Predigt von Kardinal Joachim Meisner

Predigt von Kardinal Joachim Meisner im Abschlussgottesdienst zum Eucharistischen Kongress 2013 am 9. Juni 2013 im RheinEnergieStadion in Köln

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Kardinal Meisner nimmt Kopie seiner Taufurkunde mit ins Grab
Tagespost: Ökumene-Problem bewegte Meisner kurz vor seinem Tod

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Nirgendwo erhält der Mensch und unsere Welt einen so unwahrscheinlichen Wertzuwachs wie in der heiligen Eucharistie. Bei der Zurüstung der eucharistischen Gaben für die heilige Wandlung betet die Kirche: „Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit.

Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, dass es uns das Brot des Lebens werde”. Und dann entsprechend weiter: „Wir danken dir für den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit. Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, dass er uns der Kelch des Heiles werde”. Christus solidarisiert sich mit unserer Welt und mit den Menschen.

Dieses Brot, die Frucht dieser Erde, wird zu seinem Leib. „Das ist mein Leib”, sagt der Priester im Auftrag des Herrn über jenes Brot, dieses Stückchen Materie von unserer deutschen Erde. Christus nimmt unser Land gleichsam in seine eigene Leibhaftigkeit auf. Von dieser Handvoll Brot, verwandelt in den Leib Christi, wird das ganze Land mitgeheiligt, von Görlitz bis Köln, von München bis Flensburg und jede Stadt und jedes einzelne Dorf dazwischen.

Unser ganzes Land erhält eine andere, eine heilige Qualität. Darum tragen wir die Eucharistie, den Leib des Herrn, genommen aus dieser Erde, am Fronleichnamsfest über die Strassen unseres Landes. Denn beides gehört zusammen. Christus bekennt sich zu uns und zu unserem Land. Deutschland ist trotz allem – von Gott her gesehen – nicht gottverlassen. Deutschland ist durch die heilige Eucharistie ein gottverbundenes Land. Dafür steht die Eucharistie in den Tabernakeln unserer Kirchen. Und die Erde Deutschlands ist darum keine wertfreie Materie, mit der man machen könnte, was man möchte. Diese Erde ist bestimmt und gesegnet, Leben zu spenden, Brot zu bringen, um den Hunger der Menschen zu stillen, aber auch den Hunger der Menschen nach Gott. Gott hat ein Recht auf unser Land. Und wo man ihm das Recht nimmt, dort verliert auch immer der Mensch sein Recht. Gott ist keine Privatsache. Er ist die öffentlichste Sache, die es überhaupt gibt. Er ist nicht ein kirchlicher Grundstücksverwalter, er ist der Herr der Welt und damit auch Herr unseres Landes.

2. Die heilige Eucharistie zeigt es uns deutlich: Es gibt keinen leiblosen Christus und folglich keinen weltlosen Gott und darum keine gottlose Welt. Wer im privaten und im gesellschaftlichen Leben Gott theoretisch oder praktisch ausklammert, der führt sich und die Menschen am Sinn des Lebens vorbei. Dieses Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, wird zum Leib Christi. Die Büros, Fabriken und Arbeitsstätten und unsere Kirchen haben darum etwas miteinander zu tun. Die Montagehallen und die Kirchengewölbe gehören zusammen. Eure tägliche Arbeit und unsere tägliche Feier der hl. Eucharistie bilden eine Einheit. Indem der auferstandene Christus sich in die Frucht menschlicher Arbeit, in das eucharistische Brot hinein vergegenwärtigt, fällt von diesem Glaubensgeheimnis aus Glanz und Würde auf die Arbeitswelt des Menschen. Gott braucht Menschen. Gott braucht Arbeiter, Ingenieure, Ärzte, um sich in die Frucht ihrer Arbeit hinein vergegenwärtigen zu können. Indem Gottes Gebote normierend für die Welt der Arbeit sind, garantiert er uns, dass die Arbeit nicht zum Götzen deformiert, und schützt die Arbeiter vor Ausnutzung und Ausbeutung. Auch deswegen feiern wir den eucharistischen Herrn heute im Eucharistischen Kongress in aller Öffentlichkeit. Wir tragen ihn hinaus aus unseren Kirchen in die Welt der menschlichen Arbeitsstätten, um zu bekennen: Du bist auch der Herr unseres Lebens und unserer Arbeitswelt.

