150. Geburtstag Karl Foersters – Gottes Gärtner

Zwei neue Bücher entführen den Leser in die grüne Welt des “Staudenpapstes” Karl Foerster

Quelle
Deutsche Stiftung Denkmalschutz – Marianne Foerster-Stiftung
rbb Gartenzeit: Foerstergeburtstag: 150 Jahre Karl Foerster
rbb Gartenzeit: Neue Wege – Neue Gärten: Zu Ehren von Karl Foerster
Strauchrose ‘Karl Förster’ – Robuste biologische Rosen

07.01.2025

Uwe Wolff

Unser alter Pfarrer war nicht nur ein großer Freund der Blumen, Gräser, Farne und Stauden, er trug auch den Namen Blumenberg. Kann es einen schöneren Ort für das seelsorgerliche Gespräch geben als den Pfarrgarten? Über der schwarzen Kleidung des Priesters trug er seine grüne Gärtnerschürze. Sein kahles Haupt schützte er durch einen Strohhut. Pfarrer Blumenberg war weitgehend Selbstversorger. Blumen aus dem Pfarrgarten schmücken den Altar. Aus dem Buchsbaum vor dem Pfarrhaus banden die Kommunionkinder kleine Büschel für Palmsonntag. Die Tragemadonna wurde zu Fronleichnam von Rosen aus dem Garten geschmückt und an Weihnachten holte der Pfarrer aus dem Kirchenwald das Moos für die Krippenlandschaft.

Der Garten ist ein Ort der Gottesnähe. Die Bibel erzählt von Gottes Gegenwart im Garten Eden. Er wandelt in der Abendkühle (Gen 3.8) durch das Paradies. Im Hohenlied des Königs Salomon begegnen sich die Geliebten in einem verriegelten Garten. Sie sind Sinnbilder für Christus und die Seele und auch für Maria, die im hortus conclusus den Sohn Gottes empfängt. Der Garten Gethsemane ist für Jesus ein Rückzugsort für das Gebet. Nach seiner Auferstehung begegnet er Maria von Magdala. Sie aber meint, er sei der Gärtner (Joh 20,15). Bäume des neuen Lebens (Apk 22,2) stehen im wiedergefundenen Paradies.

Zu den schönsten Stauden in Blumenbergs Pfarrgarten gehörte der blau blühende Rittersporn (Delphinium). Er war die Lieblingspflanze des großen Staudenzüchters Karl Foerster (1874–1970), der sie in über 82 Sorten züchtete und darüber sein neunzigstes Lebensjahr in frischer Schaffenskraft weit durchschritt. Gärtnern hält offenbar jung. Es trägt zu jener gesunden Work-Life-Balance von Vita activa und Vita contemplativa bei, wie sie seit jeher in zahlreichen Klöstern gepflegt wird.

Grüner Lobpreis des Schöpfers

Viele von Foersters Züchtungen sind noch heute lieferbar wie der bis zu 180 Zentimeter hoch aufschießende Delphinium Elatum-Hybride mit dem schönen Namen “Jubelruf”. Mit Engeln und Menschen, das war die Überzeugung des “Staudenpapstes”, stimme die gesamte Pflanzenwelt in den Lobpreis des Schöpfers ein. Der Sohn des Leiters der Berliner Sternwarte hatte nach der Schule eine Gärtnerlehre absolviert.

Foerster kannte die Heilkraft der Farben und Formen des Gartens und brachte die therapeutische Funktion der Pflanzen in wunderbaren Worten zum Ausdruck. Als Züchter war er Naturwissenschaftler, als Schriftsteller zugleich ein Sänger der großen Herrlichkeit der Schöpfung. Für ihn waren “eine sakrale und eine realistische Weltschau untrennbar”. Die Natur war für ihn zugleich Symbol. “Naturnähe ist Gottesnähe oder sie war keine”, schreibt Foerster. “Kein Ding, kein Leben in der Natur kann religiös genug betrachtet werden.” Foersters Bücher waren in diesem Sinne eine Sehschule für die Spuren Gottes im Garten.

Mit einer wahrhaft katholischen Weite des Herzens hatte Foerster das Geheimnis von Wachsen, Blühen und Vergehen im Blick. Er wusste, dass der Höhepunkt des Gartenjahres nicht allein im erblühenden Sommer liegt, sondern auch in der Ruhe des Winters, wo die Pflanze sich zum Wunder neuen Aufblühens sammelt: “Weihnachten meint das ganze Jahr!” Wie das Kirchenjahr, so folgte auch das Jahr des Gärtners diesem großen Geheimnis.

Anlässlich von Foersters 150. Geburtstag am 9. März dieses Jahres sind nun zwei Bücher über diesen Gärtner Gottes erschienen. Thomas Steller und Heidi Howcroft führen in ihrem herrlich bebilderten “Karl Foerster. Neue Wege – Neue Gärten” nach Bornim, wo Foerster seinen Garten Eden anlegte, über viele Jahrzehnte Stauden züchtete und in die ganze Welt verschickte. Foerster war kein kleiner Krauter, sondern er führte einen stetig wachsenden Betrieb, in dem er die eigentliche Gärtnerarbeit seinen zahlreichen Angestellten überließ. Seine aufwendig gestalteten Kataloge erreichten eine begüterte Kundschaft, die angemessene Betreuung und Beratung erwartete. Zu den großen Gartenliebhabern gehörte auch der Vater von Ernst Jünger. Er hatte sich, nachdem er im Kalihandel ein Vermögen erworben hatte, im Alter von vierzig Jahren nach Rehburg am Steinhuder Meer zurückgezogen und betrieb hier mehrere Gewächshäuser, in deren Sommerhitze sich sein ältester Sohn Ernst auf seine Flucht nach Afrika (“Afrikanische Spiele”) vorbereitete.

