Ein Kampfbegriff, der nicht weiterführt

Wer heute von „Rechtskatholiken“ spricht, will diffamieren, nicht unterscheiden. Dennoch hat der Ausdruck historische Wurzeln, die man kennen sollte

bergpredigt xpVon Alexander Pschera

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Zwischenzeitlich schien es so, als gehöre das alte “Rechts/Links”-Spiel endlich der Vergangenheit an. Der Zusammenbruch des links-ideologischen Blocks, die fortschreitende Globalisierung, Technisierung und Konsumisierung der Gesellschaft, die alles beherrschenden ökonomischen Fragestellungen – all das schien das Lagerdenken nach und nach aufzulösen. Es hatte den Anschein, als würden neue Realitäten die alten Fronten überlagern. Aber das war offensichtlich nur ein kurzes Zwischenspiel. Es ist wieder üblich geworden, die Gesellschaft in „links“ und „rechts“ zu unterteilen, auch in der Kirche.

Aber wie sinnvoll ist die Rede von „Rechts-“ und „Links-Katholiken“? Kann man Glaubenswahrheiten mit parlamentarischen Sitzordnungen erklären? Zunächst einmal ist es wichtig, hier zwei Perspektiven auseinander zu halten: die ausserkirchliche und die innerkirchliche. Die externe Perspektive fragt nach dem Zusammenspiel von gesellschaftlichen Werten und religiösen Einstellungen. Sie fragt: Ist es sinnvoll, einen gläubigen Monarchisten einen „Rechtskatholiken“ zu nennen? Die interne Perspektive hingegen fragt nach verschiedenen Positionen des innerkirchlichen Kulturkampfes.

Zunächst kann man durch eine einfache Gegenüberstellung ganz allgemein zeigen, dass der Begriff „Rechtskatholizismus“ maximal unscharf ist: In den sechziger und siebziger Jahren waren es die „Linkskatholiken“, die den Bischöfen das Leben schwer machten, indem sie christliches Gedankengut mit der marxistischen Lehre verbanden und die „Freiheit“, von der Christus sprach und die er uns im Jenseits verspricht, zu einer „Befreiung“ schon in dieser Welt machen wollten. „Linkskatholisch“ lassen sich auch christliche Arbeitnehmergruppen und andere Organisationen nennen, denen es um die Rechte der Arbeitnehmer ging und geht. Dabei ist es durchaus angemessen, in sinnhafter Weise von „Linkskatholizismus“ zu sprechen. Denn hier wurde eine spezifische Interpretation der Evangelien aus der Perspektive einer konkreten, politischen Lehre versucht, die, wenn nicht vollkommen schlüssig, so doch immerhin nachvollziehbar war. Sind doch Gerechtigkeit und Nächstenliebe Werte, denen sich auch sozialistische Denker verschrieben haben. Dem steht natürlich entgegen, dass sich in den Evangelien kein einziges Jesus-Wort zu einer konkreten Wirtschafts- oder Gesellschaftsordnung findet, ja dass Christus im Gegenteil immer wieder darauf verweist, dass sich sein Gebet nicht auf die diesseitige Welt, sondern auf die jenseitige bezieht. Der „Linkskatholizismus“ ist letztlich also nicht mehr als eine Instrumentalisierung der christlichen Botschaft durch politische Agitateure, deren Absterben auch den Niedergang dieser Religionsdeutung mit sich brachte.

