Von der Mitte her zur Begegnung

Das “Nightfever”-Wunder

“Eucharistisches Schauen“: Viele Jugendliche kommen beim “Nightfever” zur Ruhe.

Philosophische Einsichten in ein auch innerkirchlich mit Staunen aufgenommenes Phänomen: Das “Nightfever”-Wunder. Von Monika Metternich

Köln, DT, 10. Juni 2013

Zum Glück waren so viele der Teilnehmer im jugendlichen Alter: Dicht gedrängt auf Fensterbrettern und im Schneidersitz auf dem Boden fanden auch diejenigen noch Platz, die keinen Sitz in der überfüllten, von der “Nightfever-Akademie” gestalteten Veranstaltung „Anbetung des Heiligen“ mehr gefunden hatten. Das Interesse an den Vorträgen der Philosophen Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Jörg Splett beim Eucharistischen Kongress war schlichtweg überwältigend.

“Das geht nicht“, sei das am häufigsten gehörte Wort vor dem Weltjugendtag 2005 gewesen, führte der Dresdener Bischof Koch in die Veranstaltung ein, als es darum gegangen sei, bei der Vigil auf dem Marienfeld eine Anbetungszeit für eine Million junge Menschen zu organisieren. Es sei allein dem Vertrauensvorschuss des damaligen Papstes Benedikt XVI. zu danken gewesen, dass dieser zentrale Wunsch genehmigt worden sei. “Das geht nicht” habe es auch geheissen, als aus dem intensiven Erleben dieser Vigil die beiden Bonner Studenten Katharina Fassler und Andreas Süss die “Nightfever”-Bewegung ins Leben riefen, die inzwischen aus einer Studentengemeinde in die ganze Welt “exportiert” wurde: Einmal im Monat wird das Allerheiligste in einer dunklen, nur durch Kerzen erleuchteten Kirche ausgesetzt.

Passanten werden auf der Strasse angesprochen, ob sie nicht eintreten möchten, eine Kerze anzünden, verweilen, so lange sie möchten. Eine bedeutende Anzahl von Menschen betritt bei diesen Anlässen seit langem oder gar zum ersten Mal eine Kirche – viele nehmen das Angebot zu Gespräch und Beichte im Angesicht des eucharistischen Herrn wahr. Monat für Monat kommen in vielen Städten der Welt inzwischen Tausende zu diesen Anbetungsstunden, die selbst von kritischen Zungen als “einer der wenigen echten Aufbrüche in der katholischen Kirche” (Daniel Deckers in der FAZ) gewürdigt werden.

Gerade das Geheimnis der Anwesenheit Christi in einem Stück Brot gehört zu den tiefsten und am schwierigsten zu vermittelnden Geheimnissen des christlichen Glaubens; der Ausdruck “niedrigschwellig” trifft das Phänomen “Nightfever” daher nicht wirklich. Dass es möglich ist, so viele und gerade junge Menschen “von der Mitte her” zur unmittelbaren Begegnung mit Christus zu bewegen, kann durchaus als Wunder bezeichnet werden. Die Ausführungen der Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz eröffneten spannende Einsichten in ein auch innerkirchlich mit Staunen aufgenommenes Phänomen. Für frühe Religionen, so Gerl-Falkovitz, sei die Materie “die Manifestation des Heiligen” gewesen. Die Welt sei die erste Gotteserscheinung, wie Jean Marie Fabre es ausdrückte: “Ich glaube nicht an Gott, ich sehe ihn.” Die Götter seien in den kosmischen Erfahrungen von Licht und Dunkel als anonyme Gewalten erlebt worden, denen der Mensch ausgeliefert ist. Das Heilige sei darin gleichermassen hell und dunkel, gut und böse – Tremendum und Faszinosum, Alles in Allem, unberechenbare, anonyme Mächte, “die nichts meinen“. So komme es, dass Angst und Religion tief verschwistert seien. Als religiösen Quantensprung bezeichnete Gerl-Falkovitz die Religion Israels, in der Schöpfer und Schöpfung ein Gegenüber bildeten. Eine Beziehung statt Ausgeliefertsein. Nicht die anonyme Wehrlosigkeit vor einer anonymen Macht, sondern die Beziehung stehe im Mittelpunkt des jüdischen Glaubens. “Einen Blick treffen, der mich meint, der mich nicht zur Beute macht, mich nicht aufsaugt” – das Anonyme bleibe draussen. Mit einer “Schraubendrehung” sei hier die Aufhebung von Angst in Vertrauen geschehen: “Gott ist treu. Er verspricht nicht, was er dann nicht hält.” Er konterkariere damit die alten Göttervorstellungen. Im Neuen Testament heisse es: “Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.”

