Die Kunst der Zelebration

Was ist Schönheit – Die Sorge um das Schöne in der Liturgie ist pastoral, sagt Kardinal Robert Sarah

Quelle
Sacramentum caritatis
Kardinal R. Sarah (109)

09.02.2025

Robert Sarah

Ich möchte auf die Hermeneutik der Reform in der Kontinuität verweisen, von der Papst Benedikt XVI. gesprochen hat (Ansprache am 22. Dezember 2005). Dies ist eine persönliche Meinung, aber mir scheint, dass die reformierten liturgischen Bücher dringend dieser Kontinuität mit der liturgischen Tradition bedürfen, die die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils zu reformieren versuchten, wenn sie wahr, schön und gut sein und dadurch ihr Bestes zur Heiligung und zum Aufbau von Gottes heiligem Volk beitragen sollen. Andere mögen mir hier widersprechen. Aber nach meiner Deutung des Konzils ist es das, was es gemeint hat: Reform in Kontinuität und nicht Bruch mit der Vergangenheit.

Das wirft zwei einschlägige Fragen auf: (…) Erstens, die scheinbar überholte Frage der “Reform der nachkonziliaren Liturgiereform”, wonach die heutigen liturgischen Bücher im Hinblick darauf überarbeitet werden, sie mit Elementen zu bereichern, die in der Reform selbst verloren gegangen sind. Das ist bei den derzeit Zuständigen ziemlich aus der Mode, doch die Motivation und die Beweggründe für solche Schritte haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Ich kann nicht sagen, wann der Herr in seiner Vorsehung zulassen wird, dass diese Frage nochmals ernsthaft erwogen wird, doch vielleicht werden einige unserer jüngeren Mitbrüder im Priesteramt, die heute hier sind, noch erleben, dass die reformierten liturgischen Bücher noch schöner werden. Ich denke oft an das Messbuch für die Ordinariate der ehemaligen Anglikaner und die darin enthaltenen Reichtümer als Beispiel dafür, was möglich sein könnte.

Diese Liturgie hat eine Zukunft

Die zweite Frage betrifft die Feier des vorkonziliaren liturgischen Ritus, den usus antiquior des römischen Ritus. Vor allem angesichts der offensichtlichen Früchte, den dieser Ritus in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, sagte ich bereits: Trotz einer kompromisslosen klerikalen Haltung gegen die ehrwürdige lateinisch-gregorianische Liturgie – einer Haltung, die typisch für den Klerikalismus ist, den Papst Franziskus wiederholt verurteilt hat –, ist im Herzen der Kirche eine neue Generation junger Menschen entstanden. Es handelt sich dabei um eine Generation junger Familien, die zeigt, dass diese Liturgie eine Zukunft hat, weil sie eine Vergangenheit besitzt, eine Geschichte von Heiligkeit und Schönheit, die nicht über Nacht ausradiert oder abgeschafft werden kann. Das behaupte ich auch weiter. Und obwohl ich verstehe, dass sich viele Priester derzeit in einer sehr schwierigen Lage befinden, was den usus antiquior betrifft, ermutige ich Sie, die tiefe Wahrheit, die Papst Benedikt gelehrt hat, niemals zu vergessen oder zu leugnen: “Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind und ihnen ihren rechten Ort zu geben.” (Brief an die Bischöfe, 7. Juli 2007). (…) Wir wollen uns das Prinzip der liturgischen Ganzheitlichkeit als wesentlichen Bestandteil für das liturgisch Schöne – sowie für das liturgisch Wahre und Gute – merken und uns nun einigen seiner praktischen Anwendungen zuwenden.

