Nach dem Weg ist vor dem Weg

Die römische Bischofsversammlung ist beendet – Jetzt beginnt die Debatte, was die Synode erbracht haben könnte

KathTube: Kath.net-Rom-Korrespondent Armin Schwibach zur Synode bei RADIO HOREB

Von Guido Horst

Die Synode ist zu Ende und hat ihren Abschlussbericht dem Papst übergeben. Nun liegt es an Franziskus, ein Schreiben zu Ehe und Familie zu verfassen.

Rom, Die Tagespost, 26. Oktober 2015

“Wir wünschen uns”, so schreiben die Synodenväter im Abschlussbericht der römischen Bischofsversammlung im Rückblick auf ihre Beratungen, “dass die Frucht dieser Arbeit, die jetzt in die Hände des Nachfolgers Petri gelegt wird, den vielen Familien in der Welt Hoffnung und Freude, den Hirten und pastoralen Mitarbeitern Orientierung und dem Werk der Evangelisierung einen Anstoss geben möge. Indem wir diese Relatio abschliessen, bitten wir den Heiligen Vater demütig, dass er die Möglichkeit abwäge, ein Dokument zur Familie vorzulegen, damit in ihr, der Hauskirche, Christus als das Licht der Welt immer mehr aufscheine.”

Der Paragraf mit diesen letzten Sätzen der “Relatio finalis“ erhielt bei den Schlussvoten am Samstag, dem letzten Tag der vierzehnten ordentlichen Synode, nur fünf Gegenstimmen. Damit dürfte feststehen: Es beginnt das Warten auf ein Schreiben von Franziskus zu Ehe und Familie. Der synodale Prozess geht weiter. Nach dem Weg ist vor dem Weg.

Ganze achtzig Nein-Voten erhielt bei der abschliessenden Stimmabgabe in der Synodenaula der Paragraf 85, der zur Frage der zivil wiederverheirateten Geschiedenen das Thema “objektive Situation“ und “subjektive Schuldfähigkeit“ behandelt. Ganz knapp hat die Versammlung bei diesem Punkt die nötige Zweidrittel-Mehrheit erreicht. Wäre sie verpasst worden, hätte das die ganze Relatio verpfuscht, die Synode blamiert und dem Papst sehr geschadet. Doch diese Katastrophe ist allen erspart geblieben – knapp, aber doch bindend: 178 Ja-Stimmen haben gereicht, 177 wären nötig gewesen.

Die Stimmung am Tag danach?

Man weiss es nicht. Bei der Abschlussmesse mit dem Papst im Petersdom schlüpfen die geistlichen Protagonisten der Synode in die feierliche Enthobenheit des liturgischen Gewands. Keine Debatte mehr, keine Interviews, keine unvereinbaren Meinungen. Der Kult vereint, Franziskus predigt über die Versuchungen der “Spiritualität der Vorspiegelung“ und des “Planungs-Glaubens“. Kaum jemand kann sich an eine kürzere Papstmesse an Sonntagvormittagen im Petersdom erinnern, seitdem Franziskus im Amt ist. In der Regel beginnen die Liturgien um zehn Uhr und enden mit dem “Angelus“ um zwölf. Diesmal bleibt eine halbe Stunde Zeit zwischen dem Ende des Gottesdienstes und dem Erscheinen des Papstes an seinem Fenster hoch oben über dem Petersplatz.

Eine Schrecksekunde beim Auszug aus dem Petersdom. Als sich der 93 Jahre alte Kardinal Roger Etchegaray vor dem vorbeigehenden Papst aus seinem Rollstuhl erheben will, stürzt er zu Boden. Franziskus bleibt stehen, bis man den altgedienten Kirchenmann wieder in seinen Stuhl gehoben hat. Eilig schreitet der Papst den ausziehenden Klerikern hinterher – das Segnen des Volkes fällt aus. Am Abend kommt die Nachricht, dass sich Etchegaray den Oberschenkel gebrochen hat. Franziskus hat ihn noch am Abend im Krankenhaus besucht.

