‘Theologie notwendige Bedingung für Gotteserkenntnis’

Zum existentiellen und sakramentalen Grund der Theologie  UPDATE

Quelle

Stephan Otto Horn

Zum existentiellen und sakramentalen Grund der Theologie
bei Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI.

In den theologischen Erwägungen “Vom geistlichen Grund und vom kirchlichen Ort der Theologie”(1) blickt Joseph Ratzinger in besonderer Weise auf die Lebensgeschichte und die geistliche Erfahrung von Romano Guardini.  Für diesen war eines Tages das Wort Jesu in Mt 10,39: “Wer sein Leben finden will, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden” zu einer  Wende des Lebens geworden, die so zugleich zur grundlegenden Ausrichtung seiner Theologie führte.

Ratzinger nennt diese Bekehrungserfahrung geradezu die “Mitte seiner Theologie”.
Ein erstaunliches Wort! In ihm leuchtet die Einsicht über den geistlichen Grund der Theologie auf. Das Wort Jesu führte Guardini dazu, für sich das damalige  liberale Modell von Theologie zu überwinden und  zu einer Theologie hinzufinden, die in der Kirche keine Fessel sieht, sondern notwendige Bedingung für die Gotteserkenntnis.
Er war zur Überzeugung gekommen, dass Gott als lebendige Wirklichkeit nur in Jesus Christus gefunden werden könne. Aber konnte er in einem der vielen, so unterschiedlichen Bilder, die Theologen von ihm zeichneten, zur Begegnung mit dem wahren  Jesus Christus kommen?  Das konnte  nur durch die Vermittlung der Kirche geschehen.  So sah sich Guardini vor eine grundlegende Lebensentscheidung gestellt. Es galt für ihn, sich selber loszulassen. Aber in der Absage an die Selbstverwirklichung konnte er durch die Kirche Gott in der Gestalt Jesu Christi  finden.(2)

Für Joseph Ratzinger ist, wie mir scheint, ein paulinisches Wort von ähnlicher Bedeutung geworden, das eine innere Entsprechung zum Wort Jesu nach Matthäus hat.  Es ist Gal 2,20, der Vers, in den der Apostel Paulus sein Bekehrungserlebnis einmünden läßt: “Ich lebe, doch nicht mehr ich, Christus lebt in mir.” Für Joseph Ratzinger ist dieses Wort grundlegend für sein Verständnis von Glaube und Theologie. Das stellt ihn  zugleich an die Seite von Romano Guardini. Er betont kraftvoll die Radikalität der Bekehrung, die nötig ist, um Christ zu werden und zu sein: “Sie ist ein Todesvorgang. Anders ausgedrückt: Sie ist ein Subjektwechsel. Das Ich hört auf, ein autonomes, in sich selbst stehendes Subjekt zu sein. Es wird sich selbst entrissen und in ein neues Subjekt eingefügt.” Anders als bei Guardini klingt bei ihm die persönliche Erfahrung, da sie wohl nicht in gleichem Maß wie bei diesem ein “punktuelles Ereignis” war, eher verhalten an – wenn er hinzufügt:  “Das Ich geht nicht einfach unter, aber es muß sich in der Tat einmal ganz fallen lassen, um sich dann in einem größeren Ich und zusammen mit ihm neu zu empfangen.”(3)