Das 2007 erschienene Apostolische Schreiben “Sacramentum Caritatis – Über die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche” von Papst Benedikt XVI., die Frucht der während der Bischofssynode im Jahr 2005 angestellten Überlegungen, stellt einen sehr guten Ausgangspunkt dar. Ich würde gerne darauf hinweisen, dass dies ein sehr wichtiges Dokument für die liturgische Ausbildung ist, das stark vernachlässigt wird. Wenn ihr es noch nicht studiert habt, dann tut dies bitte. Wenn es eine Weile her ist, dass ihr es euch das letzte Mal angesehen habt, dann schaut bitte nochmals hinein. Es wird euch leiten, wenn ihr zu gewährleisten versucht, dass eure liturgischen Feiern Ganzheitlichkeit besitzen, dass sie sind, was sie sein sollen, und nichts sonst.

Ist alles in der Liturgie von Schönheit geprägt?

Papst Benedikt erteilt viele weise Ratschläge, die sich angesichts der von den Synodenvätern betrachteten turbulenten Jahre des liturgischen Lebens nach dem Konzil herauskristallisiert haben. Der beste von allen ist vielleicht seine einfache Aussage: “Es ist notwendig, dass in allem, was die Eucharistie betrifft, guter Geschmack für das Schöne herrsche” (Nr. 41).

Wir könnten dies gut zur Grundlage für eine Gewissenserforschung unserer eigenen liturgischen Praxis machen: Ist alles in der Liturgie, die wir mit unserem Volk feiern, entsprechend den uns zur Verfügung stehenden Mitteln von Schönheit geprägt? Oder geben wir uns mit weniger als schönen – oder sogar eindeutig unangemessenen – Praktiken, Gegenständen, Riten, Musik etcetera zufrieden?

Wenn die Eucharistie wirklich Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche ist, können wir uns nicht mit dem Zweitbesten oder Geringerem zufriedengeben. Wenn wir das tun, bauen wir auf schlechten Fundamenten. Was wir auf diesen unsicheren Fundamenten aufbauen, wird auf die eine oder andere Weise einstürzen. Erinnert sei an die Worte von Kardinal Ratzinger: “Die Kirche steht und fällt mit der Liturgie. … Aus diesem Grund ist die rechte Feier der heiligen Liturgie der Mittelpunkt jeder Erneuerung der Kirche”.

Sorge um das Schöne ist pastoral

Unsere Sorge um das Schöne in der Liturgie ist keineswegs esoterisch oder rein ästhetisch. Sie ist im Wesentlichen pastoral. Als Priester ist unsere erste Pflicht am Altar Gottes. Von dort geht alles andere aus. Wenn wir nicht sicherstellen können, dass das, was wir an Gottes Altar tun, so ist, wie es sein soll – schön und ganzheitlich –, versagen wir in unserer ersten Pflicht vor dem allmächtigen Gott. Wir mögen mit vielen anderen Gaben gesegnet sein, die dem Herrn und der Kirche gut und auf wichtige Weise dienen können, doch unsere allererste Pflicht besteht darin, ein homo liturgicus zu werden, dessen Leben und Sendung vom Altar ausgeht. Das Vorbild unserer Hingabe an unsere heiligen Pflichten wird uns dann befähigen, ein pater liturgicus zu werden und andere durch unser Beispiel in der heiligen Liturgie zu formen. Das ist vielleicht etwas, was wir selbst, als wir jünger waren, bei den Priestern erfahren haben, die unsere eigene Berufung einfach dadurch förderten, dass sie Priester waren, die in die heiligen Geheimnisse vertieft waren, die sie zelebrieren durften.

In “Sacramentum Caritatis” spricht Papst Benedikt bekanntermaßen über die ars celebrandi: die “Kunst des rechten Zelebrierens” der liturgischen Riten, die “aus dem treuen Gehorsam gegenüber den liturgischen Normen in ihrer Vollständigkeit” entspringt. Er stellt fest, dass die Sorge dafür in keiner Weise dem Wunsch des Zweiten Vatikanischen Konzils entgegensteht, die echte, tatsächliche und fruchtbare Teilnahme an der Liturgie zu fördern, sondern das gilt: “Tatsächlich ist die geeignetste Methode, die Teilnahme des Gottesvolkes am sakralen Ritus zu begünstigen, den Ritus selbst in angemessener Weise zu feiern” (Nr. 38).

