Papst: “Danke für eure Freundschaft”

Mit dem Abzug der Schweizergarde aus Castel Gandolfo endet das deutsche Pontifikat

Die Tagespost, 1. März 2013, von Guido Horst

Eine schlichte Wachablösung bezeichnet das Ende. Punkt zwanzig Uhr bewegt sich der rechte Schweizer Gardist vor dem Portal der päpstlichen Sommerresidenz. Dunkle Nacht umhüllt Castel Gandolfo. In der beginnenden Dämmerung war der scheidende Papst mit dem Helikopter eingeflogen. Der linke Schweizer Gardist hatte vor Minuten schon den Schlüssel bereitgelegt. Drei Beamte der vatikanischen Gendarmerie in ihren schlichten Uniformen treten vom Innenhof des Palazzos her heran. Kurze Befehle, dann ein Händedruck. Das Portal schliesst sich, die Schweizer Gardisten ziehen ab, sie gehen zurück nach Rom, um die Kardinäle und dann das Konklave zu bewachen. Seine Heiligkeit, der emeritierte römische Pontifex, muss ab sofort mit der zweiten Schutztruppe des Vatikans vorlieb nehmen, der Gendarmerie. Oben in den Privaträumen Joseph Ratzingers brennt Licht. Was dort vorgeht, dringt nicht nach draussen. Das Pontifikat des deutschen Papstes ist beendet.

Etwa zehntausend Menschen hatten Benedikt XVI. auf dem Hauptplatz von Castel Gandolfo direkt vor der Sommerresidenz erwartet. Es waren Szenen, wie sie in den letzten beiden Wochen oft zu erleben waren. Jubelrufe, Beifall, strahlende Gesichter, bunte Plakate, Spruchbänder, viele von Kindern gemalt. Und dazu: Tränen. Als sich der Papst kurz nach seiner Ankunft gegen halb sechs nochmals am Balkon der Residenz zeigt, ergreift diese heiter-traurige Stimmung die ganze Menge. Benedikt spricht frei, die beiden Hände locker auf das Glaspult gelegt. “Danke für eure Freundschaft, eure Zuneigung. Ihr wisst, mein heutiger Aufenthalt hier unterscheidet sich von den bisherigen, ich bin nicht mehr Papst der katholischen Kirche, ab acht Uhr heute Abend bin ich es nicht mehr”, sagt er mit gelöster Sprache. “Ich bin nur noch ein einfacher Pilger, der die letzte Etappe seiner Pilgerreise auf dieser Erde beginnt. Aber ich möchte noch einmal mit meinem Herzen, mit meiner Liebe, meinem Gebet, meiner Meditation und allen meinen inneren Kräften für das Wohl aller und der Kirche, ja für die Menschheit arbeiten. Und dabei fühle ich mich getragen von eurer Sympathie. Gehen wir gemeinsam weiter, mit dem Herrn, für das Wohl der Kirche und der Welt.” Das waren die letzten öffentlich gesprochenen Worte von Benedikt XVI. Dann der Segen, der alte Mann winkt nochmals, dreht sich um, dann verschwindet die weisse Schulter langsam aus dem Sichtwinkel der Menschen.

Hatte es am Mittwoch den grossen Abschied von den Menschen bei der letzten Generalaudienz gegeben, so folgten am Donnerstag bewegende Abschiede im Kleinen. Noch einmal hatte Benedikt XVI. am Mittwoch direkt im Anschluss an die Generalaudienz Vertreter verschiedener Staaten empfangen. In der Sala Clementina traf er mit dem Präsidenten der Slowakei, Ivan Gasparovic, sowie den Regenten von San Marino zusammen.

Auch aus seiner Heimat hatte der Papst Besuch: Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und seine Begleitung kamen kurz mit dem Papst zusammen. Unter den Gästen waren auch der Bürgermeister von Rom, Gianni Alemanno. Benedikt segnete bei dieser Gelegenheit auch den Grundstein zum Ausbau der “Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI.” in Stift Heiligenkreuz. Vorgelegt wurde er ihm vom Abt des Zisterzienserstifts, Maximilian Heim. Dann aber sollten nur noch Kurie und Vatikanstaat zum Austausch der letzten Grüsse kommen.

