Kolumbien nach dem Erdbeben
Kolumbien nach dem Erdbeben: „Zuerst die Menschen, dann die Gebäude“

Sebastián Sansón Ferrari und Christine Seuss – Vatikanstadt
15 Diözesen im Westen Kolumbiens sind betroffen. Tausende Häuser wurden zerstört, außerdem Krankenhäuser, Schulen, Universitäten und zahlreiche Kirchen. Wie groß das Ausmaß der Schäden tatsächlich ist, lässt sich noch immer nicht vollständig beziffern, zahlreiche einsturzgefährdete Gebäude müssen aus Sicherheitserwägungen kontrolliert abgerissen werden.
Im Gespräch mit Radio Vatikan erklärt Kardinal Rueda Aparicio über die Reise der Kirchenleute ins Erdbebengebiet: „Die Initiative entstand aus der Motivation des Evangeliums, uns der Realität des Leidens zuzuwenden. Und auch daraus, wie Papst Leo dem Leiden immer nahe gewesen ist, so wie auch Papst Franziskus. Wir haben uns gefragt: Was können wir sofort tun? Gibt es etwas, das wir unmittelbar tun können? Und so kamen wir auf die Idee, uns schnell zu mobilisieren – für eine Art geistliche Erste Hilfe. So wie sich Rettungskräfte, Ärzte und Krankenschwestern mobilisieren, um den Menschen medizinische Erste Hilfe zu leisten.“
Eine Schar von kirchlichen Helfern
14 Stunden dauerte die Fahrt mit zwei Bussen. Die fünf Bischöfe und 80 Priester verteilten sich anschließend auf verschiedene Orte. Ein Teil blieb in Pereira, andere Priester gingen nach Cali, Palmira, Cartago und Buga. Kardinal Rueda selbst reiste mit 14 Priestern nach Buenaventura an der Pazifikküste.
Dort hat das Erdbeben eine ohnehin schwierige Situation verschlimmert. Buenaventura ist der wichtigste kolumbianische Hafen am Pazifik, zugleich aber geprägt von Armut, Gewalt und staatlicher Vernachlässigung. Viele Menschen leben in einfachen Holzhäusern auf Pfählen über dem Wasser. Einige sind zuvor vor der Gewalt aus anderen Teilen des Landes geflohen.
Die Kirche versucht dort zunächst, die unmittelbarsten Bedürfnisse zu lindern. Über Lebensmittelbanken werden Gemeinschaftsküchen versorgt, außerdem geht es um Medikamente und die Begleitung von Kranken. Besonders beeindruckt habe ihn die Rolle der Frauen in den betroffenen Gemeinden, meint Kardinal Rueda.
Trägerinnen des Lebens
„Wir haben gesehen, wie die Frauen Trägerinnen des Lebens sind. Die afro-kolumbianischen Frauen an der Pazifikküste tragen Musik und Tanz in ihren Herzen. Bei den Eucharistiefeiern, die wir an improvisierten Orten, auf den Straßen oder unter Zelten gefeiert haben, haben wir gesehen, wie die Frauen Leben tragen. Sie singen das Lob des Herrn und kümmern sich gleichzeitig darum, dass die Lebensmittel, die von der Lebensmittelbank kommen, bei den Gemeinschaftsküchen ankommen und niemand ohne Essen bleibt.“
Diese Hilfe richte sich zuallererst an diejenigen, die sich selbst nicht mehr helfen können, berichtet der Kardinal:
„Ich habe sie gefragt: Wie macht ihr das mit den alten Menschen, die nicht zu den Gemeinschaftsküchen kommen können? Und sie sagten: Zuerst bringen wir das Mittag- oder Abendessen zu den alten Menschen und zu den Kranken, die zu Hause sind. Und erst danach verteilen wir, was übrig bleibt. Diese Frauen, die dort ihre Hand ausstrecken, die das Leben lieben und ihm dienen – das ist eine kraftvolle Botschaft aus dem Glauben und aus der Nähe der Frauen zum Leid.“
Die Bedürftigsten im Blick
Bei seinem Besuch habe ihn aber nicht nur die Not der Menschen berührt. Rueda erzählt auch von Kindern und Jugendlichen, die trotz der Katastrophe ihre Fähigkeit zur Freude bewahrt hätten. Viele von ihnen seien in einer von Gewalt und Armut geprägten Umgebung aufgewachsen. Das Erdbeben sei für sie eine weitere schwere Prüfung.
Auch die Nähe vieler Priester zu ihren Gemeinden habe ihn beeindruckt. Sie gingen zu Fuß durch die Viertel, kannten die Menschen beim Namen und versuchten, ihnen Mut zu machen. Darin zeige sich eine Kirche, die nicht nur in ihren Gebäuden existiere, sondern mitten im Leben der Menschen. Gerade deshalb ist für den Kardinal die Zerstörung der Kirchen zwar schmerzhaft – aber nicht das Erste, was jetzt wieder aufgebaut werden müsse.