Noch ist es zu früh, nach zwei Jahren synodalen Prozesses eine Bilanz zu ziehen. Am Sonntag stockt die Synodenmaschinerie. Unmengen von Papier hat das vatikanische Presseamt produziert. Aber jetzt fehlt noch die “Relatio finalis“ in den verschiedenen Sprachen. Nur auf Italienisch liegt sie vor. Die hohe Zahl der Nein-Stimmen zu den drei Paragrafen über die Begleitung der wiederverheirateten Geschiedenen wird sich wohl nie bis ins Letzte analysieren lassen: Haben Synodale wie etwa Kardinal George Pell an dieser Stelle mit “Nein“ gestimmt, weil ihnen der Text “zu weit“ ging, oder solche wie Kardinal Walter Kasper, weil ihnen diese Paragrafen “nicht weit genug“ gegangen sind? Alles Spekulation.

Tatsache ist, dass der Abschlussbericht die Zulassung zur Kommunion und die zivil Wiederverheirateten nicht in einem Atemzug erwähnt. Von “Integration“ und seelsorglicher Begleitung ist die Rede. Die homosexuellen Partnerschaften und ihre Bewertung sind aus dem Text ganz herausgefallen. Deutliche Worte findet die Relatio zur Gender-Ideologie, allerdings gar nicht so positiv, wie das jetzt in einer Broschüre der Deutschen Bischofskonferenz ausgefallen ist.

Noch am Samstagabend treten deutschsprachige Synodenväter in einem Hotel beim Vatikan vor Medienvertreter. Kardinal Walter Kasper ist nicht erschienen, sein Weg der Busse und Umkehr der zivil Wiederverheirateten mit anschliessender Kommunionzulassung hat es nicht in den Abschlussbericht geschafft. Kardinal Christoph Schönborn stellt zu Beginn der Pressekonferenz das entscheidende Wort in den Raum, mit dem, wie er sagt, der schriftliche Niederschlag der Synodenarbeit zu lesen und zu verstehen sei: die “Unterscheidung“. Die Unterscheidung der Lebenslagen, die Unterscheidung jedes einzelnen Schicksals in der seelsorglichen Begleitung, die Unterscheidung im Sinne einer Einzelfallprüfung. Kardinal Reinhard Marx räumt ein, dass das Schlussdokument der Synodalen nicht alle Fragen zum Thema wiederverheiratete Geschiedene kläre. Die “Relatio finalis“ bezeichnet er dennoch als “wirklichen Schritt nach vorn“. Es fordere “stärkere Integration“ von Menschen in schwierigen Situationen und ermutige auch die Priester, “wirklich zu begleiten und dann auch hinzuführen zu einer stärkeren Integration“. Die Synode gebe einen “positiven Impuls“, um das Thema Ehe und Familie voranzubringen, sagt der Kardinal. Er sei “sehr glücklich darüber, dass wir hier einen Schritt vorangekommen sind“. Die Synode habe insgesamt den “Weg des Papstes“ gestützt, auch wenn das Abschlussdokument an manchen Stellen ein “Kompromisstext“ sei. Das Ergebnis ermögliche dem Papst, “einen Weg weiter zu gehen“. Für das weitere Überlegen seien “keine Türen geschlossen, sondern Türen geöffnet“ worden. Das Wort von der “Tür, die nun ein Spalt breit offen ist“, ist häufiger zu hören, wofür sie offen sein soll, hingegen nicht.

Kardinal Schönborn erklärt, dass man auf der Synode auch habe lernen müssen, so etwa von den afrikanischen Bischöfen in Sachen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Im Laufe der Beratungen über die Situation homosexueller Menschen habe sich gezeigt, dass die kulturellen und politischen Umstände zu unterschiedlich seien, um in dieser Frage zu einen Konsens unter den Synodalen zu gelangen, meint der Kardinal. Die Afrikaner hätten ihren Mitbrüdern deutlich gemacht, dass es für sie politisch unmöglich sei, mit einem Kirchendokument in ihre Heimat zurückzukehren, das homosexuelle Partnerschaften aufwerte. Und es sei eben eine Synode über die Ehe von Mann und Frau gewesen, da gehöre die Homosexualität nun einmal nicht hinein, so Schönborn.

Nach Hause zurückgekehrt, gaben die drei auf die Synode delegierten Bischöfe aus Deutschland bereits gestern Pressekonferenzen. Kardinal Marx in München, Erzbischof Heiner Koch in Bonn und Bischof Bode in Osnabrück. Es gilt, in der Heimat die Deutungshoheit über den Ausgang der römischen Versammlung zu gewinnen. Der nachsynodale Prozess hat begonnen.

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