Die Schlacht an der Brücke

Wie ein einziger Tag den Lauf des Christentums veränderte. Der 28. Oktober 312 als Ausgangspunkt der Konstantinischen Wende

Quelle
Diokletian: Ein Machthaber, der loslassen konnte | Die Tagespost (die-tagespost.de)
Das Leben des Hl. Augustinus

20.06.2023

Christoph Münch

In kaum einer Stadt auf der Welt ist der katholische Glaube derart intensiv spürbar wie in Rom. Hier befinden sich die Apostelgräber des heiligen Petrus und des heiligen Paulus. Im Apostolischen Palast neben dem imposanten Petersdom lebt und wirkt bis heute der Nachfolger Petri (sofern er nicht vorzieht, im benachbarten Gästehaus zu residieren).

Unzählige Kirchen und christliche Gebäude prägen das Stadtbild genauso wie pagane Bauwerke aus römischer und späterer Zeit. Zu den bekanntesten Gebäuden zählen neben dem Petersdom sicherlich das Pantheon und die Engelsburg mit der vorgelagerten Engelsbrücke. Ja, auch den über den Tiber führenden Brücken in Rom kommt zuweilen große historische Bedeutung zu. Zu diesen Brücken zählt unter anderem auch die Milvische Brücke. Wenngleich sie äußerlich eher unscheinbar daherkommt, ist ihre Geschichte untrennbar mit der Ausbreitung des Christentums verbunden. Denn genau hier wurden am 28. Oktober 312 die Weichen für den Siegeszug der noch jungen Religion unter dem Banner Jesu Christi gestellt.

Der Kampf um Alleinherrschaft

Zur damaligen Zeit befand sich das Römische Reich in einer Krise. Zwar war es im Laufe der Jahrhunderte immer größer geworden. Doch gingen mit der Vergrößerung auch Unruhen im Inneren und Bedrohungen von außen einher. Daher kam es unter Kaiser Diokletian (284 bis 305) zur Tetrarchie, einem Vier-Kaiser-System, in welchem das Großreich unter vier Kaisern aufgeteilt wurde. Dieses sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein, wie sich wenige Jahre später bereits unter Maxentius und Konstantin zeigte. Beide regierten im Westen und beide drängte es zur Alleinherrschaft. Konstantin, der später den Beinamen “der Große” erhalten sollte, residierte zunächst zumeist im heutigen Trier, denn er herrschte vor allem in Britannien und Gallien. Sein Kontrahent Maxentius regierte hingegen über Italien und die Provinz Africa, welche das heutige Tunesien sowie Teile von Algerien und Libyen umfasste.

Im Jahr 312 marschierte ein Teil von Konstantins Truppen Richtung Italien. Obwohl sein Heer zahlenmäßig dem seines Gegners unterlegen war, feierte er in Norditalien rasch erste Siege und bewegte sich im Laufe des Jahres weiter auf Rom zu. Hier nun kam es an besagtem 28. Oktober 312 zur berühmten Schlacht an der Milvischen Brücke, aus der Konstantin siegreich hervorgehen sollte. Sein Gegner Maxentius ertrank dabei, in seine schwere Kampfrüstung gehüllt, im Wasser des Tiber.

Das auffällige Zeichen am Himmel

Während die genannten Umstände allesamt historisch verbürgt sind, rankt sich um den Sieg Konstantins über Maxentius eine Legende, welche jedoch untrennbar mit der Ausbreitung des Christentums verbunden ist und ihrerseits durchaus historische Züge aufweisen kann. Denn zu jener Zeit galt das Christentum keineswegs schon als anerkannte Religion. Wenige Jahre vor Konstantins Amtsantritt waren die Christen unter Kaiser Diokletian in einigen Teilen des Großreiches noch grausamer Verfolgung ausgesetzt. Konstantin – wie vor ihm bereits sein Vater Constantius I. – zeigte sich in seinem Reichsteil hingegen nicht als Christenverfolger. Im östlichen Teil des Reiches allerdings wurden die Christen unter Kaiser Galerius noch bis ins Jahr 311 verfolgt, ehe die Verfolgung im gesamten Römischen Reich durch das Toleranzedikt des Galerius mit Zustimmung der anderen Kaiser offiziell beendet wurde.

