Das lange Schweigen über die Babymorde

Ein US-Arzt steht wegen mehrfachen Mordes an lebendgeborenen Babys vor Gericht

Die Tagespost, 22. April 2013

Der Prozess über die Verbrechen in dessen Abtreibungsklinik heizt nicht nur die Diskussion um Spätabtreibungen an, sondern sorgt auch für eine Mediendebatte. Denn grosse US-Medien schwiegen lange Zeit bewusst über den Fall. Von Clemens Mann

Es ist bereits dunkel,die Drogenfahnder und FBI-Ermittler am Abend des 18. Februar 2010 die Klinik des Abtreibungsarztes Kermit Gosnell in der Lancaster Avenue im Westen Philadelphias betreten. Schon seit Monaten haben sie das dreistöckige, mit roten Backsteinziegeln erbaute Haus, das die Klinik mit dem unverdächtigen Namen “Women’s Medical Society” beherbergt, im Visier – wegen des Verdachts auf illegalen Handel mit Schmerz- und Betäubungsmitteln. Doch was die Fahnder bei der Drogenrazzia tatsächlich entdecken, erschüttert selbst die erfahrensten unter ihnen:Der Boden ist mit Blut beschmiert, es stinkt nach Urin, Fäkalien einer herumstreunenden Katze liegen auf Treppenstufen. Im Wartezimmer und im Aufwachraum stöhnen halb bewusstlose Frauen auf Liegen mit blutbefleckten Laken. Die Ermittler finden die Überreste von 45 abgetriebenen Föten. Komplette kleine Körper sind in Plastiktüten eingewickelt, manche wurden bei der Abtreibung zerstückelt. Einige liegen tiefgefroren im Eisschrank, andere in Taschen und leeren Milch-Beuteln, sogar in Orangensaft-Kartons oder Behältern für Katzenfutter. Nach dem 280 Seiten umfassenden Ermittlungsbericht der einberufenen Grand Jury, der ein Jahr später veröffentlicht wird, wurden rund zehn bis zwanzig Prozent der damals gefundenen Föten von Gosnell illegal nach der 24. Woche abgetrieben.

4. März 2013: Drei Jahre später sitzt Gosnell auf der Anklagebank in Philadelphia: Die Anwälte legen dem 72-Jährigen den Mord an sieben neugeborenen und lebensfähigen Babys sowie die fahrlässige Tötung der 41-jährigen Patientin Karnamaya Mongar zur Last. Mitangeklagt sind in dem Prozess auch ehemalige Mitarbeiter der Klinik, die jahrelang nicht nur von dessen grausamen Treiben gewusst, sondern sich auch selbst schuldig gemacht hatten, in dem sie ohne Ausbildung Betäubungsmittel spritzten, sich als Ärzte ausgaben, selbstständig Diagnosen stellten oder gar selbst Babys töteten. Nach dem Bericht der Grand Jury gehörte das Töten zum Geschäftsmodell Gosnells hinzu. Der Arzt könnte am Ende des Prozesses mit dem Tod bestraft werden.

Wie viele lebensfähige Babys Gosnell tatsächlich in seinen 40 Jahren als Abtreibungsanbieter umgebracht hat, ist unklar. Bei den sieben Babymorden handelt es sich nur um die Fälle, die man dem Arzt zweifelsfrei nachweisen konnte. Gosnell hat die Behandlungsakten bewusst vernichtet, heisst es im Bericht der Grand Jury. Auch die Aussagen der Zeugen, die in den letzten fünf Wochen vernommen wurden, legen nahe, dass es sich nur um die Spitze des Eisberges handeln dürfte. Kareema Cross, eine ehemalige Angestellte in der Abtreibungseinrichtung, der wegen Missbrauch von Betäubungsmitteln ebenfalls der Prozess gemacht wird, sagte am vergangenen Donnerstag als letzte von 28 Zeugen aus, sie habe mindestens 14 lebendgeborene Kinder in der Klinik gesehen. Zehn von ihnen hätten zweifellos geatmet. “Ich dachte, sie würden atmen. Aber er sagte, sie atmen nicht wirklich”, sagte Cross. Drei der Kinder hätten sich ausserdem noch bewegt. Gosnell aber hätte die Bewegungen als blosse Reflexe vor dem unweigerlichen Tod bezeichnet. Dann stach er ihnen wie üblich mit einer Schere in den Nacken, durchtrennte das Rückenmark. Oft zertrümmerte er auch den Schädel des Fötus, obwohl keinerlei medizinische Notwendigkeit mehr bestand. Die Grand Jury schätzt, dass Gosnell mehrere hundert Babys auf diese Weise tötete. Andere Zeugen werden später aussagen, Gosnell habe sein Handeln vor den Mitarbeitern immer wieder als legal verteidigt.