Stellt man nun diesem „Linkskatholizismus“ den zur Zeit häufig zitierten „Rechtskatholizismus“ gegenüber, so fällt sofort eine Inkongruenz der Terminologie ins Auge. Während sich der Linkskatholizismus auf ein stabiles ideologisches Gerüst stützen kann, ist das, was man mit Rechtskatholizismus polemisch einzugrenzen versucht, ein Konglomerat an Positionen, das sich aus Monarchisten, Anhängern der alten Messe, Dávila-Lesern, militanten Abtreibungsgegnern, Piusbrüdern und anderen Strömungen in der Kirche zusammensetzt. Und während ein Linkskatholik sich durchaus zu seinem Linkskatholisch-Sein bekennen würde, käme es einem als „Rechtskatholik“ Titulierten auf gar keinen Fall in den Sinn, dieser Titulierung zuzustimmen, ja gar auf sie stolz zu sein. Er würde sich vielmehr darauf berufen, dass gerade er ein „echter“ Katholik sei, im Unterschied zu demjenigen, der ihn in eine protofaschistische Ecke stellen will. Diese Inkongruenz zeigt: Das Linkskatholische ist systemisch und selbstbegründet, das Rechtskatholische ist unsystemisch und fremdbegründet. Dieser Begriff ist pejorativ. „Rechtskatholisch“ ist ein Kampfbegriff, der nicht weiterführt, weil es bei seiner Verwendung nur darum geht, dem anderen unlautere Absichten und undemokratisches Gedankengut zu unterstellen.
Damit ist nicht gesagt, dass sich die Auseinandersetzung mit dem, was sich hinter dem unscharfen Begriff  „Rechtskatholizismus“ verbirgt oder verbergen kann, so einfach vom Tisch wischen liesse. Rechtskatholisch wäre demnach eine Position, die traditionelle katholische Werte durch die politische Ordnung und durch ihre Gesetze bedroht sieht und sich dann logischer Weise in Opposition zu der politischen Ordnung begibt, selbst dann, wenn sie „Demokratie“ heisst.
Diese Widerstandsbewegung, der es darum geht, katholisches Leben vor der politischen Destruktion zu retten, hat tiefreichende historische Wurzeln, die sich bis ins mittelalterliche Frankreich zurückverfolgen lassen. Mit der Taufe des Merowingerkönigs Chlodwig im Jahr 496 in der Kathedrale zu Reims wurde das Frankenreich zur „ältesten Tochter der Kirche“. Mit der Revolution von 1789 brach sie diesen Bund. Es folgte dort eine systematische Zerstörung der Kirche und der christlichen Traditionen. Wer katholisch bleiben wollte, der musste sich auf die Seite der Konter-Revolutionäre schlagen. Mit anderen Worten: Die ersten „Rechtskatholiken“ waren nichts anderes als die letzten Katholiken in einer Gesellschaft des säkularen Terrors und der atheistischen Vernichtung.
Nun ist es ja durchaus so, dass das jakobinische Gedankengut der Französischen Revolution bis in unsere Zeit hineinwirkt. Politiker der Grünen oder des linken Lagers weisen auffallende Ähnlichkeiten mit einem Marat und Robespierre auf, ohne freilich jemals deren tragische historische Grösse erreichen zu können. Ihr totalitärer, anti-freiheitlicher Denkduktus, ihre Machtversessenheit, die den basisdemokratischen Parolen ihrer Parteien widerspricht, ihre pseudo-rationale Rhetorik, die sich in Wahrheit aus Insinuationen und Assoziationen speist, lassen den Eindruck entstehen, einer historischen Kontinuität beizuwohnen. Diese Jakobinisierung des politischen Personals ist in Frankreich naturgemäss noch viel ausgeprägter als in Deutschland. Und so ist es kein Wunder, dass dort Katholiken das gesamte politische System, das heisst die Demokratie, als einen Feind ihres katholischen Glaubens interpretieren. Diese „Rechtskatholiken“ sind keine Christen, die mit den rechten Rändern des politischen Spektrums oder mit dem, was sich dafür hält, flirten (wie es Liane Bednarz und Andreas Püttmann in ihrem sehr dürftigen Positionspapier „Unheilige Allianzen – Radikalisierungstendenzen am rechten Rand der Kirchen“, Konrad Adenauer Stiftung 2015, unterstellen). Der Widerstand dieser Katholiken ist fundamentaler und viel grundsätzlicher. Er sieht sich in einer direkten historischen Linie zu den Aufständischen von 1793 aus der Bretagne und Vendée. Ihr Ressentiment gegenüber der modernen Gesellschaft begründet sich mit dem Verdacht, dass es dieser modernen Gesellschaft immer noch, ja verstärkt um die Abschaffung des christlichen Gottes und des christlichen Menschen geht. Wenn sie dabei Zuflucht zu monarchistischen Denkmodellen nehmen, so ist dies weniger eine Form politischer Romantik, als vielmehr eine anrührende Geste der Suche nach stabilen, weil bewährten Denk- und Lebensformen.