In den von uns verwendeten Worten heißt das: Eine ordentliche ars celebrandi zeigt Ganzheitlichkeit. Die Riten werden zelebriert, wie sie zelebriert werden sollten – so gut es unter den gegebenen Umständen möglich ist und natürlich entsprechend den Anforderungen der verschiedenen Festtage und Zeiten des Kirchenjahrs. Wir haben diese Ganzheitlichkeit am Beispiel der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gesehen: Sie waren ernst, ruhig und andächtig am Altar. Sie haben eine Ehrfurcht und eine Hochachtung vor den Dingen Gottes gezeigt, die wahrlich erbaulich war. Auch wir müssen unser Volk durch unsere tiefe Sammlung in der heiligen Liturgie aufbauen.

Nicht Beamte, sondern Männer Gottes

Wenn wir die liturgischen Texte beten, statt sie nachlässig zu lesen, werden die Menschen an dem Reichtum teilhaben, den sie enthalten. Wenn wir uns selbst den liturgischen Riten hingeben und wirklich in sie eingehen, so wie Christus sich selbst am Kreuz geopfert hat, werden die Menschen verstehen, dass wir nicht nur Beamte sind, die eine Arbeit erledigen, sondern Männer Gottes, die in Ehrfurcht vor Ihm stehen und sich zutiefst des Privilegs bewusst sind, das wir besitzen. Das ist unsere Berufung! Das ist es, wozu Gott uns beruft! Das ist die Weise, auf die wir unsere Kirche auf Erden aufbauen und Seelen zur Erlösung führen werden!

Natürlich, Seine Eminenz ist in Rom und nicht in einer geschäftigen Gemeinde bei sich zuhause, werden Sie vielleicht denken. Ja, das ist leicht zu sagen, aber nicht so einfach zu erreichen. Ich räume ein, dass das wahr ist. Doch es ist, liebe Mitbrüder, im Wesentlichen eine Frage der Prioritäten. Wir alle müssen lernen, dass wir nicht alles tun können, was von uns verlangt wird. Wir müssen Prioritäten setzen. Und wenn wir das tun, dann kann die ars celebrandi, die Ganzheitlichkeit unserer Feier der heiligen Liturgie – die Grundlage und Quelle des Lebens für unser Priestertum ist –, niemals auf den zweiten Platz verwiesen werden. Die Anbetung des allmächtigen Gottes muss zuerst kommen, wie Gott Moses in den Geboten auf dem Berg Sinai (vgl. Exodus 20) deutlich gemacht hat und wie es unser Herr in Bezug auf das höchste Gebot gelehrt hat (vgl. Mk 12,  29). Andere pastorale Aktivitäten gehen zu Recht aus unserer Anbetung Gottes hervor, dürfen diese aber nicht behindern.

Doch der Einwand hat eine gewisse Berechtigung. Hier in Rom sind die Feiern gut organisiert, und es ist ziemlich einfach, eine angemessene Haltung der Sammlung zu bewahren (…). Ich würde empfehlen, liebe Mitbrüder, dass Sie in Ihren Pfarreien und Apostolaten ernsthaft in diese Sammlung investieren. Bilden Sie ihre Leute in der Notwendigkeit des Schweigens in der Sakristei aus und bestehen Sie darauf. Sorgen Sie dafür, dass die gedämpfte Atmosphäre die Bedeutung der Geheimnisse erkennen lässt, die zu feiern Sie sich anschicken. Und nehmen Sie sich irgendwie die Zeit, sich in Stille vorzubereiten und zu sammeln – beten Sie etwa die Ankleidungsgebete – und nehmen Sie sich Zeit, Ihre Intention zu formen. Das kann zunächst ein wenig Diszipliniertheit erfordern, doch ich habe den Begriff “investieren” mit Absicht gewählt.

