Predigt von Papst Franziskus

Fest der Darstellung des Herrn, XXI. Welttag des geweihten Lebens

 Predigt von Papst Franziskus
Vatikanische Basilika, Donnerstag, 2. Februar 2017

Quelle
KathTube – Papst Franziskus feiert die Hl. Messe am Tag des Geweihten Lebens

Als die Eltern Jesu den Knaben brachten, um die Vorschriften des Gesetzes zu erfüllen, nahm Simeon,  “vom Geist … geführt” (Lk 2,27), das Kind in seine Arme und begann einen dankerfüllten Lobgesang:  “Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel”  (Lk 2,30-32). Simeon hat die ersehnte Hoffnung nicht nur sehen können, sondern er hatte das Privileg, sie zu umarmen, und das lässt ihn vor Freude jubeln. Sein Herz freut sich, weil Gott inmitten seines Volkes wohnt; er empfindet ihn als Fleisch von seinem Fleisch.

Die heutige Liturgie sagt uns, dass mit jenem Ritus (vierzig Tage nach der Geburt)  “nicht nur das Gesetz erfüllt [wurde], sondern Christus begegnete zum ersten Mal seinem Volk, das ihn im Glauben erwartete” (Römisches Messbuch, 2. Februar, Einführung in die Liturgie). Die Begegnung Gottes mit seinem Volk weckt die Freude und erneuert die Hoffnung.

Der Lobgesang Simeons ist der Gesang des gläubigen Mannes, der am Ende seiner Tage sagen kann: Es ist wahr, die Hoffnung auf Gott lässt nie zugrunde gehen (vgl. Röm 5,5), er enttäuscht niemals. Simeon und Hanna sind in ihrem Alter zu einer neuen Fruchtbarkeit fähig, und sie bezeugen es singend: Das Leben verdient, voll Hoffnung gelebt zu werden, denn der Herr hält sein Versprechen. Und Jesus selbst sollte später dieses Versprechen in der Synagoge von Nazareth erklären: Auch die Kranken, die Gefangenen, die Einsamen, die Armen, die Alten, die Sünder sind eingeladen, denselben Gesang der Hoffnung anzustimmen – Jesus ist bei ihnen, er ist bei uns (vgl. Lk 4,18-19).

Dieses Lied der Hoffnung haben wir als Erbe von unseren Vorfahren erhalten. Sie haben uns in diese „Dynamik“ eingeführt. In ihren Gesichtern, in ihrem Leben, in ihrer täglichen und gleichbleibenden Hingabe konnten wir sehen, wie dieser Lobpreis sich „inkarnierte“. Wir sind Erben der Träume unserer Vorfahren, Erben der Hoffnung, die unsere Gründerinnen und Gründer und unsere Brüder und Schwestern vor uns nicht enttäuscht hat. Wir sind Erben unserer alten Menschen, die den Mut zum Träumen hatten. Und wie sie, so wollen auch wir heute singen: Gott enttäuscht nicht, die Hoffnung auf ihn trügt nicht. Gott kommt seinem Volk entgegen. Und wir wollen singen, indem wir uns in die Weissagung des Propheten Joel hineinversetzen: Es wird geschehen,  “dass ich meinen Geist ausgiesse über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen” (3,1).

Es tut uns gut, den Traum unserer Vorfahren aufzugreifen, um heute prophetisch reden zu können und wieder auf das zu stossen, was einst unser Herz entflammt hat. Traum und Prophetie zusammen. Erinnerung daran, wie unsere Alten, unsere Väter und Mütter träumten, und Mut, um diesen Traum prophetisch voranzubringen.

Diese Haltung wird uns Gottgeweihte fruchtbar machen, vor allem aber wird sie uns vor einer Versuchung bewahren, die unser geweihtes Leben steril machen kann: vor der Versuchung des Überlebens. Ein Übel, das sich nach und nach in uns, im Innern unserer Gemeinschaften einnisten kann. Die Haltung des Überlebens lässt uns reaktionär und ängstlich werden, sie führt uns dazu, dass wir uns langsam und lautlos in unseren Häusern und unseren Voreingenommenheiten verbarrikadieren. Sie wirft uns zurück auf die ruhmreichen – aber vergangenen – Taten. Das jedoch erweckt durchaus nicht die aus den Träumen unserer Gründer geborene prophetische Kreativität, sondern sucht auf Nebenwegen den Herausforderungen auszuweichen, die heute an unsere Türen klopfen. Die Psychologie des Überlebens nimmt unseren Charismen die Kraft, denn sie führt uns dazu, sie zu „zähmen“ und „leicht zugänglich“ zu machen, beraubt sie damit aber jener kreativen Kraft, die sie freisetzten. Sie bewirkt, dass wir lieber Räume, Bauwerke oder Strukturen bewahren wollen, als neue Prozesse ermöglichen. Die Versuchung des Überlebens lässt uns die Gnade vergessen, sie macht uns zu Fachleuten des Sakralen, nicht aber zu Vätern, Müttern oder Brüdern und Schwestern der Hoffnung, die zu weissagen wir berufen sind. Dieses Klima des Überlebens verhärtet die Herzen unserer Alten. Sie nimmt ihnen die Fähigkeit zum Träumen und macht auf diese Weise die Prophetie unfruchtbar, die zu verkünden und zu verwirklichen die Jüngeren berufen sind. Kurzum, die Versuchung des Überlebens verwandelt in Gefahr, in Bedrohung und in Tragödie, was der Herr als eine Gelegenheit zur Mission vor uns hinstellt. Diese Haltung ist nicht auf das geweihte Leben beschränkt, doch wir sind in besonderer Weise aufgefordert, uns davor zu hüten, in sie zu verfallen.