Um die existentielle Dimension der Theologie bei Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. in den Blick zu bekommen, gilt es zunächst zu sehen, wie er die innere Zusammenengehörigkeit von Glaube und Theologie beschreibt.  Mit Thomas von Aquin versteht Joseph Ratzinger Glaube als Teilhabe an der Gottesschau Jesu Christi.(4) Sein Wort kommt aus der Tiefe seiner Einheit mit dem Vater im Schweigen des Gebetes.  Mit Augustinus und Thomas von Aquin faßt er den Glauben als Erkennen, als “Denken mit Zustimmung”. Aber die Zustimmung ergibt sich nicht aus der Evidenz der Sache, die sich der Vernunft zwingend auferlegt, sondern aus dem Ja des Willens. Was dies bedeutet, erläutert Joseph Ratzinger mit der Deutung des Begriffs “Willen” bei Thomas als Bejahung, die aus der innersten Personmitte aufsteigt. “Die Zustimmung des Glaubens können wir geben, weil der Wille – das Herz – von Gott angerührt. Von ihm ‘angetan’ ist… Nur weil der Seelengrund – das Herz – von Gottes Wort angerührt wird, kommt überhaupt das ganze Gefüge der seelischen Kräfte in Gang und vereint sich im Ja des Glaubens.” Aber das Denken will nun das Ja die vom Herzen vorweggenommene Zustimmung einholen. Deshalb ist immer Theologie notwendig, “Pilgerschaft” des Denkens.(5)  Bei Bonaventura findet J. Ratzinger einen ähnlichen Ansatz. Der Glaube sucht aus Liebe das Verstehen. “Die Liebe sucht Verstehen. Sie will den immer besser kennen, den sie liebt.”(6)

Im Glauben geht es also um Wahrheit, Glaube ist “ein uns geschenkter neuer Anfang des Denkens”. Die Wahrheit, die der Glaube ist, richtet sich an die Vernunft, sie muß von ihr gedacht werden, “um dem Menschen zu eigen zu werden und ihre volle Kraft zu entfalten”.(7) Weil Theologie so sehr den Glauben voraussetzt und weil es in ihr so sehr darum geht, ihn als Wahrheit zu erfassen, ist Theologie ganz an Umkehr gebunden. Die grundlegende Perspektive finden wir bei Joseph Ratzinger prägnant zusammengefaßt: “Theologie setzt einen neuen Anfang im Denken voraus, der nicht Produkt unserer eigenen Reflexion ist, sondern aus der Begegnung mit einem Wort kommt, das uns immer vorangeht. Diesen neuen Anfang anzunehmen, nennen wir ‘Bekehrung’. Weil es Theologie ohne Glaube nicht gibt, gibt es sie nicht ohne Bekehrung.”(8)

Umkehr besagt, den Weg der Nachfolge Jesu gehen und an seiner Todeserfahrung, aber so auch an seiner  Rettungserfahrung teilzubekommen.  Sie verlangt den Weg des Katechumenates, der  in die Taufe einmündet. Joseph Ratzinger ist nicht müde geworden, das zu betonen. In dem Artikel “Der heutige Mensch vor der Gottesfrage sagt er nach seinen Erwägungen über Voraussetzungen der Gotteserkenntnis am Ende ebenso knapp wie entschieden: “Gotteserkenntnis ist ein Weg; er heißt Nachfolge.”(9) In der Abhandlung “Was ist für den christlichen Glauben heute konstitutiv”,  betont er von neuem: “… weil die wahre Vernunft nicht in der Abstraktion des Gedankens, sondern in der Reinigung des Herzens zutagetritt, darum ist sie an einen Weg gebunden, den der vorangegangen ist, von dem gesagt werden darf: Er ist der Logos. Dieser Weg heißt Tod und Auferstehung…”  Fast unvermittelt wendet er sich von hier aus  gegen eine Schreibtischtheologie. “Christliche Lehre ist ursprünglich im Zusammenhang des Katechumenats erwachsen; nur von dort her wird sie sich wieder erneuern.”(10) Will er damit nicht sagen: Fruchtbare Theologie erwächst dort, wo der Lehrende durch eine tiefe Umkehr geläutert ist, die ihn mit Jesus Christus eint, und wo seine von der Bekehrung geprägte Glaubenserkenntnis darauf zielt, den Weg anderer zum Glauben zu begleiten?