Der Heiligkeit der Liturgie neue Geltung zu verschaffen, indem man vor der Zelebration Schweigen bewahrt, wird nicht nur die anderen richtig formen, sondern es wird unseren vielbeschäftigten Priesterseelen auch ein wenig Raum zum Atmen geben. Es wird uns befähigen, uns tiefer in die Geheimnisse zu versetzen, die wir feiern werden. Es wird das, was manchmal reine Routine scheinen mag, in eine Erfahrung verwandeln, die unserer ersten Messe wieder ähnlich ist. Die Investition ist wirklich lohnenswert.

Wirklich schöne Musik

“Sacramentum Caritatis” erinnert an die wichtige Tatsache, dass die Kirchenmusik ein integraler Bestandteil der ars celebrandi ist. Dies erwägend, bemerkt Papst Benedikt fast ein bisschen ironisch: “In der Liturgie können wir wahrlich nicht sagen, daß alle Gesänge gleich gut sind” (Nr. 42). Wie recht er hat! Es gibt noch viel zu tun, wenn es darum geht, die Liturgie zu singen, statt einfach nur etwas bei der Liturgie zu singen.

Mir ist bewusst, wie schwer diese Verantwortung des Priesters sein kann, vor allem, wenn er neu ernannt wird und auf Menschen guten Willens und voller Begeisterung, doch mit einer falschen Erziehung in der Kirchenmusik trifft. Wenn Schönheit und Ganzheitlichkeit persönlichen Vorlieben und individuellem Geschmack gleichgestellt werden, kann das zu großer Belastung und sogar zu tiefen Konflikten führen.

Liebe Mitbrüder,

ich möchte Sie ermutigen, sich dieser notwendigen Konfrontation zwischen dem, was hässlich, und dem, was schön ist, nicht zu entziehen, sondern euch mit großer Liebe, in Treue zur Wahrheit und mit sehr viel Geduld auf sie einzulassen. Wir wollen keine Seelen vertreiben, aber wir müssen Wege finden, um sie dahin zu führen, dass sie die Schönheit des kirchlichen Erbes der Kirchenmusik – vor allem des gregorianischen Gesangs – sowie die Bedeutung und den Wert moderner liturgischer Kompositionen entdecken, die “dem Sinn des gefeierten Mysteriums, den Teilen des Ritus und den liturgischen Zeiten entsprechen” (Sacramentum Caritatis, 42). In der englischsprachigen Welt ist viel gute Arbeit geleistet worden, um Hilfen für den Gesang der Liturgie zur Verfügung zu stellen, und das muss gestärkt werden.

Um in diesem Bereich einen eigenen Beitrag zu leisten, habe ich zusammen mit Peter Carter, dem jungen und eifrigen amerikanischen Geschäftsführer und Gründer des “Catholic Sacred Music Project” (Projekt Katholische Kirchenmusik), dessen Schirmherr ich sein darf, an einem Buch mit dem Titel “The Song oft the Lamb: Sacred Music and the Heavenly Liturgy” (Das Lied des Lammes: Kirchenmusik und die himmlische Liturgie) gearbeitet. Wir hoffen, dass es Ende dieses Jahres bei Ignatius Press erscheinen wird. In ihm versuche ich, viele praktische Fragen anzusprechen, die, so hoffe ich, Priestern und Musikern helfen werden, wirklich schöne liturgische Musik in unsere Kirchen zurückzubringen.

Ich kann euch nur ermutigen, in diesem schwierigen Bereich euer Bestes zu tun und in gut ausgebildete Laienmitarbeiter zu investieren, die euch dabei helfen – vor allem wenn eure eigene musikalische Begabung nicht gerade hervorsticht –, und ihnen die Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie dazu brauchen. Die Kirchenmusik ist keine zusätzliche Option, sondern ein integraler Bestandteil, wenn es um die Schönheit der heiligen Liturgie geht. Wenn wir in diesem Bereich nicht die Verantwortung übernehmen, so schwierig es sein mag, wer dann?