Kermit Barron Gosnell wurde 1941 in Philadelphia geboren. Wären die grausamen Details über seine Abtreibungspraktiken nicht ans Licht gekommen, man hätte sein Leben als kleine Erfolgsgeschichte sehen können. Gosnell wuchs im armen Westen Philadelphias aus. Schon damals lebten in dem verarmten Stadtteil mehrheitlich Afro-Amerikaner, heute sind es 76,2 Prozent. Arbeitslosigkeit und Kriminalität gelten als hoch. Gosnell gehörte zu den besten Schülern der städtischen Central High School. 1966 schloss er sein Medizinstudium an der Jefferson Medical School ab. Viele, die es sich leisten konnten, zogen weg. Gosnell aber blieb. Er eröffnete im Viertel Mantua ein Haus, um Drogensüchtigen einen Neustart zu ermöglichen, und rief ein medizinisches Hilfsprogramm für Teenager ins Leben. Auch deswegen war Gosnell ein respektierter Mann. Nach einem Bericht des “Philadelphia Inquirer” erreichte er 1972, dem Jahr, an dem er die Abtreibungsklinik in der Lancester Avenue eröffnete, sogar das Finale des Wettbewerbs “Young Philadelphian of the Year”. Bei der Eröffnung der Klinik im Oktober 1972 sagte er einem Reporter der US-Zeitung: “Ich persönlich würde niemals zustimmen, dass eine Abtreibung an einer Frau durchgeführt wird, die mein Kind trägt.” Als Arzt sei ihm die “Heiligkeit des Lebens” sehr bewusst. Gerade deswegen brauche es aber medizinisch einwandfreie und präzise durchgeführte Abtreibungen für Frauen.

Dass es Gosnell jemals um die “Heiligkeit des Lebens” ging, darf entschieden bezweifelt werden. Nach dem Bericht der Grand Jury stand für den Arzt der finanzielle Profit im Vordergrund. Mitarbeiter sagten aus, dass er für eine illegale Abtreibung nach der 24. Schwangerschaftswoche bis zu 3 000 Dollar verlangte. Eine nach US-Recht noch legale Abtreibung in der 23. bis 24. Woche kostete immerhin noch 1 600 Dollar. Gosnell verdiente nach Schätzungen der Grand Jury in einer einzelnen Nacht – die Abtreibungen wurden meist am Abend bis spät in die Nacht vorgenommen – zwischen 10 000 bis 15 000 Dollar. Tagsüber klingelten die Kassen mit dem Missbrauch und illegalen Handel von Betäubungsmitteln. Die Klinik gehört zu jenen Einrichtungen im gesamten Bundesstaat, die die meisten Betäubungsmittel verschrieben. Ermittler sagten, Gosnells Klinik sei am Tag eine “Pillenschleuder“ gewesen, in der Nacht eine “Abtreibungsmaschinerie”.

Für den Arzt war das Töten der Babys ein Millionengeschäft. Frauen aus anderen US-Bundesstaaten reisten nach Philadelphia. Es hatte sich herumgesprochen, dass Gosnell späte Abtreibungen vornahm, die andere Anbieter längst nicht mehr durchführen wollten. Damit aber nicht genug: Gosnell stellte Personal ein, das keine medizinische Ausbildung hatte, weil es billiger war. Um die Gesundheit seiner Patientinnen scherte sich Gosnell nicht. Einen Tag nach dem Besuch der Abtreibungsklinik verblutete eine Frau und starb. Die Abtreibungsmethode von Gosnell war laut Grand Jury “unnötig schmerzhaft”. Zahlreiche Frauen sollen in Folge einer missglückten Abtreibung innere Verletzungen und lebensbedrohliche Blutungen erlitten haben. Eine Überwachung der narkotisierten Frauen mit modernen medizinischen Geräten gab es nicht. Hatten Frauen starke Schmerzen – und das nötige Kleingeld – wurden sie mit Schmerz- und Betäubungsmitteln vollgepumpt. Die aus 2009 aus Bhutan geflohene Karnamaya Mongar starb an einer Überdosis – und weil Gosnell sich lange Zeit geweigert hatte, Hilfe zu rufen.