Umkehr bedeutet, wie wir gesehen haben, für Joseph Ratzinger nach Gal 2,20 geradezu einen Subjektwechsel. Er kommt nicht aus dem Eigenen eines Menschen. Ratzinger erläutert dies, indem er Gal 2.20 mit einem anderen paulinischen Wort (Gal 3,28) verbindet: “Ihr seid in Christus hineingetauft, ihr seid mit Christus umkleidet worden. Da ist nicht mehr Jude noch Grieche, weder Knecht noch Freier, weder Mann noch Frau – denn ihr seid alle ein einziger in Christus Jesus.” Er unterstreicht, dass Paulus nicht sagt: “ihr seid eins”, sondern  “ihr seid einer”. Damit sagt Paulus, dass die Christen durch die “Subjektverschmelzung” ein neues, einziges Subjekt geworden sind. Das Getauftwerden ist deshalb ein ekklesialer Vorgang. “Weil die christliche Bekehrung die Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich aufbricht, darum kann sie einem nur vom Nicht-Ich her gegeben werden und sich niemals in der bloßen Innerlichkeit des eigenen Entschlusses vollenden. Sie hat sakramentale Struktur. Das ‘Ich lebe, doch nicht mehr ich’ beschreibt nicht eine private mystische Erfahrung, sondern umschreibt das Wesen der Taufe. Es geht um einen sakramentalen, d..h. um einen ekklesialen Vorgang. Das Passiv des Christwerdens verlangt das Aktiv der handelnden Kirche, in der sich die Subjekteinheit der Glaubenden leibhaft und geschichtlich darstellt.”(11) Der Subjektwechsel schenkt Einung mit Christus und so zugleich mit allen, die ihm zugehören.

Diese Dimension des Glaubens erläutert Joseph Ratzinger in seinem Buch “Auf Christus schauen” wiederum im Blick auf Gal 2,20. “Der Glaubensakt ist Öffnung ins Weite hinein, Aufbrechen der Tür meiner Subjektivität – von Paulus beschrieben in dem Wort: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Das gelöste Ich findet sich in einem größeren, neuen Ich wieder…Der Glaube “lebt und bewegt sich im Wir der Kirche, eins mit dem gemeinsamen Ich Jesu Christi… In diesem neuen Subjekt bin ich gleichzeitig mit Jesus, und alle Erfahrungen der Kirche gehören auch mir, sind mir zu eigen geworden.”(12) Das also bedeutet für den Menschen, der an Jesus Christus glaubt, in die Kirche als Subjekt der Glaubensüberlieferung aufgenommen zu werden.. Die Taufe empfangen, besagt für Paulus, in einen “gemeinsamen Erkennensraum” einzutreten, was einen von Herzen kommenden Gehorsam einschließt.(13) Im Johannesevangelium ist es der Geist, der “einen Raum des Hörens und des Erinnerns” wirkt, “ein ‘Wir’, das bei Johannes Kirche als Stätte der Erkenntnis umschreibt.”(14) Von diesem Evangelium kann Joseph Ratzinger geradezu sagen: “Das ganze Johannesevangelium will (ebenso wie die Briefe) nichts anderes als ein Akt des Erinnerns sein und ist darum das pneumatische Evangelium.” Im Blick auf die Kirche folgert erdaraus: “Pneumatische Kirche ist Kirche, die im Erinnern tiefer versteht, tiefer hineinschreitet in das Wort und so lebendiger und reicher wird. Wahre Selbstlosigkeit, Wegführen von sich selbst ins Ganze, das ist demnach die Marke des Heiligen Geistes als Abbildung seines trinitarischen Wesens.”(15)

Glaube als Umkehr ist für Joseph Ratzinger freilich zuerst Geschenk Gottes und dann erst ein Akt des Menschen. In dem Vortrag zum Regensburger Ökumenischen Symposium über “Glaube als Umkehr – Metanoia -” zitiert er einen Kommentar von Behm, der im Theologischen Wörterbuch des Neuen Testaments zu Mt 18, 3 schreibt: “…Wer umkehrt, wird klein vor Gott…, bereit, ihn an sich wirken zu lassen. Die Kinder des himmlischen Vaters, den Jesus verkündet hat, sind ihm gegenüber schlechthin Empfangende. Er gibt ihnen, was sie sich selbst nicht geben können… Das gilt auch von der metanoia. Sie ist Gottes Geschenk und hört doch nicht auf, verpflichtende Forderung zu sein.” (16)