Die Legende nun besagt, dass Kaiser Konstantin am Vorabend der großen Schlacht ein auffälliges Zeichen am Himmel erblickte, welches dem Christusmonogramm, bestehend aus den griechischen Buchstaben Chi und Rho (= ChR), ähnelte. Schriftliche Berichte finden sich diesbezüglich bereits wenige Jahre nach der Schlacht, so im Jahre 317 durch den Apologeten Lactantius und etwa gegen 325 durch den Geschichtsschreiber Eusebius von Caesarea. Historisch verbürgt ist, dass römische Münzen des vierten Jahrhunderts genau dieses Christusmonogramm zeigten. Denn Kaiser Konstantin, der zunächst sicherlich kein Anhänger des christlichen Glaubens war, gelangte – wodurch auch immer – zu der festen Überzeugung, dass er den Sieg über Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke mit der Hilfe des Gottes der Christen davongetragen hatte.

Der Aufschwung des Christentums

Aufgrund dieser Überzeugung kam es bereits im Jahr darauf zu dem Schritt in der Geschichte des Christentums, der dessen Verbreitung in zuvor nie dagewesenem Ausmaß ermöglichte. Das Toleranzedikt von Mailand, das die Kaiser Konstantin und Licinius verabschiedeten, gestattete allen Christen im Reich die freie Ausübung ihres Glaubens. Diese Phase, die in der Geschichte als Konstantinische Wende bekannt ist, wurde nicht nur durch die Religionsfreiheit geprägt, sondern auch durch den Kaiser selbst befördert, der den Aufstieg des Christentums vorantrieb. Dass das Christentum im Jahre 380 unter Theodosius I. sodann zur für alle Bürger des Römischen Reiches verpflichtenden Staatsreligion wurde, war durch das Wirken Kaiser Konstantins bereits vorbereitet worden.

Konstantins Mutter Helena, welche in der katholischen und orthodoxen Kirche als Heilige verehrt wird, ließ sich – vermutlich ebenfalls im Jahr 312 – taufen und setzte ihrerseits alles daran, den christlichen Glauben zu fördern. Wohl auf ihre Initiative hin wurden im Heiligen Land zahlreiche Kirchen gebaut, unter ihnen die Himmelfahrtskirche in Jerusalem und die Geburtskirche in Betlehem. Im Alter von 79 Jahren soll sie auf ihrer Pilgerreise ins Heilige Land auch die Kirche über dem Garten Getsemani gegründet haben.

Die Rolle Konstanmtinopels, Spannungen und das Morgenländische Schisma

Auch Konstantin selbst dankte dem christlichen Gott durch seine Kirchenstiftungen. Unter anderem die Kirche San Giovanni in Laterano, der einstige Hauptsitz der katholischen Kirche, geht auf ihn zurück. Unzweifelhaft dürfte folglich sein, dass seine Mutter als überzeugte und getaufte Christin auch einen diesbezüglichen Einfluss auf ihren Sohn ausgeübt hat, der seit 312 als Alleinherrscher im Westen des Römischen Reiches regierte und zwölf Jahre später sogar durch seinen Sieg über Licinius auch den östlichen Teil des Reiches für sich beanspruchen konnte.

Die nach ihm benannte Stadt Konstantinopel – das heutige Istanbul – wurde in diesem Zuge im Jahre 330 zur kaiserlichen Hauptresidenz. Das zu späterer Zeit aus dem Oströmischen Reich hervorgegangene Byzantinische Reich, das über 1 000 Jahre Bestand haben sollte, hatte hier seinen Ursprung. Es hatte einen bleibenden Einfluss auf die Christianisierung Osteuropas und Russlands. Dabei spiegelte der im Laufe der Jahrhunderte zunehmende Konflikt zwischen Rom und Konstantinopel zugleich die Probleme des christlichen Siegeszuges wider, die schließlich 1054 im Morgenländischen Schisma zwischen West- und Ostkirche gipfeln sollten.

Nach der Weltsynode zur Synodalität beginnt das nächste Heilige Jahr – ein Großereignis, das die katholische Kirche seit dem Jahr 1300 alle 25 Jahre feiert und das 2025 unter dem Motto “Pilger der Hoffnung” steht. Der Vatikan und die Stadt Rom erwarten 35 Millionen Besucher. Diesmal fällt das Heilige Jahr mit dem 1 700. Jahrestag der Synode von Nizäa zusammen, dem ersten Ökumenischen Konzil der Christenheit. In loser Folge sollen auf dieser Seite weitere Beiträge erscheinen, die den Aufstieg des Christentums und die historische Bedeutung der theologischen Weichenstellungen im vierten Jahrhundert verdeutlichen.

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