Die an Unmenschlichkeit kaum zu übertreffenden Verbrechen haben in den USA zu einer landesweiten Debatte geführt. Warum konnte Gosnell jahrelang Kinder ermorden? Wieso schritten die Behörden nicht eher ein? Wussten sie überhaupt davon? Nach dem Bericht der Grand Jury gab es zahlreiche Beschwerden beim Gesundheitsministerium des Bundesstaates, das Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen überprüft. Bei Untersuchungen 1979, 1989 sowie 1992 und 1993 wurden eklatante Mängel aktenkundig. Es geschah aber nichts. 1993 habe dann das Gesundheitsministerium aus politischen Gründen entschieden, Abtreibungskliniken nicht mehr zu überwachen. Mit den Untersuchungen würden zusätzliche “Barrieren” für Frauen aufgebaut, die eine Abtreibung vornehmen wollten. Nicht einmal der Tod von Karnamaya Mongar sorgte dafür, dass Ermittlungen vom Gesundheitsministerium eingeleitet wurde. Auch bei anderen Behörden, die etwa für die Vergabe von Lizenzen an Ärzte verantwortlich sind, gab es Beschwerden. Ein früherer Mitarbeiter Gosnells wies auf die katastrophalen Zustände in der Klinik hin: Gosnell würde Abtreibungen an Minderjährigen vornehmen und übermässig viele Schmerzmittel verschreiben, die einen hohen Verkaufswert auf dem Schwarzmarkt hätten.

Diskutiert wird aber nicht nur über das Versagen der Behörden, sondern auch das Versagen der Medien. Denn zum Beginn der Verhandlung im März blieben die reservierten Sitze der Journalisten meist leer. Grosse US-Zeitungen berichteten nicht, und das, obwohl es sich um einen selbst für US-Verhältnisse mehr als ungewöhnlichen Fall handelt. Erst ein Sturm der Entrüstung über die sozialen Netzwerke sorgte dafür, dass der Prozess die Berichterstattung bekam, die er verdiente. Margaret Sullivan von der New York Times verteidigte sich wenig überzeugend damit, viele Zeitungen hätten den Fall einfach nicht auf dem “Radar” gehabt. Die Berichterstattung vieler Nachrichtendienste sei oft zufällig. Einige Tage später sind aber auch selbstkritische Töne zu hören: Melinda Henneberger von der “Washington Post” schrieb, man habe nicht über die Abtreibungsgeschichte berichtet, weil sie eine ernsthafte Gefahr für das Recht auf Abtreibung darstelle. Jetzt müsse man sich die unbequeme Frage stellen, warum man einem 30-Wochen alten Fötus nur als Person bezeichnet, wenn sich die Mutter dafür entschieden hat, es zu behalten.

In den USA ist Abtreibung seit dem im Jahr 1973 vom obersten Gerichtshof getroffenen Urteil “Roe vs. Wade” bis zur Lebensfähigkeit des Kindes zulässig. Ab der 23. Schwangerschaftswoche können sogenannte Lebendgeburten in Folge von Abtreibungen auftreten. Die einzelnen Bundesstaaten haben das Recht, eigene Abtreibungsgesetze festzulegen. Viele haben deshalb zusätzliche Regelungen erlassen, beispielsweise obligatorische Beratungsgespräche, Bedenkzeit vor einem Eingriff oder strenge Vorschriften für Abtreibungseinrichtungen. 2007 wurde eine besonders grausame Spätabtreibungsmethode, die Teilgeburtsabtreibung, verboten. Dem Fötus, mit einer Zange aus dem Gebärmutterhalskanal gezogen, wird durch ein Loch im Hinterkopf das Gehirn abgesaugt. DT/clm

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