Diese Dimension der Gnadenhaftigkeit und des Empfangens, die für den Glauben als Umkehr und so für die Theologie grundlegend ist, tritt in der Eucharistie in einzigartiger Weise hervor. Glaube als Umkehr im Sinne eines Subjektwechsels und damit des Geschenkes der  Einung mit Christus – das bringt mit der Taufe vor allem die Eucharistie in den Blick. Das “Verschmelzen” mit Christus ist, wie wir gesehen haben, bei Paulus zuerst mit der Taufe verbunden ist (Gal 2, 20 und 3, 16), ereignet sich bei ihm nach dem ersten Korintherbrief aber in einzigartiger Weise in der Eucharistie. In dem Wort “Weil es ein Brot ist, sind die vielen ein Leib”(1 Kor 10,17) besagt nach der Auslegung von Joseph Ratzinger “ein Leib”: “ein Subjekt”. Joseph Ratzinger sieht dieses Wort verbunden mit 1 Kor 12,12. Dort nimmt Paulus zunächst den Vergleich vom Leib und seinen Gliedern auf. Aber auch hier ist das neue Subjekt Christus selbst, “und die Kirche ist nichts anderes als der Raum dieser neuen Subjekteinheit…”(17)

Die Kommunion mit Christus in der Eucharistie führt den Christen zu einer Einung, die eine mystische Tiefe erreichen kann.  Joseph Ratzinger weist darauf hin, dass der Apostel Paulus in 1 Kor 6, 15-17 die Gliedschaft am Leib Christi, das Einswerden mit dem Herrn nach Analogie des Einswerdens von Mann und Frau beschreibt. In der Kommunion erfüllt sich die in den Religionen überall sich zeigende Sehnsucht nach Verschmelzung von Gottheit und Menschheit. “Die Verschmelzung ist möglich geworden, weil Gott in Christus abgestiegen ist, selbst die Schranken des Menschseins angenommen, sie durchlitten hat und in der unendlichen Liebe des Gekreuzigten die Tür des Unendlichen aufstieß. In diesem Einswerden erfüllt sich der Sinn der Schöpfung.”(18)

Schon dieses Zitat zeigt, dass die Eucharistie in ihrer einenden und verwandelnden Macht nur verstanden werden kann von einer Theologie des Kreuzes her, die für Joseph Ratzinger den Grund eucharistischer Theologie bildet. Die Liebe Christi am Kreuz  ist die Liebe des menschgewordenen Sohnes Gottes. In ihr strahlt die Liebe Gottes auf, der sich den Menschen übereignet. Eucharistie ist Vergegenwärtigung der Hingabe des Sohnes Gottes für uns und so Hingabe Gottes an uns. In ihr wird in unserem Leben gegenwärtig und wirksam, was im weltgeschichtlich einzigartigen Augenblick des Todes Jesu ereignet hat: das tiefste Einbrechen der Liebe Gottes in die Geschichte. Sich von ihr in der Eucharistie treffen lassen, das ist es, was den Gläubigen und durch ihn dann die Welt verwandeln kann. So konnte Papst Benedikt auf dem Marienfeld vom Tod des Herrn sagen: “Dies ist nun der zentrale Verwandlungsakt, der allein die Welt wirklich erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben. Weil “er den Tod in Liebe umformt, darum ist der Tod als solcher schon von innen her da. Der Tod Christi ist sozusagen die Kernspaltung im Innersten des Seins – der Sieg der Liebe über den Hass, der Sieg der Liebe über den Tod.”(19)

Die Eucharistie bedeutet freilich nicht ein Beschenktwerden, das automatisch eine tiefe Einung und Wandlung hervorriefe. Dies zeigt sich bei Paulus besonders im Blick auf das Verständnis von Leib Christi als einer bräutlichen Beziehung und in 1 Kor 10,1 -22. “Eucharistie schenkt keine quasimagische Heilsgewißheit. Sie fordert immer unsere Freiheit ein.(20) Anbetung, die im Tiefsten Liebe ist, ist die einzig angemessene Antwort auf die Demut, in der in der Eucharistie Gott dem Menschen begegnet. Christus empfangen bedeutet ihn anzubeten.(21)

