Das “Ende der Geschichte” ist zuende

Ist J.D. Vances’ Rede mit der “Perestroika”-Rede Gorbatschows zu vergleichen? So oder so spricht vieles spricht dafür, dass wir den Beginn einer neuen Ära erleben

Quelle
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Weltweite Anteilnahme nach dem Tod von Michail Gorbatschow | DW Nachrichten

27.02.2025

Tobias Klein

Über die Rede des neuen US-Vizepräsidenten J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz ist schon viel gesagt und geschrieben worden; die bemerkenswerteste Einschätzung dazu habe ich jedoch von einem alten Freund gehört, den ich in den 2000er-Jahren in einer linken Kneipe beim Dominospielen kennengelernt habe.

Vances’ “Perestroika-Rede”

Diesen Freund, einen in marxistischer Theorie geschulten Altlinken mit DDR-Biographie, erinnerten sowohl die Vance-Rede als auch die Reaktionen darauf an nichts so sehr wie an Gorbatschows Perestroika-Rede vor dem ZK der KPdSU im Januar 1987: Die Parallelen zwischen den beiden Ansprachen ließen sich bis ins Detail aufzeigen, bis hin zu der Mahnung, die Regierenden sollten keine Angst vor der eigenen Bevölkerung haben; und auch damals hätten die Zuhörer, und gerade auch die Spitzenpolitiker der verbündeten Staaten, ein Reaktionsspektrum von moralischer Entrüstung bis hin zu kopfloser Panik gezeigt.

Unabhängig davon, wie man diese Parallelen bewerten oder welche Schlüsse man daraus ziehen möchte, scheint doch vieles dafür zu sprechen, dass wir an der Schwelle einer neuen historischen Epoche stehen – was die einen mit Sorge, die anderen mit Hoffnung erfüllen mag. Auch wenn das vom scheidenden Bundeskanzler Olaf Scholz geprägte Schlagwort von der “Zeitenwende” schon 2022 “Wort des Jahres” war, scheint sich die Tragweite der Feststellung, fortan werde nichts mehr so sein wie bisher, erst allmählich herauszukristallisieren – und erst recht gilt das für die Frage, wohin sich die Zeit eigentlich wendet. Zentrale Bedeutung hierfür wird zweifellos der zweiten Trump-Präsidentschaft zukommen.

“Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” gilt auch für Deutschland

Was diese tatsächlich bringen wird und ob es mehr Gutes als Schlechtes sein wird, ist noch nicht absehbar, aber eines hat sie schon jetzt bewirkt: Die pure Wucht des Veränderungswillens, die Trump und seine Administration ab dem Tag ihrer Amtsübernahme an den Tag gelegt haben, hat den weltpolitischen Status quo und – gerade hierzulande – den Glauben an die “Alternativlosigkeit” der Politik der letzten Jahrzehnte erschüttert; und damit auch die Gewissheit der sich selbst als “progressiv” verstehenden politisch-gesellschaftlichen Kräfte, sie stünden quasi bereits als “Sieger der Geschichte” fest.

Dass die FDP im Bundestagswahlkampf mit dem Slogan “Alles lässt sich ändern” keinen Erfolg hatte, ändert nichts daran, dass diese Parole den Geist des Augenblicks perfekt eingefangen hat – gerade nachdem die Politik den Bürgern allzu lange weiszumachen versucht hat, nichts ließe sich ändern. Ob die nächste Bundesregierung willens und in der Lage sein wird, diese Zeichen der Zeit zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren, mag zweifelhaft sein; aber wenn sie es nicht tut, steht zu erwarten, dass sich auch an ihr ein Diktum Gorbatschows bewahrheiten wird: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.”

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