Der Papst und das Gewalt-Gen

“Als der Nationalismus noch nicht die Herzen und Köpfe der Menschen vergiftete’

Die Tagespost, 22. September 2014

Von Guido Horst

Wie ein Punktstrahler hat der Tag des Papstes in Tirana die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf einen Ort gelenkt, wo ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen möglich ist. So wie zur Zeit der Habsburger und Osmanen auf dem gesamten Balkan, als der Nationalismus noch nicht die Herzen und Köpfe der Menschen vergiftete. So wie in Sarajewo, als die Belagerten gemeinsam, Seite an Seite, gleich ob christlichen oder islamischen Glaubens, von 1992 bis 1996 dem Beschuss durch serbische Einheiten standhalten mussten. Sarajewo und Albanien und viele andere Orte auf der Welt – ob in Asien, Afrika oder Europa – liefern den Beleg dafür, dass Papst Franziskus keinen Illusionen nachhängt, als er am Sonntag vor den Religionsvertretern in der katholischen Universität von Tirana dafür warb, “dass herzliche Beziehungen und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener Religionen möglich sind“.

Wie Balsam hoben sich die Bilder aus Albanien von den Gräuel-Videos ab, mit denen die fanatisierten Terrormilizen des IS derzeit die Welt überfluten.

Es ist völlig richtig, dass Politik und Sicherheitsdienste im Westen fürchterlich genau darauf achten, welche Samen der Gewalt von einem extremen und radikalisierten Islamismus ausgehen. Schliesslich herrscht auch im Vatikan und um den Papst herum erhöhte Wachsamkeit. Und es ist auch selbstverständlich, dass man in Feuilletons und akademischen Kommentaren der Frage nachgeht, inwieweit Gewalt zu den Genen des Islam gehört. Immerhin hat sich auch Benedikt XVI. bei seiner prophetischen Vorlesung in Regenburg damit beschäftigt. Aber eines ist auch klar: Nachdem die (westliche) Welt im zwanzigsten Jahrhundert glaubte, sich mit ihrem naturwissenschaftlichen Denken und technologischen Fortschritt endgültig von Gott verabschieden zu können, wachte sie in einem einundzwanzigsten Jahrhundert wieder auf, das ein Jahrhundert der Religion zu werden verspricht. Der Glauben an einen Schöpfergott und an eine konkrete letzte Bestimmung des Menschen ist genauso eine Realität wie Börsenkurse oder Raumschifffahrt. Es gibt auf dem Planeten Erde 1,9 Milliarden Christen, davon 1,2 Milliarden katholischen Glaubens. Aber es gibt auch 1,5 Milliarden Muslime. Was soll man mit ihnen machen, auch wenn kluge Köpfe nachweisen können, dass das Gewalt-Gen bereits im Koran vorhanden ist? Alle in Gulags stecken? Oder in Umerziehungslager? Oder Mauern bauen, kreuz und quer durch ganze Kontinente? Auch die intelligentesten Christen wissen nicht, warum Gott den Islam zugelassen hat. Es ist eine Frage von geheimnisvollem und heilsgeschichtlichem Ausmass. Aber alle wissen, dass Christen und Muslime auf dieser Erde zusammenleben müssen. Und dass das auch geht, ohne dass man die Frage nach der letzten Wahrheit relativiert oder einem trägen Irenismus verfällt.

Das war – neben der Erinnerung an die Märtyrerkirche – einer der beiden Gedanken, die Papst Franziskus in Albanien ausgebreitet hat. An der geduldigen Suche nach Frieden und Zusammenarbeit kommen Muslime und Christen nicht vorbei. Egal wo auf der Welt. Albanien ist Beispiel und Vorbild dafür, dass dies Gott sei Dank auch geht.

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