Das in der Eucharistie geschenkte Einswerden, das das Leben verwandelt, besagt eine “christologische Mystik”: “Der Logos, der der Sohn ist, macht uns zu Söhnen in der gelebten sakramentalen Gemeinschaft.” “Es ist – wiederholen wir es – eine gelebte Gemeinschaft. Das leibhaftige Sein wird umgestaltet, umgeschmolzen in die Sohnschaft, in die Einheit mit dem Willen Gottes, Befreiung aus der Versklavung an eine Zeit, an die “Weltschemata”, von denen Paulus spricht. Nach Röm 12, 1 bedeutet dies, dass wir mit Christus “Eucharistie” werden, in eine eucharistische Hingabe hineingenommen werden – in einer “einzigen pneumatischen Existenz.”(22)

Die in der Eucharistie erfahrene Liebe des gekreuzigten und auferstandenen Herrn weckt jene tiefe Freude des Glaubens, die in die Bereitschaft zu missionarischer Hingabe einmündet. Eucharistie ist geradezu Ursprung der Mission. Dies freilich nicht dadurch, dass sie selbst eine werbende Aktion wäre, um Menschen für den Glauben zu gewinnen.  “Eher können wir … die Eucharistie als die mystische Mitte des Christentums verstehen, in der geheimnisvoll Gott immer wieder aus sich heraustritt und uns in seine Umarmung hineinzieht. Die Eucharistie ist die Erfüllung des Verheißungswortes vom ersten Tag der großen Woche Jesu: ‘Wenn ich von der Erde erhöht sein werde, dann werde ich alle an mich ziehen (Joh 12, 32).”(23) Und so formuliert Joseph Ratzinger seine Einsicht zur Bedeutung der Eucharistie für die Mission abschließend so: “Gerade dann, wenn die Eucharistie ‘im Obergemach’, im Innenraum ehrfürchtigen Glaubens ohne andere Absichten als die, Gott zu gefallen, gefeiert wird, entspringt aus ihr Glaube: jener Glaube, der dynamischer Ursprungsort von Mission ist…”(24)

Hier stoßen wir auf die theologische Option, die Joseph Ratzinger schon in seiner Antrittsvorlesung und in seiner Einführung ins Christentum als eine grundlegende Option der frühen Kirche gesehen und bejaht und die er immer neu bis hin zur berühmten Regensburger Vorlesung  theologisch zur Geltung gebracht und  kraftvoll vertreten hat: die Option für das Gespräch des christlichen Glaubens und der philosophischen Suche nach metaphysischer Wahrheit, nach dem einen Gott. Die Eucharistie schenkt dem Glauben die Dynamik, die zur Mission führt. Sie beflügelt damit zugleich die Theologie, die Anknüpfungspunkte der Vernunft aufzunehmen und so Brücken zu schlagen zwischen Glaube und Vernunft. Die Eucharistie wird je neu Ursprungsort eines Glaubens und einer Glaubenserfahrung voller Dynamik, sodaß sie  zugleich zum Ursprung einer missionarisch fruchtbaren Theologie wird.

Die eucharistische Kommunion verwandelt die ganze Existenz, und so wird das ganze Leben in Christus “eucharistisch”. So kann J. Ratzinger zeigen, dass die eucharistische Realität weit über den liturgischen Vollzug hinausreicht und das ganze Leben prägt. So wird der Glaube zur Erfahrung, gewinnt eine tiefere Evidenz nicht nur in der Einung der Kommunion mit Christus, sondern zugleich im täglichen Leben. Von da aus kann Joseph Ratzinger sagen: “Es leuchtet von daher wohl ohne weiteres ein, dass die Chance zu schöpferischer Theologie um so größer ist, je mehr der Glaube wirklich zur Erfahrung wurde; je mehr die Bekehrung in einem schmerzhaften Prozeß der Verwandlung innere Evidenz erhielt; je mehr sie als der unerläßliche Weg erkannt wurde, in die Wahrheit des eigenen Seins vorzudringen. Deswegen kann sich an den Bekehrten immer wieder der Weg zum Glauben orientieren; deswegen helfen sie uns am meisten darin, die Vernunft der Hoffnung zu erkennen und zu bezeugen, die in uns ist (vgl 1 Petr 3,15).”(25)