Konzelebration ist keineswegs obligatorisch

Es gibt zwei weitere spezifische Themen, die ich gerne ansprechen möchte. Das erste ist die Handhabung unserer Option zur Konzelebration. Ich verwende den Ausdruck “Option” mit Absicht, weil an einigen Orten die Konzelebration bei jedweder Messe, bei der ein Priester anwesend ist, fast obligatorisch geworden ist und man in gewisser Weise fast als illoyal angesehen werden kann, wenn man das nicht tut. Doch wenn man an einem bestimmten Tag die Messe bereits gefeiert hat oder dies später tun wird, sollte man nicht zweimal zelebrieren, indem man “ohne gerechten Grund” oder die erforderlichen “seelsorglichen Notlagen” konzelebriert, die durch das Kirchenrecht festgesetzt sind (vgl. Canon 905§1).

Es ist klar, dass der Bischof die zuständige Stelle ist, um dies zu erlauben, und mit dem Bischof selbst zu konzelebrieren hat einen großen symbolischen Wert, vor allem zu Anlässen wie der Chrisam-Messe in der Karwoche, bei anderen Treffen mit dem Bischof, bei Exerzitien etc.. Er kann einem die Erlaubnis erteilen, zweimal zu zelebrieren, indem man bei einem bestimmten Anlass aus einem gerechten Grund konzelebriert, doch in Wahrheit kann er es nicht verlangen. Von keinem Priester kann verlangt werden, bei der Messe zu konzelebrieren.

Mir scheint, dass diese Praxis mittlerweile ein wenig übertrieben wird, und wir müssen hinsichtlich der Konzelebration sozusagen ein wenig “strenger” werden. Es gibt zu viele Beispiele für Priester, die sich unangemessen verhalten, während sie die Messe konzelebrieren, als wären sie nur zufällig dort, mit dem Priestergewand bekleidet, aber nicht darauf konzentriert, das heilige Messopfer darzubringen. Geschwätz, Fotos machen, unangemessene Haltung etc. – all das lässt einen unschönen Mangel an Ganzheitlichkeit des Geschehens erkennen. Konzelebration kann etwas sehr Schönes sein, aber sie sollte nicht missbraucht werden.

Es lohnt sich auch, über die Tatsache nachzudenken, dass, während sich eine gewisse Form der Konzelebration von Priestern mit dem Bischof in der Geschichte der Liturgie findet (normalerweise zeremoniell, nicht sakramental), die Konzelebration von Priestern mit Priestern bei Abwesenheit des Bischofs eine völlige Neuheit ist. Hier ist nicht der Ort, um die die theologischen und liturgischen Fragen zu erörtern, die damit einhergehen, doch zur weiteren Untersuchung empfehle ich die englische Übersetzung des Buchs von dem französischen Karmeliten Pater Joseph de Sainte-Marie “The Holy Eucharist – The World’s Salvation”, das 2015 von Gracewing Press veröffentlicht wurde. Seine Betrachtungen werden uns sicher helfen, viele Praktiken in Bezug auf die Konzelebration zu überdenken.

Das Gebet des Offiziums

Der zweite Bereich, den ich gerne ins Auge fassen würde, ist unser Gebet des Offiziums. Unser Prinzip, dass die liturgischen Riten, die wir zelebrieren, genau das sein müssen, was sie sein sollen, und nichts sonst, lässt sich auch hier anwenden. Unsere Feiern des Offiziums müssen schöne Momente der Anbetung Gottes, seiner tiefen Verehrung sein – selbst wenn wir das Stundengebet zumeist allen beten müssen.

