Nicht PID, sondern PIS

Gastbeitrag von Generalvikar Martin Grichting in der “Südostschweiz” vom 3. Juni 2015

Quelle

Ein neuer Verfassungsartikel zur Fortpflanzungsmedizin und Gentechnologie im Humanbereich soll der Präimplantationsdiagnostik (PID) den Weg ebnen. Embryonen sollen auf allfällige genetisch bedingte Krankheiten untersucht werden. Erfüllen sie bestimmte “Qualitätskriterien” nicht, werden sie getötet, anstatt sie der zukünftigen Mutter einzupflanzen.

Aus christlicher Sicht ist es schon eine Verletzung der Würde des Menschen, wenn er von einem Chemielaboranten in einer Petrischale zusammengesetzt wird. Was dann folgt, ist aber noch schlimmer. Denn es geht in Wahrheit nicht um PID, sondern um PIS, um PräimplantationsSelektion. Denn man will zukünftig nicht einfach Diagnostik am Embryo betreiben. Es geht nämlich nicht darum, etwas über ihn zu erfahren, um ihn allenfalls heilen zu können. Sondern es soll einzig etwas über die genetische Beschaffenheit des Embryos in Erfahrung gebracht werden, um ihn dann gegebenenfalls töten zu können, wenn er nicht den erwünschten Grad an Gesundheit aufweist. Das geht über Diagnostik weit hinaus: Es ist Selektion, Auslese.

Und es ist der Sache nach nichts Neues. Der römische Hausvater (pater familias) hatte auch schon das “Recht” (patria potestas), ein ihm geborenes Kind anzunehmen oder es, wenn er es zu schwach fand, töten zu lassen. Etwas besser ging es damals “verworfenen” Kindern, wenn sie “nur” ausgesetzt oder in die Sklaverei verkauft wurden.

Das erstarkende Christentum hat dann diese unmenschliche Praxis zum Verschwinden gebracht. Man sieht daran, dass der christliche Glaube von Anfang an einen humanisierenden Charakter gehabt hat. Denn er beinhaltet, dass jeder Mensch ein Abbild Gottes und deshalb unantastbar ist. Nun, da der christliche Glaube in der westlichen Welt seine prägende Stellung immer mehr verliert, kommt das alte Heidentum zurück. Und es kommt wieder zum Vorschein, was im Menschen ist, wenn er auf sich selbst zurückgeworfen wird, weil er niemanden mehr über sich anerkennt. Denn PID − oder eben besser PIS − ist nichts anderes als die technisch ausgefeiltere Fortsetzung einer vorchristlichen Praxis. Es ist ein Rückfall in eine Zeit, als sich auch Gladiatoren zur Belustigung des Publikums umbrachten und man in der Arena Menschen den wilden Tieren zum Frass vorwarf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Die drei Säulen der röm. kath. Kirche

monstranz maria papst-franziskus

Archiv

Empfehlung

Ausgewählte Artikel