Grönland in der Krise: Georg Austen vom Bonifatiuswerk über Angst und Hoffnung im Norden

Während Grönland plötzlich in das Fadenkreuz globaler Machtansprüche gerückt ist, blickt das Bonifatiuswerk auf die Menschen hinter den Schlagzeilen. Georg Austen, Generalsekretär des katholischen Hilfswerks, berichtet von einer zutiefst beunruhigten und teilweise traumatisierten Bevölkerung. Inmitten der “Zeit der neuen Raubfischzüge” versucht eine winzige katholische Gemeinde, ihren Glauben und ihren Frieden zu bewahren

Quelle

Marco Chwalek – Kopenhagen/ Mario Galgano – Vatikanstadt

Seit über 50 Jahren unterstützt das Bonifatiuswerk die katholische Kirche in Nordeuropa. Doch selten stand eine Region so unvermittelt im Fokus des öffentlichen Interesses wie Grönland. “In Deutschland sind wir beunruhigt über das, was in der Weltordnung durcheinandergebracht worden ist”, beobachtet Georg Austen. Auf Grönland jedoch gehe die Angst tiefer: “Die Menschen dort sind aufgerüttelt. Ein Volk, das auf den Frieden orientiert war, redet nun über Militarisierung.”

Eine Kirche der Migranten im ewigen Eis

Die katholische Gemeinschaft auf Grönland ist eine extreme Minderheit. Von den rund 57.000 Einwohnern der riesigen Insel bekennen sich nur etwa 500 zum katholischen Glauben – weniger als ein Prozent. “Ein Großteil der Mitglieder sind Filipinos”, erklärt Austen. “Das macht die Kirche in Nordeuropa aus: Sie ist eine Migrantenkirche. Jung, wachsend, aber materiell sehr arm.”

In Städten wie Nuuk unterstützt das Hilfswerk die Gemeinde ganz praktisch, etwa durch den Bau von Apartments für Priester oder energetische Sanierungen. “Es geht darum, dass man es dort wärmer hat als 14 Grad bei den extremen Temperaturen vor Ort”, so Austen. Doch die materielle Hilfe sei nur die eine Seite; in der aktuellen Krise gehe es vor allem um diplomatische Solidarität.

Diplomatie statt Machtinteressen

Angesichts der neuen geopolitischen Begehrlichkeiten warnt Austen davor, die Grönländer zur bloßen “Verhandlungsmasse” zu degradieren. “Es darf nicht unter Machtinteressen stehen, sondern man muss sehen, was mit den Menschen passiert.” Der Pfarrer von Nuuk habe in Telefonaten die große Unsicherheit der Menschen betont. Viele Grönländer fühlten sich einerseits “beleidigt”, andererseits “traumatisiert” durch die plötzliche Rolle als Spielball der Großen.

Ob die jüngsten Gespräche zwischen internationaler Politikern wie Trump und Rutte eine dauerhafte Beruhigung bringen, bleibt für Austen offen. “Was uns beunruhigt, ist das Misstrauen. Dass die Dinge in der Weltordnung nicht mehr verlässlich sind.” In Bündnissen brauche es Vertrauen und Verbindlichkeit, keine Rahmenverträge, die über Nacht außer Kraft gesetzt werden.

1.200 Jahre Ansgar: Wurzeln einer europäischen Identität

Trotz der unruhigen Zeiten feiert die Kirche im Norden derzeit ein großes Jubiläum: Vor 1.200 Jahren brach der heilige Ansgar aus dem Kloster Corvey auf, um den Glauben nach Nordeuropa zu tragen. Für Austen ist Ansgar ein Vorbild für die heutige Zeit: “Er war Brückenbauer und Grenzüberschreiter gleichzeitig – vielleicht einer der ersten Europäer.”

Das Erbe Ansgars verbinde heute Katholiken, Lutheraner, Anglikaner und Orthodoxe in der Verehrung. “Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren”, betont Austen. Das Bonifatiuswerk sieht sich in dieser Tradition der Wegbereiter. Das Ziel bleibe, den Menschen in der Diaspora beizustehen – in einer Kirche, die zwar materiell arm, aber international und lebendig ist. “Wir hoffen auf Diplomatie und beten für den Heiligen Geist, damit es friedlich bleibt.”

vatican news, 26. Januar 2026

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