Von diesen monarchistisch-metaphysischen Katholiken, die natürlich auch alle Formen der Liturgiereform ablehnen, weil diese sich alle mehr oder wenige durch die Einebnung des Sakralen und durch die Aufhebung der Differenz zwischen Heiligem und Profanem auszeichnen, ist jene Form des traditionellen französischen Katholizismus genau zu unterscheiden, der aus der Tradition von Charles Maurras und der Action française kommt, die als nationalistische Bewegung 1896 aus der Dreyfus-Affäre heraus entstand und aus deren historischer Substanz sich heute der Front National speist. Für Maurras war die Kirche eine tragende Säule der Nation. Sie verbürgte Autorität und Hierarchie. So sehen es auch heute noch viele Anhänger des Front National. Die christliche Familie ist eine Formgebung des Lebens, der man sich unterwirft. Der christliche Glaube ist ein identitätsstiftendes Moment, das gerade in Zeiten globaler Migration verstärkt zum Einsatz kommt. Auch antisemitische Töne mischen sich da mitunter ein. So wie es in Bayern „Brauchtumskatholiken“ gibt, so existieren auch in Frankreich traditionalistische Katholiken, deren Weltbild ohne die Rituale des Katholischen unvollständig wäre. Die Gleichzeitigkeit von katholischem Glauben und rechts-nationalistischer Verortung kann dann aber durchaus zu Problemen mit der Kirche führen. Die Frage, ob die Kirche sich gegen „rechte” Aktionen positioniert, gibt es nicht erst seit Pegida. Die Schriften des Action française-Begründers Charles Maurras wurden von den Päpsten Pius X. und Pius XI. auf den Index gesetzt. Mitgliedern der Action wurde mit Exkommunikation gedroht. Auch dieser National-Katholizismus zeigt bis heute eine gewisse Anhänglichkeit an die alte Liturgieformen, die sich aber eher aus einem übersteigerten Kontinuitätsdenken als aus einer tiefen metaphysischen Verankerung heraus ergibt.
Neben diesem beiden „rechtskatholischen“ Formationen gibt es in Frankreich seit kurzem noch eine dritte, die sich um die Manif’ pour tous-Demonstration und ihrer Nachfolgebewegung, den Veilleurs, konzentriert. In Deutschland wird diese Bewegung durch die Demo für Alle vertreten. Während sich das monarchistische Lager im Wesentlichen aus alten aristokratischen Familien speist und der National-Katholizismus eine im Kern „populistische“, das heisst links-republikanische Bewegung ist, lässt sich bei den katholischen ausserparlamentarischen Bewegungen keine homogene soziale Struktur feststellen. Dem „rechtskatholischen“ Lager sind sie zuzuordnen, weil sie in entscheidenden Punkten den Neo-Reformatoren der Kirche, denen es um eine Neudefinition der Sexualmoral und um eine Neubestimmung der Rolle der Frau geht, widersprechen. Die Manif’ gründete sich als ausserparlamentarischer Widerstand gegen das Gesetzesvorhaben zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften. Die Bewegung sah darin, vor allem im Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, eine fundamentale Abwertung, ja Gefährdung des traditionellen, christlichen Familienbildes. Aus der Manif’ wurde aber bald schon mehr als eine Bewegung, die sich gegen ein einziges Gesetz stellt. Aus ihr wurde eine Strömung, in der sich ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem herrschenden politischen System artikulierte – einem System, in dem die Vertreter des Bürgertums in Frankreich immer weniger bereit sind, eine aktive Rolle zu übernehmen. Ähnlich ist es in Deutschland bei der Demo für Alle. Die Manif’ pour tous vertritt einen weltoffenen Katholizismus. Sie ist eine junge Bewegung. Ihre Spiritualität ist stark von den Weltjugendtagen, charismatischen Bewegungen und der Figur Johannes Pauls II. geprägt. Kaum spielen hier traditionalistische, integristische Gedanken hinein. Gleichwohl wird auch diese Bewegung als „rechtskatholisch“ wahrgenommen, was sich aber ausschliesslich ihrem unbedingten Beharren auf dem überlieferten Familienbild verdankt.
Monarchistische Katholiken, National-Katholiken, Katholiken der „neuen Familie“ – bei genauerer Betrachtung zerfällt der scheinbar so homogene Begriff des „Rechtskatholischen“ in verschiedene Bestandteile und erweist dadurch seine Unschärfe und seine Nutzlosigkeit. Es ist überdies klar, dass harte, nationalistische Rechte tendenziell ohnehin dem neo-heidnischen Lager zuzurechnen sind. „Rechtskatholizismus“ ist also ein Kampfbegriff der Laizisten. Mit ihm sollen im Kern urkatholische Werte diskreditiert werden – Lebensschutz, Familienbild, die Integrität der Liturgie, um nur einige zu nennen. Ob diese Diskreditierung im Namen der „Demokratie“ geschieht und ob das demokratische System an und für sich nicht dazu in der Lage ist, den Katholizismus zu schützen, muss jeder für sich entscheiden. Aber aus dem Aufweis des Kulturkampfcharakters des Terminus „Rechtskatholiken“ ergibt sich in jedem Fall die Forderung, dass Christen auf die Verwendung dieses Begriffes verzichten sollten, wenn es darum geht, rechte Positionen, die sich mit katholischen Insignien schmücken, zu entlarven. Denn dies sind dann keine „Rechtskatholiken“, sondern Rechte, die sich katholisch gebärden.

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