Papstwahl ohne Lager und Kandidaten

Eine solche Situation hat es in dieser Weise noch nie gegeben

Es gibt da ja noch den Heiligen Geist

Allmählich richtet sich in Rom der Blick auf das kommende Konklave, das es in dieser Weise so noch nie gegeben hat.

Die Tagespost, 20. Februar 2013, von Guido Horst

Während einem der durch die Fastenexerzitien gedämpfte Betrieb im Vatikan wie die Ruhe vor dem Sturm vorkommt, bereiten sich in aller Welt die Kardinäle der katholischen Kirche darauf vor, eine nicht geplante Reise nach Rom anzutreten. Es gilt, den nächsten Nachfolger Petri zu wählen, während der bisherige Amtsinhaber noch lebt. Eine solche Situation hat es in dieser Weise noch nie gegeben – und so könnte es geschehen, dass Benedikt XVI. nochmals aktiv wird, wenn es um das Kardinalskonsistorium geht, das seine eigene Nachfolge regelt.

So kursiert im Vatikan der Gedanke, das Konklave ganz pragmatisch schon früher beginnen zu lassen, eben dann, wenn alle wahlberechtigten Purpurträger in der Ewigen Stadt eingetroffen sind. Da es aber die eigentliche bindende Bestimmung gibt, dass ein Konklave fünfzehn bis zwanzig Tage nach dem Tode eines Papstes zusammentreten soll – wobei die Kardinäle den Beginn dann nochmals nach hinten verschieben könnten –, müsste eigentlich Benedikt XVI. selber den notwendigen Rechtsakt setzen, um das Konklave ordnungsgemäss früher beginnen zu lassen. Der Gedanke ist vielen unerträglich, dass ein gegen die Norm salopp nach vorne gezogener Konklavebeginn eine rechtlich gesehen ungültige Papstwahl zur Folge haben könnte.

Ein anderer Umstand, der Papst Benedikt mit Blick auf seine eigene Nachfolge zum Handeln bewegen könnte, ist die Ankündigung von Kardinal Roger Mahony, zum Konklave nach Rom zu reisen – eine Ankündigung, die der 77 Jahre alte ehemalige Erzbischof von Los Angeles über Twitter in der ganzen Welt verbreitete. Mahony war von seinem Nachfolger von allen noch verbliebenen Ämtern und Aufgaben entbunden worden, nachdem sich erwiesen hatte, dass er Missbrauchsverbrechen von Klerikern seiner Erzdiözese vertuscht hatte. Selbst in der Kurie empfinden viele den Einzug Mahonys in die Sixtinische Kapelle zur Papstwahl als Peinlichkeit. Was Mahony tut, ist zwar formal korrekt: Jeder Kardinal, der die Altersgrenze von achtzig Jahren nicht überschritten hat, hat das Recht und die Pflicht, an einem Konklave teilzunehmen – es sei denn, überaus schwerwiegende Gründe hindern ihn daran.

Mahony müsste also von sich aus auf die Teilnahme am Konklave verzichten und Benedikt XVI. müsste diesen Verzicht annehmen. Oder umgekehrt: Der noch eine Woche lang amtierende Papst müsste Mahony zum Verzicht auffordern und dieser müsste akzeptieren – oder Benedikt XVI. entzieht ihm die Kardinalswürde, das hätte denselben Effekt. So hat der deutsche Papst nochmals Gelegenheit, auf das Konklave Einfluss zu nehmen, aus dem sein Nachfolger hervorgehen wird. Ganz abgesehen davon, dass die von der Aussenwelt abgeschnittenen Kardinäle in dem Bewusstsein zu den einzelnen Wahlgängen schreiten, dass der Rücktritts-Papst ihre Wahlentscheidung in Castel Gandolfo im Gebet begleitet. Auch das ist eine Besonderheit des kommenden Konklaves, die in der Geschichte keine Parallele hat.

Aber auch sonst ist bei der kommenden Papstwahl alles anders – zumindest anders als vor knapp acht Jahren. Damals war ein grosser Papst nach langer Agonie gestorben, der in 27 Pontifikatsjahren ein fast nicht überschaubares Volumen an schriftlicher und mündlicher Verkündigung hinterlassen hatte. Für viele war jetzt ein Gelehrter und ausgewiesener Theologe gefragt, der aus dem gewaltigen “Teig” Johannes Pauls II. handliche “Brötchen” backen sollte. Die Wahl einiger “Grosswähler” wie Kardinal Camillo Ruini fiel auf Joseph Ratzinger, der dann mit einer markigen Predigt gegen die Diktatur des Relativismus kurz vor Einzug ins Konklave eine profilierte inhaltliche Position bezog.