Leben zwischen zwei Diktaturen

Karl Foersters berühmtes Anwesen ist heute ein Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die auch das Buch der Landschaftsarchitektin Heidi Howcroft gefördert hat. Karl Foerster hätte dieses Buch sehr gefallen. Denn es führt mit seinen zwanzig kleinen Aufsätzen und mit vierundvierzig zum Teil ganzseitig reproduzierten Garten- und Pflanzenportraits in seine Ästhetik des stereoskopischen Blicks. Geschrieben wurde das Buch als Begleiter für die Jubiläumsausstellung zu Karl Foersters 150. Geburtstag, doch weist es weit über diesen Anlass hinaus.

Wer in die Tiefe der Lebenswege von Karl Foerster steigen will, findet in der Biographie “Gärtner der Nation. Die vier Leben des Karl Foerster” des Gartenhistorikers Clemens Alexander Wimmer einen zuverlässigen Begleiter. Wimmer ist Praktiker und hat sich durch Rekonstruktionen, Wiederherstellungen und Neuanlagen von Gärten wie der Luiseninsel im Schlossgarten Charlottenburg oder des Schlossgartens Meseberg einen Namen gemacht. Seine Biographie will nicht in jenen inneren Bezirk vordringen, aus dem Karl Foerster gelebt, gewirkt und geschrieben hat. Wimmer führt durch ein wahrhaft abenteuerliches Leben zwischen zwei Diktaturen. Ein Gärtner und “Staudenpapst” kann nicht ins Exil gehen. Sein Garten verlangt Präsenz auch in dunklen Zeiten, er will bebaut und bewahrt sein. Wimmer beschreibt ausführlich die Überlebenskunst Karl Foersters in der nationalsozialistischen Diktatur und im SED-Staat. Er zeigt das Netzwerk der zahllosen Kontakte auf, die Foerster pflegte, zu dessen Bewunderern auch der Schriftsteller und Gärtner Hermann Hesse gehörte.

Vor allen Dingen aber sind die beiden Neuerscheinungen ein willkommener Anlass, Karl Foersters eigene Bücher wieder zu lesen oder überhaupt erst zu entdecken. Das gilt nicht nur für Priester im Gärtnerhabit. Der Garten ist ein Ort der inneren Sammlung, gerade in unserer Zeit des grundlegenden Wandels. Was immer auf uns zukommt, der Gärtner wird heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen wie der Priester an jedem neuen Tag die Messe lesen wird, auch wenn morgen die Welt untergehen sollte.

Karl Foersters Gartenfreude wurzelt tief im Mysterium von Tod und Auferstehung. Der letzte Ritter der blauen Blume kennt auch die Schwermut und jene Tage des Spleens, wo die Kräfte versagen. In einer Bildmeditation über Dürers “Melancholia” erkennt Foerster in dem Engel sein Spiegelbild:

“Wir leben in Gefängnissen, deren Türen nicht verschlossen sind, und haben Flügel, ohne sie zu gebrauchen.”

Die Schwermut ist eine der vielen Krankheiten unserer Zeit. Sie hat auch vielerorts die Kirche ergriffen. Während ihr früher vorgeworfen wurde, sie verbreite durch ihre Moral und die Jenseitsvorstellungen Angst unter den Menschen, hat sie heute vielerorts Angst vor den Menschen. Der Gärtner aber übt sich im Widerstand gegen das Böse:

“Gerade der Unglaube gutmütiger Menschen an das völlig Böse, an das Ultrasatanische und dessen Verwirklichung, bereitet diesem erst die Möglichkeiten, so dass man oft sagen kann, dass die Guten den Bösen zum Bösen helfen.” Das gilt auch für manche zum Dialog ausgestreckte Hand unserer Bischöfe. Vielleicht machen sie sich zu viel Sorge um die Kirche, die doch letztlich nicht von dieser Welt ist. Gerade der Gärtner weiß, dass bei allem Geschick das Wachsen und Gedeihen in Gottes Hand liegt:

“Du kannst nie groß und wunderbar genug vom Dasein denken.” Sollte man den Bischöfen eine Auszeit in Foersters Garten wünschen?

Heidi Howcroft und Thomas Steller (Hrsg.): Karl Foerster. Neue Wege – Neue Gärten, Bonn: Monumente Publikationen, 2024, Klappenbroschur, 194 Seiten, ca. 200 Abbildungen EUR 24,80
Clemens Alexander Wimmer: Gärtner der Nation. Die vier Leben des Karl Foerster, Weimar: ASW Verlag, 2024, 512 Seiten, 200 Abbildungen, EUR 34,–

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