Ein Pontifex kommt selten allein
Die Geschichte der Päpste der Neuzeit kennt das Phänomen der Doppel-Pontifikate. Auch Johannes Paul II. hatte die Hilfe der Schultern anderer
Quelle
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02.04.2025
Schon aufgrund der Dauer von weit über 26 Jahren war das Pontifikat von Johannes Paul II. für die Kirche prägend. War der Papst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein “Gefangener im Vatikan”, der seinen Kirchenstaat verloren hatte, stand das Papstamt 100 Jahre später ganz anders da. Die Liste der Staatsgäste beim Requiem für den polnischen Pontifex vor 20 Jahren war beeindruckend. Damals war der Stuhl Petri eingekesselt von faschistischen, kommunistischen und laizistischen Bewegungen. Heute unterhält der Vatikan zu 184 Staaten volle diplomatische Beziehungen. Damals erwartete man in den Salons der Aufklärer und Ideologen, dass das Licht des katholischen Glaubens endgültig verlöschen würde.
Doch immer noch ist die katholische Kirche heute mit 1,4 Milliarden Getauften die größte Religionsgemeinschaft in der Welt. “Mindestens fünf Mal”, das schrieb schon Gilbert Keith Chesterton, “mit den Arianern und den Albigensern, mit den humanistischen Skeptikern, nach Voltaire und nach Darwin, schien der Glaube vor die Hunde zu gehen. In jedem dieser fünf Fälle war es der Hund, der starb”. Daran, dass der katholische Hund wieder einmal nicht gestorben ist, daran hatte Johannes Paul II. ein Vierteljahrhundert lang einen ganz entscheidenden Anteil.
Der “Mann in Weiß” ist kein religiöser Guru
Doch wer daraus einen Papst-Kult ableiten möchte, wird eines Besseren belehrt, wenn er genauer hinschaut. Der “Mann in Weiß”, der unter seinen Titeln den des Stellvertreters Christi auf Erden führt, ist kein religiöser Guru. Er ist einer, der mit dem Blick auf das Kreuz die Furchen zieht und dank guter Berater die Geister zu unterscheiden weiß. Das gilt besonders für das Jahrhundert, in dem sich das Zentrum der katholischen Kirche aus den Trümmern des verflossenen Kirchenstaats zu neuer Größe erheben musste.
Pius XI., von 1922 bis 1939 Papst, vertiefte die Soziallehre der Kirche und legte den Grundstein für den heutigen Staat der Vatikanstadt. Aber er hatte auch einen Eugenio Pacelli, der als Nuntius in Deutschland und dann als Staatssekretär Kommunismus und Faschismus aus eigener Erfahrung kannte und die Auseinandersetzung mit den Ideologien seiner Zeit als Pius XII. fortsetzen musste. Als es darum ging, gegenüber der Moderne wieder sprachfähig zu werden, wiederholte sich das Phänomen des sich ergänzenden Doppel-Pontifikats: Johannes XXII. berief das Konzil ein, Paul VI. schloss es ab. Dann kam die Zeit und die Aufgabe, einer sich gottlos gebärenden Postmoderne die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens entgegenzuhalten. “Fides et ratio”, Glaube und Vernunft, war das große Thema von Johannes Paul II.
Man kann einen Papst nicht isoliert betrachten
Und er hatte einen Joseph Ratzinger als Glaubenspräfekten an seiner Seite, der diese Schicksalsfrage der Kirche dann als Benedikt XVI. noch acht Jahre lang weiter ausdeuten konnte. Papst Wojtyla hatte Ratzinger 1982 nach Rom geholt, die Prüfung der Befreiungstheologie, das Mammutwerk eines für die ganze Kirche geltenden Katechismus, die Wahrung der Einzigkeit der katholischen Kirche im Dialog der Religionen (“Dominus Iesus”) und nicht zuletzt die Plage der Missbrauchsverbrechen wurden Hauptlasten, die Johannes Paul II. auch mit den Schultern des deutschen Kardinals trug.
Im Rückblick auf die Pontifikate des letzten Jahrhunderts kann man einen Papst nicht isoliert betrachten. Es mag die Vorsehung Gottes sein: Erst als Doppel-Pontifikat entfaltete der Petrusdienst einer gewissen Epoche seine tiefere Wirkung. So wird man später einmal auch das Pontifikat von Franziskus rückblickend erst dann einordnen können, wenn man weiß, wie dessen Nachfolger es abgerundet hat.
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