Ungarns Bischöfe bitten um Vergebung für kirchliche Kollaborateure des Kommunismus

Quelle
Kirche in Ungarn distanziert sich von Priester mit Orbán-Nähe | DOMRADIO.DE

Von Alexander Folz

Redaktion – Freitag, 6. November 2026

Nach der Veröffentlichung von Akten der kommunistischen Staatssicherheit hat die ungarische Bischofskonferenz eingeräumt, dass Kirchenangehörige tatsächlich mit dem Regime zusammengearbeitet haben. „In ihrem Namen bitten wir die Opfer und ihre Angehörigen um Vergebung“, hieß es in einer Erklärung, die die Bischöfe am Mittwoch veröffentlichten.

„Hinter den Namen der kirchlichen Personen, die in den nun veröffentlichten Dokumenten stehen, gibt es sehr unterschiedliche Geschichten“, schrieben die Bischöfe. „Unter ihnen gab es solche, die tatsächlich mit dem Parteistaat zusammenarbeiteten und ihm vertrauliche Informationen über Mitglieder der Gemeinschaft und über andere zukommen ließen.“

„Es gab aber auch solche, die gefoltert oder erpresst wurden“, so die Erklärung weiter. „Es gab solche, die nichtssagende Berichte verfassten. Und unter den Namen auf der Liste sind auch solche, die man nur anzuwerben versuchte, die aber Nein sagten, über die jedoch ebenfalls eine Karteikarte Nr. 6 angelegt wurde. Zudem wurde ein Teil der Akten vernichtet, sodass das verbliebene Aktenmaterial uns kein vollständiges Bild gibt.“

„Es ist auch wichtig, klar zu sehen, dass die größten Mitschuldigen der kommunistischen Vergangenheit nicht die angeworbenen Personen waren, sondern die Führungsoffiziere, die Führer des Parteistaates, die aktiven Betreiber der Diktatur“, fügten die Bischöfe hinzu.

Zugleich erinnerten sie an die Verfolgung der Kirche. Wichtig sei, „dass wir das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren. Beim Aufbau der kommunistischen Diktatur wurden mehr als 100 Priester und Ordensleute getötet, und etwa 2.000 kamen ins Gefängnis oder in Zwangsaufenthalt.“ Weiter hieß es: „Die Tätigkeit des Großteils der Orden wurde verboten, rund 11.500 Ordensleute wurden auf die Straße gesetzt, kirchlich gegründete Gemeinschaften, Jugendbewegungen und Kulturvereine wurden verboten, der Großteil der kirchlichen Schulen wurde verstaatlicht. Die Kirchen waren vorrangige Ziele der Diktatur.“

Seit Mittwoch ist ein Teil der Akten über eine eigene Webseite öffentlich zugänglich. Nach Angaben der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) umfasst das Register bis zu 60.000 Namen angeworbener Informanten und Mitarbeiter des Regimes. Mit der Veröffentlichung löste die Regierung von Ministerpräsident Péter Magyar ein Wahlkampfversprechen ein. Magyar hatte sich bei den Wahlen im April gegen Viktor Orbán durchgesetzt.

Laut dem ungarischen Nachrichtenportal Telex findet sich in den Akten auch der Name des emeritierten Bischofs von Vác, Miklós Beer. Eine Karteikarte vermerkt demnach seine Anwerbung im August 1988 unter dem Decknamen „Dunai Gábor“. Nach eigener Darstellung wusste Beer nicht, dass er als Netzwerkperson geführt wurde.

Historiker hatten bemängelt, dass dem Namensregister eine Kontextualisierung fehle. Der Historiker Viktor Attila Soós hatte im Gespräch mit der österreichischen Agentur Kathpress davor gewarnt, Menschen allein aufgrund ihrer Nennung in den Akten zu verurteilen.

Ihre Erklärung hatten die ungarischen Bischöfe mit einem Verweis auf Johannes Paul II. eröffnet: „Der heilige Papst Johannes Paul II. sprach oft von der Reinigung des Gedächtnisses, von der Aufarbeitung und Heilung der Wunden der Vergangenheit. Ein Schritt in diese Richtung kann die Veröffentlichung der Agentenakten sein, wenn sie nicht zu vereinfachenden Feststellungen führt und nicht die Zerstörung einzelner Personen zum Ziel hat.“

„Die gesellschaftliche Versöhnung, die Heilung der Wunden der Vergangenheit kann nur entlang der Wahrheit verwirklicht werden. Über niemandes Taten sollten wir uns vorschnell ein Urteil bilden, solange wir nicht alle Einzelheiten seiner Geschichte kennen“, schrieben die Bischöfe abschließend. „Und vergessen wir auch nicht, dass die wahre Lösung für die Wunden der Vergangenheit nicht Verachtung, Rache oder Hass ist, sondern allein das Eingeständnis, die Vergebung und die Barmherzigkeit.“

Erhalten Sie Top-Nachrichten von CNA Deutsch direkt via WhatsApp und Telegram.

Schluss mit der Suche nach katholischen Nachrichten – Hier kommen sie zu Ihnen.

WhatsApp
Telegram

Tags:

Kommunismus
Katholische Nachrichten
Kirche in Ungarn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Vatikan.va

Archiv

Empfehlung