3. Eucharistie ist auch immer das Fest des Menschen. Der Schöpfungsbericht lässt den von Gott ins Paradies gesetzten ersten Menschen, Adam, nach einer Partnerin auf die Suche gehen, nach einer Partnerin, zu der er „Du” sagen und der er sich schenken kann. Und er findet immer nur Tiere. Und es kommt ihm nicht das menschliche „Du” über die Lippen, sondern immer nur die Namen für die Tiere, bis ihm plötzlich Eva gegenübertritt und er in den Ruf der Freude ausbricht: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch” (Gen 2,23). Und er schenkt ihr sein „Du”. Der Herr sagt uns im Hinblick auf die heilige Eucharistie: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm” (Joh 6,56). Durch die Eucharistie werden wir Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein. Der Herr identifiziert sich mit uns, sodass wir für Gott wirkliche Partner werden, ähnlich wie sein Sohn, sodass er auch uns sein Du-Wort schenkt, wie er zu seinem Sohn sagt: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden” (Mk 1,11).

Der Herr identifiziert sich mit uns, und darum werden wir zu seinem Leib, zum Leibe Christi, zur Kirche des Herrn. Unsere Kirche ist kein frommer Zweckverband zur Durchsetzung religiöser Interessen, sondern die Kirche ist der Leib Christi in unserem Land. Und die Herzmitte dieser Kirche ist der eucharistische Herr, real gegenwärtig in den

Gestalten von Brot und Wein. Die Gegenwart Christi im Altarsakrament zu suchen und in seiner Gegenwart zu verweilen, das ist weit mehr als eine bloße Gebetsgeste. Es heißt, sich der göttlichen Strahlungskraft der heilenden Liebe Gottes auszusetzen, die Jesus erfüllt. „Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes” (Kol 2,9), wie der Apostel Paulus ausdrücklich sagt. Seinem Bild sollen wir gleichgestaltet werden. Seine Herrlichkeit sollen wir widerspiegeln, (vgl. 2 Kor 3,18) wie Paulus bezeugt. Wir treten in diese Gegenwart ein, wenn wir vor der heiligen Eucharistie niederknien, jetzt bei der hl. Messe oder vor dem Tabernakel in der heimatlichen Pfarrkirche.

Liebe Freunde, es ist kein gutes Zeichen, wenn unsere Kirchen außerhalb der Eucharistiefeiern leer oder gar verschlossen bleiben. Ich frage mich oft: „Wie kommt das nur, dass die Kirchenbänke leer bleiben, obwohl die Tabernakel voll gefüllt sind?”, und ich frage mich selbst: „Reden wir Priester zu wenig davon?”. Dieses Schweigen unsererseits wäre ohrenbetäubend für das Volk Gottes. Es wüsste dann nicht mehr, dass es ein eingeladenes Volk, ein vom lebendigen Gott erwartetes Volk ist. „Herr, zu wem sollen wir gehen?” (Joh 6,68), stand und steht über unserem Eucharistischen Kongress. Und wir machen das weitere Wort des hl. Petrus zu unserem eigenen Bekenntnis: „Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes” (Joh 6,68-69). In diesem apostolischen Bekenntnis ist uns Wegweisung, Wegzehrung und Weggeleit gegeben.

Wir gehen heute wieder in unsere Pfarreien und Gemeinden zurück, und dort wartet schon der eucharistische Herr in den Kirchen und Kapellen auf uns. Das wäre auch eine gute Frucht unseres Eucharistischen Kongresses, dass wir in unseren Pfarrgemeinden vielleicht als Familiengemeinschaften, als kleine Gruppen oder als Einzelne einmal in der Woche zu einer viertelstündigen Anbetung unsere Kirchen aufsuchen. Vergessen wir nicht: Christus identifiziert sich in der heiligen Eucharistie mit uns selbst und mit unserem Land!

Nun sind wir auch eingeladen, uns mit diesem Land, das unsere Heimat ist, zu identifizieren. Diese Einladung an unsere Mitbewohner auszurichten, ist unsere Berufung und ist unsere Sendung.

Amen.

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