Kehren wir zum Evangelium zurück und betrachten noch einmal die Szene. Was bei Simeon und Hanna den Lobgesang ausgelöst hat, war sicher nicht das Schauen auf sich selber, das Analysieren und Überprüfen der eigenen persönlichen Situation. Es war kein Verschlossen-Bleiben aus Angst, es könne ihnen etwas Schlimmes zustossen. Was den Gesang auslöste, war die Hoffnung – jene Hoffnung, die sie in ihrem Alter aufrechterhielt. Und diese Hoffnung sah sich verwirklicht in der Begegnung mit Jesus. Als Maria dem Simeon den Sohn der Verheissung in die Arme legt, beginnt der alte Mann zu singen, feiert eine eigene „Liturgie“, besingt seine Träume. Als sie Jesus mitten in sein Volk stellt, erfährt dieses die Freude. Ja, nur das kann uns die Freude und die Hoffnung wiedergeben, nur das wird uns davor bewahren, in einer Haltung des Überlebens zu verharren. Nur das wird unser Leben fruchtbar machen und unser Herz lebendig erhalten. Jesus dorthin stellen, wo er stehen muss: mitten in seinem Volk.

Alle sind wir uns der multikulturellen Verwandlung bewusst, die wir durchmachen, niemand bezweifelt das. Daher ist es so wichtig, dass der bzw. die Gottgeweihte mit Jesus ins Leben, ins Herz dieser grossen Verwandlungen eingefügt ist. Die Mission – in Übereinstimmung mit jedem besonderen Charisma – ist es, die uns daran erinnert, dass wir aufgefordert wurden, „Sauerteig“ in dieser konkreten Masse zu sein. Sicherlich kann es bessere „Mehle“ geben, aber der Herr hat uns aufgefordert, hier und jetzt zu „durchsäuern“, mit den Herausforderungen, die uns gestellt werden. Nicht in einer defensiven Haltung, nicht bewegt von unseren Ängsten, sondern mit den Händen am Pflug in dem Bemühen, das Korn, das so viele Male mitten unter das Unkraut gesät wurde, wachsen zu lassen. Jesus mitten in sein Volk stellen bedeutet, ein kontemplatives Herz haben, das fähig ist zu erkennen, wie Gott durch die Strassen unserer Städte, unserer Dörfer und unserer Wohnviertel geht. Jesus mitten in sein Volk stellen bedeutet, das Kreuz unserer Brüder und Schwestern auf sich nehmen und gewillt sein, ihnen zu helfen es zu tragen. Es bedeutet, die Wunden Jesu berühren wollen in den Wunden der Welt, die verletzt ist und sich flehentlich danach sehnt, zu neuem Leben zu erwachen.

Uns mit Jesus mitten in sein Volk stellen! Nicht als Aktivisten des Glaubens, sondern als Männer und Frauen, die ständig Vergebung erfahren, Männer und Frauen, die in der Taufe vereint sind, um diese Salbung und den Trost Gottes mit den anderen zu teilen.

Uns mit Jesus mitten in sein Volk stellen, denn wir “spüren […] die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich [mit dem Herrn] in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Pilgerschaft […] Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine grosse Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschliessen” (Apost. Schreiben Evangelii gaudium, 87), tut nicht nur gut, sondern es verwandelt unser Leben und unsere Hoffnung in einen Lobgesang. Doch das können wir nur tun, wenn wir uns die Träume unserer Alten zu Eigen machen und sie in Prophetie verwandeln.

Begleiten wir Jesus bei seiner Begegnung mit seinem Volk, bei seinem Stehen inmitten seines Volkes, nicht mit der Klage oder in der Angst dessen, der verlernt hat, prophetisch zu reden, weil er die Träume seiner Vorfahren nicht auf sich genommen hat, sondern mit Lob und in Gelassenheit; nicht in der Hektik, sondern in der Geduld dessen, der auf den Geist vertraut, den Herrn der Träume und der Prophetie. Und so teilen wir mit den anderen, was uns gehört: den Gesang, der aus der Hoffnung geboren wird.

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