigung der menschlichen Person und ihrer Rechte”. Darum trat er nicht in den Chor jener ein, die im Untergang des kommunistischen Ostblocks einen Sieg des Kapitalismus sahen. So sagte er in seiner Weihnachtsansprache an die Kurie 1993: “Bisher musste man die Wahrheit über den Menschen nach Osteuropa über die Berliner Mauer hinweg verkünden; heute muss diese Wahrheit auch dem Menschen im Westen eingeschärft werden.”
Immer auf der Seite des Menschen
Er stand nicht ideologisch und damit fallweise, sondern grundsätzlich und damit immer auf der Seite des Menschen. Die “große Sache des Menschen”, von der er 1979 vor der UN-Generalversammlung beispielreich sprach, meint die in der Gottebenbildlichkeit der Person wurzelnde Würde: “Das Gesamt der Menschenrechte entspricht der Substanz der Menschenwürde in ihrem umfassenden Verständnis und nicht in einer Beschränkung auf nur eine einzige Dimension. Sie beziehen sich auf die Befriedigung der wesentlichen Bedürfnisse des Menschen, auf die Ausübung seiner Freiheit, auf seine Beziehung zu anderen Personen. Aber immer und überall sind sie auf den Menschen bezogen, auf seine volle Wirklichkeit als menschliches Wesen. Der Mensch lebt gleichzeitig in der Welt der materiellen Werte wie in jener der geistigen Werte.”
Johannes Paul II. war ein Mann der Superlative: Kein Nachfolger Petri reiste mehr und weiter als der erste Slawe an der Spitze der Kirche, keiner begegnete in seinem Pontifikat mehr Menschen persönlich wie virtuell, keiner hielt mehr Ansprachen in mehr Sprachen. Und doch war es nicht diese quantitative Dimension seines Pontifikates, die den Polen auf dem Stuhl Petri zu einer weltweiten moralischen Autorität machte. Johannes Paul II. war nicht nur das Oberhaupt der katholischen Weltkirche und das global geachtete Gesicht der Christenheit, sondern immer wieder das Gewissen der Welt: weil er in Worten, Gesten und Taten eine vielfach mit Füßen getretene, vergessene und verachtete, ideologisch entstellte und doch wahre, universale Botschaft verkündete: die Botschaft von der Königswürde des Menschen.
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