Der Einsatz eines Kardinals für den Frieden

Zentralafrika: Der Einsatz eines Kardinals für den Frieden

Quelle
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Er ist eine herausragende Gestalt in der Kirche Afrikas: der Erzbischof von Bangui in der Zentralafrikanischen Republik, Kardinal Dieudonné Nzapalainga. Im Interview mit uns erzählt er von seinem beständigen Einsatz für Frieden in jenem zerrissenen Land, in dem Papst Franziskus damals das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnete.

Cyprien Viet und Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Noch heute ist der Besuch des Kirchenoberhauptes aus Rom im bettelarmen und von Konflikten gezeichneten Zentralafrika ein Bezugspunkt für alle Menschen dort, weil er Perspektiven für den Frieden aufzeigte, erklärt der mit 53 Jahren nach wie vor jüngste Kardinal der Weltkirche.

“Die Menschen erinnern sich an ihn, weil er der Mann des Friedens ist, der Mann, der es wagte, zu den Muslimen zu gehen, der es wagte, seine Schuhe auszuziehen, um zu gehen und zu beten. Was für ein Zeichen von Respekt das für die Muslime gewesen ist!”, so Nzapalainga. Er würdigte besonders die überraschende Geste von Franziskus, der am 29. November 2015 in der Hauptstadt Bangui die Heilige Pforte der Kathedrale öffnete und damit das Ausserordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit für die Weltkirche einläutete. Für Katholiken sei es “unerhört”, dass ein Heiliges Jahr nicht in Rom beginne, erklärte der Kardinal. “Und wir finden uns darin wieder, wir denken zurück, und für uns ist die Visite des Papstes ein Geschenk Gottes.”

Dessen ungeachtet bleibt Zentralafrika in einer ausserordentlich herausfordernden Lage. Armut, politische Instabilität, Feindseligkeit zwischen Bevölkerungsgruppen prägen den Alltag der Menschen. Der Kardinal, übrigens der erste in der Geschichte seines Landes, steht zusammen mit anderen Religionsführern aus der protestantischen Kirche und dem Islam ganz vorne, um für Frieden zu werben und ihn auch selbst vorzuleben.

“Mit den Prüfungen sind wir einander näher gekommen”

“Als wir zusammenkamen, gab es zwar schon Ökumene, aber sie war noch theoretisch. Es gab auch den interreligiösen Dialog schon früher, aber auch dieser war noch theoretisch. Doch mit den Prüfungen sind wir einander näher gekommen, denn da wurde das alles zu echten Erfahrungen”, erklärt der Kardinal in unserem Interview. Und ganz konkret beschreibt er, wie die Religionsführer es anstellten, zunächst einmal unter sich Frieden zu schaffen: “Wir drei diskutierten, überlegten und machten Vorschläge. Und wenn einer sprach, dann sprach er für uns alle.”

Die Erfahrung des ökumenischen und interreligiösen Dialogs in Zentralafrika sei nach und nach einzigartig geworden. Nzapalainga verwies auf die interreligiöse Plattform, zu der sich Muslime, Protestanten und Katholiken zusammengefunden hätten. “Wir reiben uns aneinander, wir diskutieren, wir debattieren, wir machen Vorschläge, um eine andere Art und Weise zu testen, die Dinge zu tun.” Das sei manchmal nicht einfach, die Protestanten zum Beispiel bräuchten immer Zeit, weil sie die Anliegen erst mit ihren Gläubigen ausdiskutieren wollen, während die Katholiken “hierarchisch” vorgingen.

Die Methode: Reden, zuhören, eine gemeinsame Erzählung finden

Die gemeinsame Strategie der Religionsführer Zentralafrikas gegen den Krieg zwischen Menschen und Religionen klingt einfach und ist unendlich schwer: zuhören. Kardinal Nzapalainga erzählt:

“Als wir im Hinterland ankamen, als unser Land in der Krise war, waren die Gemeinden gespalten, denn es herrschte Chaos, es gab keine behördliche Autorität mehr. Rebellen und Kriegsherren hatten sie abgelöst, sie hatten das Recht auf Leben und Tod. Und wir sind in diesem Chaos angekommen. Was haben wir als Methode gemacht? Das Erste war, sich zu beruhigen, das Vertrauen wiederherzustellen, zuzuhören, einen Dialog zu führen. Der Protestant ging zu den Protestanten, der Muslim zu den Muslimen, der Katholik zu den Katholiken. Und wir stellten einfache Fragen: ,Was ist passiert? Wie ist es gelaufen? Wie siehst du die Zukunft in diesem Dorf, in dieser Stadt? In einer Zeit, in der die Spannung den anderen wie einen Teufel erscheinen liess, erlaubten wir unserer Gemeinschaft, sich hinzusetzen, miteinander zu reden, zuzuhören und vor allem eine gemeinsame Erzählung zu finden.”

Er habe schon oft gesehen, wie Gruppen langsam “durch das Zuhören befreit wurden”, erklärt der Kardinal. Einer mache sich bei diesen Gesprächen immer Notizen für die jeweilige Seite – die katholische Erzählung, die protestantische Erzählung, die muslimische Erzählung. “Aber diese Erzählung muss dann von der grossen Gruppe bestätigt werden. Und wenn sie zum Ende kommen, haben sie bereits vieles bereinigt, und sie haben eine einzige, gemeinsame Erzählung.” Die Aufgabe der Religionsführer in diesem Prozess sei es, den Zusammenhalt zu fördern und Fragen zu stellen.

Kardinal Nzapalainga hat soeben ein Buch vorgelegt, in dem er seinen Werdegang, aber auch seinen Einsatz für den Frieden in Zentralafrika darlegt (“Je suis venu vous apporter la paix”, Ich bin gekommen, um euch den Frieden zu bringen). Er erzählt darin auch seine Herkunft aus einer konfessionsübergreifenden Familie. Das betende und gastfreundliche Zusammenleben in der Familie habe ihn stark geprägt, fasst der Kardinal in unserem Interview zusammen. “Wie oft hat Papa, ein Katholik, zu Hause katholische Christen empfangen, und Mama hat sie willkommen geheissen und war dabei. Es gab keine Feindseligkeit, man konnte wirklich den Respekt, die gegenseitige Wertschätzung, das Willkommensein spüren.” Er habe als Kind selbst beschlossen, bei den Katholiken zur Messe zu gehen. Der Priester seiner Gemeinde, ein niederländischer Spiritaner-Pater namens Leon, sei ihm später ein Vorbild und ein Wegweiser in den priesterlichen Dienst geworden.

Wie Armut eine Gnade sein kann

Die Familie des Kardinals war arm, wie viele in Zentralafrika. Nzapalainga sieht darin eine besondere Gnade. Der Reichtum des Armen, erklärt der Kardinal, ist Gott. “Wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, sind wir letztlich alle arm.” Es gebe ja nicht bloss materielle, sondern alle möglichen Arten von Armut, so der Kardinal, der als junger Priester zehn schwierige Jahre am Stadtrand von Marseille zubrachte. “Wir müssen von unserem Sockel herunterkommen und erkennen, dass wir endlich sind, dass wir begrenzt sind und dass wir alle unsere Bereiche der Armut haben. Nur Gott kann sie füllen, und er tut es auf vielen Wegen, über Vermittlungen, über Männer, Frauen, Ereignisse, damit wir sehen können, dass er existiert.” Gott komme, “um die Armen reich zu machen”, sagte der Kardinal.

In diesem Sinn hätten seine Landsleute auch seine Erhebung in den Kardinalstand 2016 aufgefasst. Er selbst sei bei der Bekanntgabe der Ernennung auf dem Land unterwegs gewesen, die Menschen hätten eine unfassbare Freude gehabt, sie hätten gesungen und auf den Strassen getanzt, einander umarmt. “Irgendwie haben sich die Leute damit identifiziert und gesagt: der Herr hat sich zu den Armen heruntergebeugt. Dieses Volk, das nach etwas anderem strebt, ist jetzt anerkannt, erhöht, es hat jetzt einen Platz unter den anderen – so habe ich das interpretiert. Und ich denke, der Herr wollte sagen, dass wir nicht verurteilt sind, sondern dass auch wir von Gott geliebt sind.”

vatican news, 5. Mai 2021

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Zentralafrikanische Republik
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