Am Donnerstag um elf Uhr waren zuerst die Kardinäle an der Reihe. 144 hatten sich bis dahin in Rom versammelt, sie alle waren in der Sala Clementina im Apostolischen Palast, als Benedikt XVI. nochmals das Wort an sie richtete – mit einer bewegenden Ansprache, an deren Ende er seinem Nachfolger seine “bedingungslose Ehrerbietung” und seinen “bedingungslosen Gehorsam” versicherte. Einzeln traten die Kardinäle anschliessend vor, um sich vom Papst zu verabschieden. Wer zu viel zu sagen hatte, bekam von dem elegant gekleideten Gentiluomo bald ein Zeichen, dass es weitergehen müsse. Dennoch schüttelte Benedikt eine Dreiviertelstunde lang die Hände. Am Ende noch einige Kurialen im Bischofsrang, zuerst der Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, dann der Präsident des Rats für die Neuevangelisierung, Erzbischof Rino Fisichella. Schliesslich die Zeremoniare des Papstes, angeführt von Zeremonienmeister Guido Marini; bei den Liturgien Benedikts XVI. hatten sie immer in dessen Nähe gestanden. Diese Liturgien gibt es nun nicht mehr. Auf jeden, der an ihn herantritt, konzentriert sich der Papst, findet einige Worte. Dann der abschliessende Segen – und ganz langsam und mit sehr kurzen Schritten verlässt Papst Benedikt die Sala Clementina.

Noch einmal heisst es Händeschütteln und Ringküsse entgegennehmen, als Papst Benedikt gegen siebzehn Uhr im Damasushof des Apostolischen Palasts seine schwarze Limousine besteigt, um zum Hubschrauberlandeplatz in den Vatikanischen Gärten zu fahren. Jetzt kommen Ordensfrauen, Männer und Frauen der Kurie, die in der Nähe des Papstes gearbeitet haben. Auch der Chauffeur des Papstes küsst den Ring Benedikts und kniet vor seinem hohen Fahrgast nieder. Der hünenhafte Mann, der den Papst so oft im Papamobil über den Petersplatz gefahren hat, heult Rotz und Wasser.

Am Helikopter geben der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, und der ehemalige Gouverneur des Vatikanstaats, Kardinal Giovanni Lajolo, dem Papst das letzte Geleit. Privatsekretär Georg Gänswein hat seine alte Form wiedergefunden; schon beim Abschied der Kardinäle stand wieder das gewohnte Lächeln auf seinem Gesicht. Er wird nun auch Rom verlassen. Wie lange er mit Seiner Heiligkeit, dem emeritierten Papst, in Castel Gandolfo bleibt, fragen sich viele. Als Präfekt des (verwaisten) Päpstlichen Hauses wird er sicherlich bald auch wieder gebraucht – zumindest dann, wenn das Konklave vorüber ist.

Gruppen von Menschen haben sich um die Vatikanmauern herum aufgebaut, als der Helikopter langsam in die Höhe steigt. Ein letztes Winken, nochmals Spruchbänder und Plakate. Der Hubschrauber dreht eine weite Runde um den Petersdom, nimmt Kurs auf Ciampino, um dann in den Albaner Bergen Castel Gandolfo anzufliegen. Im Apostolischen Palast, im dritten Stock, wird das päpstliche Appartement versiegelt. Noch am Abend, heisst es, werden Fischerring und das Siegel des Papstes unbrauchbar gemacht. Innerhalb von wenigen Stunden gleitet der Vatikan in den Zustand der Sedisvakanz, ohne dass in der Sala Clementina der Katafalk mit einem verstorbenen Papst aufzubauen wäre. Einzigartig. Das hat es so noch nie gegeben. Der Camerlengo, Kardinal Tarcisio Bertone, übernimmt das Regiment, von dem derzeit niemand sagen kann, wie kurz oder lange es dauern wird. Am Freitagmorgen müssen die Präfekten und Präsidenten der vatikanischen Dikasterien nicht mehr zur Arbeit gehen. Ihre Ämter ruhen. Die Kurie arbeitet jetzt nur im Schonbetrieb, die Erledigung der Routinesachen liegt bei den Sekretären. Aber die Kardinäle haben jetzt auch anderes zu tun.

Der Dekan des Kardinalskollegiums schickt die Einladungen heraus, die Generalkongregationen müssen beginnen, die Versammlungen aller Kardinäle, an denen auch die Purpurträger teilnehmen werden, die älter als achtzig sind. Erst hatte es geheissen, die erste Generalkongregation würde bereits am gestrigen Freitag stattfinden, jetzt ist von Montag die Rede. In diesen Tagen treffen die letzten Papstwähler in Rom ein. Manche drängen zur Eile. Unruhige Tage. Die Zukunft der Kirche steht auf dem Spiel.

Aber einer kann sie jetzt in aller Ruhe im Gebet begleiten, Seine Heiligkeit Benedikt, der emeritierte Papst.

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