Sofort, noch vor dem Einzug in die Sixtina, im sogenannten “Vorkonklave”, bildete sich ein Gegenlager, das Ratzinger verhindern wollte, weil ihnen der langjährige Präfekt der Glaubenskongregation zu konservativ, zu doktrinär, zu wenig offen für die Welt erschien. Dieses Gegenlager scharte sich um den – damals schon schwer erkrankten – Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt, es gab ein superkurzes Konklave mit einem eindeutigen Ergebnis – und einen deutschen Papst, der dann alle Ratzinger-Vorurteile sprengte.

Dieses Mal ist alles anders. Es gibt keine Kandidaten, auf die sich die “Grosswähler” verständigen, ob es ein “Vorkonklave” geben wird, hängt auch in der Luft. Niemand kann sich so recht vorstellen, dass einflussreiche italienische Kardinäle wie der Staatssekretär Tarcisio Bertone, der Mailänder Angelo Scola oder der derzeitige Fastenprediger und “Kultur-Beauftragte” Gianfranco Ravasi ausländische Kardinäle um sich sammeln und auf eine konkrete Person als zukünftigen Papst einschwören.

Es gibt auch keine Lager mehr. Anders als in Deutschland, wo die aus Kirchensteuermitteln finanzierten Strukturdebatten innerhalb der Kirche ausschliesslich den eingefahrenen Rillen der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts folgen, gibt es im Kardinalskollegium – und dasselbe gilt in etwa für den Weltepiskopat – keine sich ausschliesslich als progressiv oder konservativ verstehende Lager mehr. Die Bischofssynoden unter Benedikt XVI. waren – unabhängig vom jeweiligen konkreten Ertrag – Zeugnisse der Einheit und bischöflichen Brüderlichkeit. Die Missbrauchsskandale haben alle erschreckt, da gab es keine “konservativen” und keine “progressiven” Reaktionen, da standen alle – mit ganz wenigen Ausnahmen – hinter dem deutschen Papst, der dem Klerus, den Bischöfen und den zuständigen Dikasterien des Vatikans eine Linie der Transparenz und unerbittlichen Aufklärung vorgegeben hat – und damit die Kehrtwende zu Ende führte, die er als Präfekt der Glaubenskongregation eingeleitet hatte.

Wenn man will, kann man für das kommende Konklave ein “Lager” ausmachen, das immer mehr Konturen gewinnt, das der “Ratzingerianer”-Kardinäle, die sich theologisch und pastoral ganz auf der Linie Benedikts XVI. sehen. Es gibt sie in der Kurie wie Marc Ouellet, den Präfekten der Bischofskongregation, oder Angelo Amato, den Präfekten der Selig- und Heiligsprechungskongregation. Oder in den Diözesen, wie Angelo Scola in Mailand oder Peter Erdö, den Primas von Ungarn und Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Aber da sie “Ratzingerianer” sind, sind sie – wie auch Ratzinger selbst – keine gewieften Kirchenpolitiker, von denen man sich vorstellen kann, dass sie die halbe Nacht am Telefon hängen und Strippen ziehen. Wobei Kardinal Scola da eine gewisse Ausnahme sein dürfte.

Es hat in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts Konklave gegeben, da zogen zwei “Spitzenkandidaten”, die jeweils ein rechtes und ein linkes Lager repräsentierten, in das Konklave ein und als Papst heraus kam ein “Kompromisskandidat” – wie etwa Johannes Paul I. Die kommende Wahlversammlung hat keine Vorbilder. Auch lässt sich das Profil des kommenden Papstes kaum bestimmen. Etwas despektierlich gesprochen: Der kommende Nachfolger Petri müsste so etwas sein wie eine Eier legende Wollmilchsau. Benedikt XVI. war ein Papst der Reformen sowie der Pastoral und Verkündigung. Seine Initiativen waren seelsorgerischer Art: Das “Paulus-Jahr”, das “Jahr der Priester”, das laufende “Jahr des Glaubens”. Seine internationalen Reisen galten immer – bei allem diplomatischen Rahmenwerk – den Menschen und den Gläubigen vor Ort. Das, so hört man, sollte der nächste Papst weiterführen.

Aber Papst Benedikt XVI. war zudem ein Gelehrter, der Bücher schrieb. Auch dies ist ein Zug, den man sich für seinen Nachfolger wünscht. Und dann können sich viele Kardinäle vorstellen, dass der zukünftige Heilige Vater nichteuropäische Kontinente repräsentiert, wo entweder anteilsmässig ein Grossteil der Katholiken lebt – beispielsweise in lateinamerikanischen Ländern – oder die Kirche zahlenmässig explodiert – Afrika.

Zugleich, und das wäre dann ein Widerspruch, soll der Papst etwas tun, wovor sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. zurückgeschreckt sind: Die römische Kurie modernisieren, im Vatikan wirklich regieren und diesem den byzantinischen Stil austreiben. Anforderungen also an einen neuen Papst, die einfach nicht unter einen Hut zu bringen sind. Bleibt also nur die Möglichkeit, sich vom Ausgang des Konklaves überraschen zu lassen. Es gibt da ja noch den Heiligen Geist.

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