Natürlich ist das für Mönchs- oder klösterliche Gemeinschaften, deren Berufung es ist, das Offizium im Chor zu singen, sehr viel einfacher. Das ist in Pfarreien nicht sehr häufig möglich – obwohl ich ermutige, alles zu tun, was ihr könnt, so oft es möglich ist das Offizium mit eurem Volk in der korrekten ars celebrandi zu beten. Öffnet dem Volk diesen Schatz und bildet es in dessen Reichtümern aus, vielleicht durch eine Initiative während der Fastenzeit oder an größeren Festen. In manchen Situationen mag es pastoral sogar ratsam sein, die Vesper aus einem bestimmten Anlass zu feiern und nicht die heilige Messe. Wir müssen die Messe nicht absolut jedes Mal feiern, wenn wir zusammenkommen!

So sollte auch unsere Feier des Offiziums bei Exerzitien und Priesterversammlungen reich und schön sein, mit Feierlichkeit und Gesang. Wir können uns zu sehr an die alleinige Rezitation gewöhnen und vergessen, dass es ein liturgischer Ritus ist, der wie jeder andere gefeiert werden soll. Gleichermaßen sollten wir, auch wenn uns das Brevier erlaubt, nur eine Hore in der Mitte des Tages zu beten, nicht vergessen, wenn es uns möglich ist, dass es drei Horen gibt: Terz, Sext und Non. Die Kirche hat uns erlaubt, nur eine von ihnen zu beten, wenn wir beschäftigt sind, aber der Priester ist ein Mann Gottes, kein Businessmanager, und wenn wir können – bei Exerzitien, wenn Krankheit oder Alter uns von den zahlreichen Anforderungen des aktiven Apostolats trennen etc. –, empfehle ich wärmstens, zu der schönen Tradition zurückzukehren, diese drei Tageshoren zu beten. Selbst wenn wir sozusagen nicht mehr an der vordersten Front des pastoralen Dienstes stehen, ist es wesentlich, dass unser tätiges Gebet für die Kirche und die Welt andauert. Das ist der schönste Teil unserer Berufung: vor Gott zu stehen, in Seiner Gegenwart, selbst, wenn wir alt oder krank sind. Sonst belügen wir uns selbst und erzählen Gott eine Lüge, wenn wir Psalm 118, 163-164 beten: “Ich hasse die Lüge, sie ist mir ein Gräuel, doch deine Weisung liebe ich. Siebenmal am Tag singe ich dein Lob wegen der Entscheide deiner Gerechtigkeit”.

Wir könnten den ganzen Abend weitermachen und andere damit zusammenhängende Fragen erörtern: die notwendige innere Sammlung, würdiges Verhalten und Kleidung des Priesters, seine Verantwortung, für die Messdiener und mögliche künftige Berufungen ein gutes Vorbild zu sein, den unersetzbaren Wert der schönen Geste des Kniens in der Liturgie, die Notwendigkeit, der Versuchung zu widerstehen, Hochzeiten und Begräbnisse nachlässig zu feiern, die Erfordernis guter Predigten, die Gefahr, die die Verwendung verschiedener Medienformen für die Ganzheitlichkeit der heiligen Liturgie darstellen kann etc.. Doch ich hoffe, dass aus dem, was ich gesagt habe, die wichtigen Prinzipien klar geworden sind. (…) So habe ich auch die Frage der liturgischen Ausbildung der Priester hier nicht angesprochen – Sie sind keine Seminaristen! Doch das ist ein sehr wichtiger Punkt, der sorgfältige Erwägung erfordert. Falls einige von Ihnen das Privileg haben, als Ausbilder im Seminar berufen zu werden, würde ich gerne weiter darüber sprechen.

Der tiefste Grund für die Krise liegt in der Unklarheit der Priorität Gottes in der Liturgie