Und hier trete die Bildsprache von “Nightfever” in eine nahezu unbewusste Realität. Das Eintreten in die dunkle Kirche entspreche dem “Leben als Gabe aus nächtlichem Ursprung”. Die Initiatoren, so Gerl-Falkovitz, trauten dem Licht im Dunkel zu, von sich aus zu wirken – aufgrund ihrer eigenen Erfahrung mit dem eucharistischen Herrn, “in dem keine Finsternis ist“. Mit der dann eintretenden Ruhe gehe oft ein Impuls einher, nämlich “die Frage, ob sich nicht etwas ändern müsste“, um der in der Dunkelheit leuchtenden weissen Hostie näherzukommen, dem “Ich bin da”. Nichts werde erklärt, es gebe keinerlei Belehrung oder Kommentar. “Ein zögerndes Verlangen breitet sich aus: sich hingeben zu dürfen, nicht ins Leere, sondern an jemand, der ohne Ungeduld wartet.” Unausgesprochen wachse das Empfinden: “Ich schaue den an, der mich sieht.” Sehen und ansehen – nicht absorbiert werden. Die eigene Wüste dem Licht aussetzen und so unangeklagt in die Selbstanklage gehen zu können, sei auf viele der Effekt des eucharistischen Schauens und Angesehenwerdens durch das leuchtende, weisse Brot in der Dunkelheit und werde für manch einen zur “Stimme, die vom Leben weiss, vom Weg und von der Wahrheit.”

Nicht das Gefühl sei ausschlaggebend, sondern vielmehr eine wahre Begegnung, die auch zum “Raum für Vergebung” werde. “Es wird nicht gerichtet, es wird nur ans Licht geholt. Wer dieses einfache weisse Brot nicht versteht, nichts von ihm gehört hat – es gibt auch Menschen, die eintreten und nicht wissen – steht mit seiner Blindheit doch im milden Licht. Ungeschützt, aber auch unangegriffen und unangeklagt. Ein eigentümlicher Zustand. Mag es daher kommen, dass man dann in die Selbstanklage geht, weil man diesem Milden und Reinen nicht gewachsen ist?“ Dass an den “Nightfever“-Abenden so zahlreich die angebotene Beichtgelegenheit in Anspruch genommen wird, erklärt Gerl-Falkovitz: “Nur wo es Erlösung gibt, kann es Reue geben.” In seinem Vortrag erläuterte weiterhin Jörg Splett, emeritierter Professor der Jesuitenhochschule St. Georgen/Frankfurt am Main, was der Akt der Anbetung in anthropologischer Sicht bedeute. Religion sei viel eher “Ausrichtung auf Gott” als “Auslegung der Welt”. Diese Ausrichtung auf Gott geschehe ausdrücklich, indem man sich an ihn wendet: “Und das nennt man Gebet.” Die Theologie entstamme selbst dem Gebet und Theologie sei “nur so viel wert, wie sie dem Gebet dient und hilft”.

Auch werde heute oft vertreten, dass man Gott auf Augenhöhe begegne. “Ich frage mich wirklich, wie das das Geschöpf macht!” In der Anbetung freue man sich vielmehr darüber, “dass Gott Gott ist2.

Doch habe gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Theologen den Gedanken aus der Kabbala übernommen, dass Gott ohnmächtig sei. Doch wenn Gott ohnmächtig ist, “kann man ihm nicht danken, kann man ihn nicht bitten, kann man ihn nicht hören. Man kann sich auch nicht bei ihm beschweren. Man kann nur mit ihm sitzen und weinen über die Verhältnisse, die so sind. Wer diese Auffassung vertritt – und das ist eine ganze Reihe von Kollegen –, hat vor aller Welt gesagt, dass er selbst nicht betet.”

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