„Die Ziegel wieder aufzubauen, die Türme, die Kirchen – das ist eine Aufgabe. Aber die Priester sind zunächst damit beschäftigt, ihre Gemeinden wieder aufzubauen. Sie haben gesehen, dass Kinder aus dem Katechese-Unterricht ohne Wohnung geblieben sind. Einige Katecheten und Verkünder des Wortes haben ihr Zuhause verloren und haben keine Möglichkeit mehr zu arbeiten. Deshalb glaube ich, dass wir vor allem die Hoffnung wiederaufbauen müssen. Die kolumbianische Kirche hat erkannt, dass es sehr wichtig ist, zuerst die Menschen zu begleiten, zuerst die Familien. Danach wird Gott uns helfen, die Kirchen, die Seminare und die Pfarrhäuser wiederaufzubauen.“
Bis dahin werden viele Gemeinden improvisieren müssen. Eucharistiefeiern finden unter Zeltdächern statt – möglicherweise über Monate oder sogar Jahre. Für Rueda erinnert diese Situation an das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste: Damals gab es das Bundeszelt als Zeichen der Anwesenheit Gottes unter seinem auserwählten Volk.
Langfristige Folgen
Die Folgen des Bebens werden die Menschen noch lange beschäftigen, räumt Rueda ein. Häuser müssten wiederaufgebaut werden, ebenso Schulen und Kirchen. Viele müssten zudem den Verlust von Angehörigen verarbeiten. Die Kirche wolle die Betroffenen deshalb auch emotional, psychologisch und geistlich begleiten.
Zunächst gehe es um Lebensmittel, Medikamente, die Versorgung von Kranken und die Begleitung von Menschen in ihrer Trauer. Danach folge eine Phase der Stabilisierung – bei der Wohnsituation, aber auch emotional und psychologisch. Und erst langfristig könne der strukturelle Wiederaufbau beginnen.
Gerade bei der Begleitung der Menschen müsse die Kirche vor allem zuhören, sagt der Kardinal:
„Dort geht es nicht darum, lange Predigten oder Vorträge zu halten, sondern ihnen zuzuhören. Denn sie kennen ihre eigene Situation, den Schmerz, der ihr Leben erfüllt. Aber sie haben auch das Licht und wissen, wie es weitergehen kann. Es ist also auch eine Evangelisierung in der Notsituation. Eine Seelsorge, die alle unsere Pläne verändert und uns dazu bringt, uns den Menschen zuzuwenden und von unten her ihre Lebensbedingungen zu verbessern – bei Wohnung und Ernährung – und nach und nach ihren Glauben und ihre Hoffnung zu stärken.“
Und was kann man einem Menschen sagen, der nach einem Erdbeben alles verloren hat? Auch darauf gibt Kardinal Rueda eine einfache Antwort:
„Dort sind Worte überflüssig. Dort braucht es die Sprache der Umarmung, die Sprache der Zärtlichkeit, die Sprache des Zuhörens, die Sprache eines respektvollen Schweigens angesichts des Schmerzes des anderen. Und es braucht ein hoffnungsvolles Schweigen, in dem man versucht, nach vorne zu schauen. Dort sind Worte überflüssig. Dort braucht es Haltungen der Nähe.“
Anhaltende Nähe für Betroffene
Die Hilfe soll über die ersten Tage und Wochen der Katastrophe hinausgehen. Die Kirche will ihre Lebensmittelbanken und die Sozialpastoral weiter einsetzen und die Menschen auch emotional, psychologisch und geistlich begleiten.
Dabei gerät auch eine andere Gruppe in den Blick: diejenigen, die selbst seit Tagen und Wochen für die Betroffenen arbeiten. Priester, Bischöfe, Katecheten, aber auch Bürgermeister und andere Verantwortliche vor Ort müssten ebenfalls Unterstützung und Erholung bekommen, betont der Kardinal.
„Wir müssen diejenigen unterstützen, die Verantwortung tragen. Sie brauchen Ruhe, Begleitung und Möglichkeiten, neue körperliche und geistliche Kraft zu schöpfen, damit sie weitermachen können. Denn auch sie sind Menschen. Sie brauchen eine Stimme des Dankes für all die Anstrengungen, die sie unternehmen. Sie brauchen eine Einladung, nicht aufzugeben und weiterzumachen.“
Solidarität von Papst Leo XIV.
Dass die Katastrophe auch auf höchster politischer Ebene Thema war, zeigt ein Telefonat, das Papst Leo XIV. mit dem neuen kolumbianischen Präsidenten Abelardo de la Espriella über die Lage im Land und die Folgen des Erdbebens geführt hat. Zusätzlich hat das Kirchenoberhaupt selbst Nothilfe auf den Weg gebracht.
Für Kardinal Rueda reicht die Antwort auf eine solche Katastrophe allerdings weit über konkrete Hilfsmaßnahmen hinaus. Angesichts von Kriegen, Gewalt, Migration und den Folgen des Klimawandels brauche es eine neue Aufmerksamkeit für den Menschen – über Grenzen und Unterschiede hinweg:
„Ich möchte den Menschen sagen, die auf den fünf Kontinenten Radio Vatikan und Vatican News hören: Alles, was wir als Menschen tun können, um einander zu helfen, ist der beste Samen des Evangeliums – über verschiedene Kulturen und Religionen hinweg. Inmitten von Konflikten, Kriegen, Gewalt, Klimawandel und Migration auf allen fünf Kontinenten muss der reichste Humanismus sichtbar werden, die schönste menschliche Seite. Möge inmitten des Leidens die tiefe Schönheit des Menschen zum Vorschein kommen.“
(vatican news)
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08. September 2026


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