Benedikt XVI. schrieb im Jahr 2015, zu Beginn seiner Zeit als emeritierter Papst, ein Vorwort für die russische Ausgabe seiner gesammelten Werke zur Liturgie. Es bietet uns einen mehr als treffenden Schluss für unsere Betrachtungen am heutigen Abend: “Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden”. Mit diesen Worten in seiner Regel (43,3) hat der heilige Benedikt festgelegt, dass die heilige Liturgie den absoluten Vorrang vor jeder anderen Aufgabe im klösterlichen Leben genießt. Doch selbst im Leben der Mönche wurde das nicht umgehend berücksichtigt, weil die landwirtschaftliche und die geistige Arbeit ebenfalls eine wesentliche Aufgabe für sie waren. In der Landwirtschaft sowie im Handwerk oder bei der Ausbildungsarbeit konnten Zeitgründe auftreten, die wichtiger erscheinen mochten als die Liturgie. Vor diesem Hintergrund – dem Vorrang, der der Liturgie eingeräumt wird – betont Benedikt klar den Vorrang von Gott selbst in unserem Leben: “Hört man das Zeichen zum Gottesdienst, lege man sofort alles aus der Hand und komme in größter Eile herbei, allerdings mit Ernst”.

Im Bewusstsein des heutigen Menschen scheinen die Dinge Gottes und daher der Liturgie keineswegs dringend. Alles mögliche kann dringend sein. Aber das Thema Gott scheint nicht dringend zu sein. Nun könnte man darauf hinweisen, dass das Klosterleben in jedem Fall etwas anderes ist, als das Leben der Menschen in der Welt, und das ist sicher richtig. Und doch gilt der Vorrang Gottes, den wir vergessen haben, für jeden. Wenn Gott nicht länger wichtig ist, dann werden die Kriterien zur Festsetzung dessen, was wichtig ist, verschoben. Wenn die Menschen Gott beiseiteschieben, dann unterwerfen sie sich Zwängen, die sie zu Sklaven materieller Kräfte machen und daher nicht mit ihrer Würde übereinstimmen.

In den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde ich mir des Vorrangs Gottes und der heiligen Liturgie erneut bewusst. Das falsche Verständnis der Liturgiereform, das in der katholischen Kirche weit verbreitet ist, hat dazu geführt, dass Aspekte der Unterweisung sowie der eigenen Aktivität und Kreativität mehr und mehr betont werden. Das Tun der Menschen hat die Gegenwart Gottes nahezu verdeckt. In solch einer Situation wurde es zunehmend klar, dass das Dasein der Kirche aus der richtigen Feier der Liturgie lebt und dass die Kirche in Gefahr ist, wenn in der Liturgie und folglich im Leben der Primat Gottes nicht länger zum Vorschein kommt.

Der tiefste Grund für die Krise, der die Kirche erschüttert hat, liegt in der Unklarheit der Priorität Gottes in der Liturgie. All das hat mich dazu geführt, mich mehr als vorher dem Thema der Liturgie zu widmen, denn ich wusste, dass die wahre Erneuerung der Liturgie eine Grundbedingung für die Erneuerung der Kirche ist.

Papst Benedikt ist nach vielen Bemühungen – selbst nach seinem Rücktritt – diese Erneuerung zu fördern, vor etwas mehr als zwei Jahren in seinen ewigen Lohn eingegangen. Die Aufgabe dieser Erneuerung liegt jetzt voll und ganz auf unseren Schultern, liebe Mitbrüder, eines jeden von uns entsprechend des Auftrags, der uns gegeben wurde.

Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie es nicht bereits getan habt, an seinem Grab im Petersdom für ihn beten könnt, wenn Sie in Rom sind. Vielleicht können wir ihn auch um Hilfe für die schöne Arbeit bitten, die die unsere ist, und für die er selbst ein leuchtendes Vorbild war.

Ich danke Ihnen, liebe Mitbrüder. Gott segne Ihre Familien und alle Menschen, denen ihr dient.

Der vorstehende Text ist der zweite Teil eines Vortrags, den der vormalige Präfekt der Gottesdienstkongregation Mitte Januar bei der dritten internationalen Klerustagung in Rom zum Thema “Die Schönheit und die Sendung des Priesters” gehalten hat. Das englische Original wurde zuvor in der Zeitschrift “Catholic Herald“ veröffentlicht. Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller. Mit freundlicher Genehmigung des “Catholic Herald”

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