Vatikan bekämpft den Missbrauch von Minderjährigen

Interview mit Msgr. Celso Morga, Sekretär der Kongregation für den Klerus

Lasset die Kinder zu mir kommen xpVatikanstadt, 6. Februar 2014, zenit.org, Rocío Lancho García

Die Fälle von sexuellem Missbrauch Minderjähriger seitens mancher Priester sind ein Thema, das in der Kirche starke Besorgnis weckt. Papst Benedikt XVI. machte sich an die nicht leichte Aufgabe, die von diesen Skandalen verursachten Wunden zu heilen und solchen Fällen in Zukunft weitestgehend vorzubeugen. Dank der von ihm eingeführten Normen sind allein in den Jahren 2011 und 2012 nicht weniger als 387 Priester von ihren seelsorgerischen Posten enthoben worden. Diese Arbeit hat Papst Franziskus mit viel Energie weitergeführt. Um manche Aspekte dieses heiklen Themas besser verstehen zu können, führte ZENIT ein Interview mit Msgr. Celso Morga Iruzubieta, dem spanischen Erzbischof, der 2010 von Benedikt XVI. zum Sekretär der Kongregation für den Klerus ernannt wurde.

In diesem Dikasterium ist Msgr. Morga schon seit 1987 tätig; vor seiner Ernennung zum Sekretär war er zunächst Büroleiter, dann ab 2009 Untersekretär.

Eine Delegation des Vatikans hat vor kurzem in Genf dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes einen Bericht über die Massnahmen vorgelegt, die der Heilige Stuhl getroffen hat, um dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger vorzubeugen und gegen etwaige Täter vorzugehen. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Punkte in diesem Bericht?

Msgr. Morga: Aus diesem Bericht geht vor allem der aufrichtige Wille des Heiligen Stuhls hervor, dieses schwere Problem ernsthaft und mit der grössten Transparenz anzugehen und den Opfern entgegenzukommen und, soweit dies im Bereich der menschlichen Möglichkeiten liegt, das von ihnen schuldlos erlittene Leid wiedergutzumachen. Die Kirche ist sich sehr wohl bewusst, dass sie die Pflicht besitzt, die Kinder und ihre Familien zu schützen und, wo nötig, auch strafrechtlich gegen die Täter vorzugehen. Kindesmissbrauch ist etwas, das dem Auftrag, den die Kirche von Gott empfangen hat, schwer entgegenwirkt; deshalb kann es keine Toleranz gegen derartige Missstände geben.

Offizielle Statistiken sagen, dass zwischen 2011 und 2012 dank der von Benedikt XVI. in Kraft gerufenen Gesetze 387 Priester abgesetzt worden sind, weil sie des Missbrauchs von Minderjährigen für schuldig befunden wurden. Wie sollen wir diese Daten interpretieren?

Msgr. Morga: Wir müssen diese Zahl mit Schmerz und Scham zur Kenntnis nehmen. Zugleich muss diese Statistik für uns jedoch auch ein Ansporn sein, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, damit sich solche Fälle in Zukunft nicht wiederholen.

Was geschieht mit diesen Priestern, nachdem sie ihren kirchlichen Stand verlieren?

Msgr. Morga: Wir versuchen, wo möglich, ihnen den Einstieg in das weltliche Leben zu erleichtern und ihnen zu helfen, eine würdevolle Arbeit zu finden. Die Kirche ist eine Mutter und muss es immer bleiben. Deshalb versuchen wir im Rahmen des Möglichen auch denen zu helfen, die aufgrund einer kirchenrechtlichen Strafe den Priesterstand verloren haben.

Wie versucht die Kongregation für den Klerus, dieses Problem zu lösen?

Msgr. Morga: Ich muss betonen, dass es nicht zu den Aufgaben unseres Dikasteriums gehört, die Strafe der Absetzung vom priesterlichen Stand gegen jene Kleriker zu verhängen, die sich eines sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Das obliegt der Kongregation für die Glaubenslehre, da es sich um “delicta graviora” (schwerwiegende Delikte) handelt. In den Fällen jedoch, die in unseren Kompetenzbereich fallen, gehen wir so vor, wie ich eben gesagt habe. Wir empfehlen den Bischöfen, diese Priester so lange zu unterstützen, bis sie eine würdevolle weltliche Arbeit gefunden haben, und ihnen in realen Härtefällen auch finanziell zu helfen.

Manche Leute meinen, das Problem des Missbrauchs von Minderjährigen in der Kirche könne durch die Beseitigung des Zölibats der Priester gelöst werden. Was halten Sie davon?

Msgr. Morga: Ich glaube nicht, dass die Dinge so stehen. Im Jahr 2006 haben die Vereinten Nationen (genauer: die Weltgesundheitsorganisation) eine Statistik veröffentlicht, der zufolge 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen unter 18 Jahren weltweit jedes Jahr von Erwachsenen zum Geschlechtsverkehr gezwungen oder in anderer Form Opfer von Handlungen werden, die körperliche Berührung mit einbeziehen. Der Schutz der Kinder sollte, angesichts des weitverbreiteten Verfalls moralischer Werte, zu einem Hauptanliegen der ganzen Gesellschaft werden.

Papst Franziskus hat den von Benedikt XVI. eingeschlagenen Weg fortgesetzt und hat eine Expertenkommission ins Leben gerufen, die die Aufgabe hat, den Missbrauch von Minderjährigen seitens Angehöriger des Klerus zu bekämpfen und den Opfern Beistand zu leisten. Was tut die Kirche auf dem Gebiet der Vorbeugung?

Msgr. Morga: Papst Franziskus ist, genau wie vor ihm Benedikt XVI., sehr darum bemüht, die Kinder vor Missbrauch zu schützen. Zu seinen Massnahmen in dieser Richtung gehört auch die Gründung der Expertenkommission, die Sie erwähnten. Ausserdem hat der Heilige Stuhl, als Zentralorgan der katholischen Kirche, die Richtlinien veröffentlicht, die von den Ortskirchen und den religiösen Orden zu befolgen sind, um wirksam gegen dieses Problem vorzugehen. Fast alle Bischofskonferenzen haben diese Sache sehr ernst genommen und haben juristische Massnahmen und Überwachungspraktiken eingeführt, um Kindermissbrauch zu verhindern und möglicherweise eintretenden Fällen schnell und wirksam entgegenzutreten, im Einklang mit den Gesetzen der jeweiligen Länder. Zum Beispiel hat die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Dokument zum Schutz von Kindern und Jugendlichen erstellt, das eine Reihe von Massnahmen zur Vorbeugung dieser Form von Gewalt vorsieht. Wir dürfen nie vergessen, dass wir als Menschen schwach sind; deshalb wird die Gefahr, dass solche Verbrechen stattfinden, nie ganz auszulöschen sein. Gleichzeitig jedoch müssen wir alles tun, was in unserer Macht steht, um die Kirche und die Gesellschaft zu schützen und vor allem, um das Leid zu verhindern, das die Opfer dieser Verbrechen erfahren.

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