Menschen zusammen bringen
Ist der Papst häretisch? Natürlich nicht. Und mancher Unkenrufer sollte lernen, zwischen einem lockeren Gespräch und einer theologischen Definition zu unterscheiden
Quelle
Indonesian singer Lyodra: Pope’s spirit of service made an impression (youtube.com)
Die Apostolische Reise nach Indonesien, Papua-Neuguinea, Osttimor und Singapur
17.09.2024
Der “Neue Anfang” hat für den heutigen Dienstagsabend eine Online-Sprechstunde anberaumt: Ist der Papst noch katholisch? Es geht um das interreligiöse Jugendtreffen, bei dem Franziskus vor einer knappen Woche mit Jugendlichen in Singapur über das Miteinander der Religionen gesprochen hat. Und wieder einmal ergehen sich viele, die alle nicht dabei waren, in Vermutungen und Spekulationen. Hat Franziskus alle Religionen als Weg zu Gott erklärt? Synkretismus? Häresie? Johannes Hartl vom Augsburger Gebetshaus fand es gar nicht gut, was der Papst dort gesagt hat. Auf Deutsch klingt der entscheidende Satz von Franziskus auf der offiziellen Homepage des Vatikans so:
“Alle Religionen sind ein Weg, um zu Gott zu gelangen. Sie sind – ich mache einen Vergleich – wie verschiedene Sprachen, verschiedene Idiome, um dorthin zu gelangen. Aber Gott ist Gott für alle. Und weil Gott der Gott für alle ist, sind wir alle Kinder Gottes.”
Sprungbereite Feindseligkeit
Ja, kann man missverstehen. Besonders dann, wenn man Papst Franziskus schon seit geraumer Zeit böse Absichten unterstellt. Die “sprungbereite Feindseligkeit”, über die sich schon Benedikt XVI. beklagte, muss Franziskus besonders aus dem Lager der Konservativen und Traditionalisten erfahren. Aber bitte: einmal durchatmen und sich abregen – es war nur ein Gespräch! Kein theologischer Vortrag und erst recht kein “ex-cathedra”-Spruch. Zumal Franziskus kein Theologe, sondern ein Mann der Seelsorge ist. Er hat mit mehreren Jugendlichen gesprochen – so wie vielleicht vier vernünftige Leute in einem Zugabteil sitzen, feststellen, dass ein Hindu, ein Christ, ein Muslim und ein Buddhist zusammen sind, und anfangen, über das Miteinander der Religionen zu reden. Da wird der Christ auch nicht aufstehen und die anderen ultimativ zu Bekehrung und Taufe auffordern.
Menschen zusammenbringen
Die Nachrichtenagentur CNA hat ein paar Sätze des Gesprächs in Singapur wiedergegeben: Der Hindu Shukul Raaj Kumar sagte dem Papst Franziskus, dass die Arbeit des interreligiösen Dialogs “ein ungemein aufschlussreicher, aber auch herausfordernder Prozess” sei, und gestand, dass es ihm schwer falle, Freundschaften zwischen jungen Menschen verschiedener Religionen aufzubauen, er aber feststellen müsse, dass “wir plötzlich von weltweiter Gewalt und dem Verlust von Leben im Namen der Religion hören”. Daraufhin meinte die junge Sikh-Frau Preet Kaur Veygal, dass die Arbeit im interreligiösen Dialog “mich gelehrt hat, das Leben, das mir gegeben wurde, zu schätzen und jeden Moment zu feiern und zu ehren”. Sie sagte, dass “in der heutigen Welt, die zunehmend gespalten ist, dies ein dringend notwendiger Bereich ist, um Menschen trotz ihrer Unterschiede zusammenzubringen”.
Persönliche Ansichten, kein Dogma
Die Katholikin Nicole Law zeigte sich besorgt darüber, dass es in der heutigen Welt “sehr einfach ist, die Technologie zu nutzen, um ein falsches Bild zu zeichnen und Unwahrheiten über Menschen zu verbreiten. Der interreligiöse Raum ist kein einfaches Terrain und noch anfälliger für Manipulation und Fehlinterpretation.” Der Papst fragte schließlich, was passieren würde, wenn jeder mit jedem über die Wahrheit seiner Religion streiten würde. Einer der Jugendlichen sagte nur: “Zerstörung” – und daraufhin sagte der Papst dann jenen Satz, dem manche ihm jetzt übelnehmen – unvorbereitet, in freier Rede, wie so oft, wenn man fliegende Pressekonferenzen oder Interviews von Franziskus als das nehmen muss, was sie sind: persönliche Ansichten, die kein Dogma darstellen. Reichen elf Jahre immer noch nicht, um zu verstehen, dass Franziskus eben anders kommuniziert, als das seine Vorgänger taten?
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