Ein Anwalt als Aktivist

Wer oder was steckt hinter den Debatten rund um den abberufenen Pfarrer im Bistum Passau? Ein Blick auf Hintergründe und Personen

Quelle
Bischof Oster erklärt Vorgänge um Pfarrer Aulinger | Die Tagespost
Pfarrer wirft 16-Jährigen Messdiener nach Foto mit AfD-Politiker raus: Bericht

03.04.2025

Dorothea Schmidt

In Passau herrscht Kleinkrieg. Zwei Lager stehen sich gegenüber: diejenigen, die sich mit dem angeklagten Pfarrer Alexander Aulinger solidarisieren, und diejenigen, die fordern, die Vorwürfe gegen den Priester – er habe in seiner Arbeit teilweise exzessiv Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt – überprüfen zu lassen. Vordergründig mag die gewaltige Solidarisierungswelle – am 12. April ist in Passau eine Demonstration mit Solidarmarsch zum Domplatz geplant – dem angeklagten Priester Recht geben. Doch die Lage ist komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint.

Vor allem in den sozialen Medien wird eine verbale Schlacht gegen den abberufenen Pfarrer und dessen Kritiker geführt – befeuert durch Holm Putzke, den neuen Anwalt von Pfarrer Aulinger. Der wolle nach eigenem Bekunden Aulinger nicht nur als Anwalt unterstützen, sondern auch finanziell. Zudem sammelt ein ehemaliger Ministrant der Gemeinde Hauzenberg, Hans-Josef Stadler, Spenden für Aulingers Anwaltskosten.

Geht es wirklich um die Sache?

Dies stößt bei manchen auf Befremden. Die unabhängige Beauftragte für sexuellen Missbrauch, Rechtsanwältin Rosemarie Weber, erklärte auf Nachfrage dieser Zeitung, einige Passauer würden in Putzkes Engagement für Aulinger eher “reine Selbstdarstellung auf Kosten mancher Beteiligter” vermuten als einen Kampf um die Sache. 

In den sozialen Medien ruft Putzke zur Solidarisierung mit dem Pfarrer auf. Mit Erfolg. Von Kritik seitens einiger Anwaltskollegen lässt er sich nicht beirren. Vordergründig scheint der Pfarrer tatsächlich eine charismatische und beliebte Persönlichkeit zu sein, ein Menschenfischer. Die Frage sei, mit welchen Mitteln er vorgehe, bemerkt eine mit den Passauer Verhältnissen vertraute Person im Gespräch mit der “Tagespost”, die Aulinger persönlich kennt.

Zwar habe er innerhalb eines Jahres die Ministrantenzahl verdoppelt. Doch: “Ist da mehr geschehen als Feiern? Hat er die Jugendlichen zu Christus geführt?” Priester, die Aulinger kennen und ihm prinzipiell wohlwollend eingestellt seien, kommentierten die aktuellen Vorgänge vielsagend: “Wundern tut’s uns nicht!”

“Es wurden ernst zu nehmende Verstöße gemeldet”

Auch der Pfarrer des Pfarrverbands Strasskirchen, in dem Aulinger vor Hauzenberg acht Jahre tätig war, erklärte unlängst in einer Mitteilung, dass es bei allem Guten, das Aulinger bewirkt habe, auch Kritik an ihm gegeben habe. Und Weber bemerkte gegenüber der “Tagespost”: “Würden ähnliche Vorwürfe gegenüber anderen Personen geäußert, kann ich mir vorstellen, dass es ganz andere Reaktionen geben würde.”

Sie war es, die dem Bistum Passau geraten hatte, den Fall an die Staatsanwaltschaft zu übergeben aufgrund von Anhaltspunkten, die sie nicht überprüfen konnte. Alleine die Vorwürfe im Hinblick auf Alkoholkonsum mit Schutzbefohlenen könnten nicht toleriert werden. “Es wurden ernst zu nehmende Verstöße gemeldet, auf die der Bischof korrekter Weise reagiert hat.”

Oster agiert als Hirte in einer Zeit, in der Missbrauchsvorwürfe genauestens zu prüfen sind. Der Bischof handelte exakt nach den Standards, die für alle Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz verpflichtend sind.

Zerschnittenes Tischtuch

Bemerkenswert ist, dass der Angeklagte aufgrund der vielen Vorwürfe zunächst selbst gewünscht hatte, sich zurückzuziehen. Ein gemeinsamer Text von ihm und dem Bistum lag der Erklärung des Passauer Bischofs Stefan Oster vom 28. März bereits in der Schublade: “Einen solchen Text haben wir am 13. März von ihm und abgestimmt mit seiner Anwältin erhalten”, heißt es in der Erklärung. Mit Putzke als neuem Anwalt habe sich die Situation dann aber gedreht.

Der Fall “Aulinger” hat durch seine Beteiligung zudem auch eine politische Dimension. Dass er und Weber keine Freunde sind, ist kein Geheimnis. In der CSU Passau sind sie Rivalen. Als Putzke nach Passau kam, schaffte er es 2017 ins Amt des Kreisvorsitzenden. Nach dem schlechten Ergebnis der Kommunalwahlen 2020 forderten ihn praktisch alle Schwergewichte der Stadt-CSU Putzke zum sofortigen Rückzug aus allen Führungsaufgaben auf. Rosemarie Weber löste ihn im Vorsitz der CSU Passau-Stadt ab. Seitdem ist das Tischtuch zwischen den beiden zerschnitten.

Vertreter des “Neuen Atheismus”

Dass gerade Putzke einen katholischen Pfarrer verteidigt, verwundert: Immerhin ist der gebürtige Sachse ein Aktivist der Giordano-Bruno-Stiftung, dem wichtigsten Zusammenschluss der in Deutschland lebenden Vertreter des “Neuen Atheismus”, einer Bewegung, deren Ziel es der Stiftung zufolge ist, “eine tragfähige humanistische, rationale und evidenzbasierte Alternative zu traditionellen religiösen und politischen Ideologien zu entwickeln und ihr gesellschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen”.

Als Mitglied dieser Vereinigung fuhr Putzke 2012 eine ähnliche Kampagne gegen die Knabenbeschneidung bei Juden (und Muslimen). Er argumentierte mit dem Verstoß gegen die Selbstbestimmungsrechte des Kindes sowie deren Anspruch auf ihre Unversehrtheit und plädierte dafür, den Eingriff in ein Alter zu verschieben, in dem Kinder die Tragweite desselben ermessen könnten.

Hätte er Erfolg gehabt, hätten religiöse Juden ihren Glauben in Deutschland nicht mehr ausleben dürfen. Für sie ist die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach der Geburt ein in der Tora festgeschriebenes Gebot; sie werden dadurch in den Bund aufgenommen.

Wie der aktuelle Fall ausgehen wird, steht noch in den Sternen. Der Passauer Bischof sucht nun das Gespräch und fordert zum gegenseitigem Zuhören und Verständnis auf, um die emotionale aufgeheizte Debatte zu versachlichen. Und es stellt sich die Frage, was passiert wäre, hätte er die Vorwürfe nicht überprüfen lassen.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.

Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung- Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren

Dorothea Schmidt
Bistum Passau
CSU
Deutsche Bischofskonferenz
Jesus Christus
Missbrauchsvorwürfe
Pfarrer und Pastoren
Stefan Oster

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Die drei Säulen der röm. kath. Kirche

monstranz maria papst-franziskus

Archiv

Empfehlung

Ausgewählte Artikel