Unser Sonntag: Trifft uns die Kritik?


Das heutige Evangelium, so Pfarrer David Formella, hält uns einen unbequemen Spiegel vor: Jesus spricht von Zöllnern und Dirnen, die eher ins Reich Gottes gelangen als die vermeintlich Frommen. Doch fühlen wir uns von solchen Worten eigentlich angesprochen – oder denken wir sofort an die anderen?

Quelle

Pfarrer David Formella,

25. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 21,28-32

Es war im zweiten Jahr meiner Dienstzeit, als ich Kaplan in Dinslaken zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein war. Das ist schon fast 25 Jahre her, aber mir immer noch recht präsent. Mein Mitkaplan, die beiden Pfarrer und ich hatten im November eine Predigtreihe zu „den letzten Dingen“ geplant.

Mein Thema: „Gott der Richter in Gerechtigkeit“. An der Besetzung mit vier Priestern können Sie sehen, dass das schon lange her ist …

Und über das Lied „Strenger Richter aller Sünder“ hab‘ ich mich hinreißen lassen und mal so eine richtige Predigt über Gericht und Sünde, über Buße und Umkehr gehalten. Dieses Lied hat eine interessante Melodieführung – da gibt es einen Wechsel, den der Kirchenmusiker gerne an der Orgel begleitet hat, allerdings hat der Text des Liedes dazu geführt, dass es den Weg ins neue Gotteslob vor 12 oder 13 Jahren nicht mehr geschafft hat. Es war zwar keine Höllenpredigt, aber so ein bisschen davon hat sie schon gehabt.

Anderen die Meinung gesagt

Eigentlich sollte der Schwerpunkt mehr auf der Gerechtigkeit liegen. Hat wohl irgendwie dann wohl nicht so richtig geklappt. Offensichtlich war es wohl eher so, dass ich junger Spund den Gottesdienstmitfeiernden damals doch schon ganz gehörig den Marsch geblasen habe. „Heut‘ haben Sie es denen mal so richtig gesagt!“ Und was ist passiert? Kaum dass der Gottesdienst zu Ende war, überfielen mich auch schon eine Reihe von Leuten: einige richtig sauer, weil ich die Predigt mit dem Lied angefangen habe, das ja damals im Gotteslob stand. Und mir kam es da auch eigentlich mehr auf die weiteren Strophen an. Die passten zum Predigtthema. Andere klopften mir mit Worten auf die Schulter und meinten: „Toll, Herr Kaplan, heut‘ haben Sie es denen mal so richtig gesagt!“

Wer fühlt sich angesprochen? 

Liebe Schwestern und Brüder, ja, den anderen … selbst angesprochen hat sich keiner gefühlt. Wenn die Leviten immer nur den anderen gelesen werden. Ist aber doch auch so. Sobald es um Lob und Anerkennung geht, heben wir gleich den Kopf und fühlen uns geehrt.

Wenn uns aber jemand die Leviten liest, dann meint das grundsätzlich nur die anderen! Mit dem heutigen Evangelium ist es vermutlich kein bisschen anders. Oder fühlen Sie sich angesprochen, wenn Jesus sagt: „Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Es ist eine große Gefahr, dass wir uns im Blick auf die Heilige Schrift nur die Rosinen herauspicken.

Alle Verheißung gilt uns, aber was Jesus zu kritisieren hat, das wendet sich lediglich an die Adresse seiner Zeitgenossen, an Pharisäer, Sadduzäer, Schriftgelehrte – sprich: an alle, nur nicht an uns. Jesus würde uns heute nicht weniger kritisieren.

„Und dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass Jesus heute nicht minder kritisch auftreten würde als zu seiner Zeit. In unseren Kirchen würde er kaum predigen.“

Und dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass Jesus heute nicht minder kritisch auftreten würde als zu seiner Zeit. In unseren Kirchen würde er kaum predigen. Gepredigt hat er auch damals auf den Plätzen und auf den Straßen. Und wir würden von seiner Predigt wohl auch kaum etwas mitbekommen, denn mit den Menschen, mit denen er sich umgeben würde, würden wir uns wohl kaum blicken lassen. Wer von uns lässt sich denn auch mit Dirnen, Ex-Sträflingen oder sonstigen zwielichtigen Gestalten ein. Würden wir’s tun, wir hätten gleich unseren Ruf weg …

Auf welcher Seite stehen wir?

Wenn wir aber nicht bei diesen dastehen, wo stehen wir dann? Bleibt da noch die Seite derer, auf der vor zweitausend Jahren auch die gestanden haben, die so sehr von sich überzeugt waren, die man selbstherrlich nannte und selbstgerecht, die auf alle, die es nicht geschafft hatten, ihr öffentliches Ansehen in genau der gleichen Weise aufzupolieren, mit Verachtung herabsahen – oder zumindest mitleidig.

Aber das waren genau die, die die allermeiste Kritik Jesu abbekamen: „Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Zu wem würde Jesus das heute sagen? Was er da vor zweitausend Jahren gesagt hat, er würde es heute wohl genauso wieder sagen. Zu wem anders aber, als zu uns? Irgendwie sollten wir es uns wohl doch zu Herzen nehmen.

Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski, 26. September 2026

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