Die Erfahrung der Heiligen hat für Joseph Ratzinger einen hohen Rang. Sie reflektieren etwas vom Licht der Gottesschau Jesu. Auch verborgene Heilige haben einen Strahl von diesem Glanz empfangen, “konkrete und reale Erfahrung Gottes”. So haben die Heiligen  durch ihre Schau eine maßgebende Bedeutung für die Theologie. “Diese Schau ist Bezugspunkt theologischen Denkens und verbürgt so die Rechtmäßigkeit einer Theologie. Die Arbeit des Theologen ist in diesem Sinne immer ‘sekundär’, relativ auf die reale Erfahrung der Heiligen hin. Sie verliert ohne diesen Bezugspunkt, ohne die innerste Verankerung in solcher Erfahrung ihren Realitätscharakter. Das ist die Demut, die den Theologen auferlegt ist.”(26) “Der Zusammenhang von Theologie und Heiligkeit ist daher nicht irgendeine sentimentales oder pietistisches Gerede, sondern folgt aus der Logik der Sache und bestätigt sich die ganze Geschichte hindurch.”(27)
J. Ratzinger erinnert hier an Antonius und Athanasius, an Augustinus, an Franziskus und Bonaventura, an Dominikus und Thomas von Aquin. Er hebt diese großen Gestalten hervor, in denen das Evangelium eine neue Erfahrung und  und so Jesus Christus selbst eine neue Vergegenwärtigung gefunden hat, um schließlich zu betonen, dass “bloße Rationalität” nicht ausreicht, “um große christliche Theologie hervorzubringen”.(28)

Aber Joseph Ratzinger denkt nicht bloß an solche große Gestalten, sondern an die Heiligen, die man als Heilige des Alltags bezeichnen könnte und die er selbst “verborgene Heilige” nennt. In seiner theologischen Besinnung “Vom geistlichen Grund und vom kirchlichen Ort der Theologie” spricht er von den Bekehrten und läßt Gal 2,20 noch einmal aufklingen. Hier beschreibt er den existentiellen Grund von Theologie in höchst prägnanter Weise. “Bekehrung kann viele Formen haben. Sie muß nicht immer in einem punktuellen Ereignis geschehen wie bei Augustinus oder Pascal, bei Newman und Guardini. Aber in irgendeiner Form muß dieses Ja zu diesem neuen Anfang bewusst übernommen werden, muß die Wende vom Ich zum Nicht-mehr-Ich vollzogen sein. Es leuchtet von daher wohl ohne weiteres ein, dass die Chance zu schöpferischer Theologie  umso größer ist, je mehr Glaube wirklich zur Erfahrung wurde; je mehr die Bekehrung in einem schmerzhaften Prozeß der Verwandlung innere Evidenz erhielt; je mehr sie als der unerläßliche Weg erkannt wurde, in die Wahrheit des eigenen Seins vorzudringen. Deswegen kann sich an den Bekehrten immer wieder der Weg zum Glauben orientieren; deswegen helfen sie uns am meisten, die Vernunft der Hoffnung zu erkennen und zu bezeugen, die in uns ist (vgl. 1 Petr 3,15).”(29)

Die knappe Darlegung wollte in die Mitte der Theologie von Papst Benedikt XVI. führen.  Sie möge für seinen Schüler, Professor Henrique de Noronha Galvao, ein schlichtes Zeichen hoher Anerkennung und herzlicher Dankbarkeit aus der Mitte des Schülerkreises für den Kollegen und Freund sein.

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