Neuevangelisierung, was ist zu tun?

Anregungen bei der Bischofssynode aus verschiedenen Kontinenten

Von Jan Bentz

Rom, 15. Oktober 2012, zenit.org

Wichtige besondere Schwerpunkte bei der Neuevangelisierung haben die Synodenväter verschiedener Erdteile bei der 9. Generalkongregation der Bischofssynode am 13. Oktober in ihren freien Redebeiträgen hervorgehoben.

Der Präsident der Bischofskonferenz von Nicaragua, Sócrates René Sándigo Jirón, hob die Wichtigkeit eines “personalisierten Glaubens” hervor, einer persönlichen Zuwendung zum einzelnen, wie er im Gleichnis vom verlorenen Schaf anklinge: “Man muss nur bedenken, wie sehr sich die Person geschätzt fühlt in dem Moment, in dem sie in der Art, wie wir sie behandeln, ganz im Stile Jesu, die Bedeutung wahrnehmen kann, die sie für Gott und für die Kirche hat.” Das zahlenmässige Wachstum der Kirche habe bewirkt, dass dem Einzelnen nicht mehr genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden sei.

“Diese personalisierte Art und Weise, den Glauben weiterzugeben, bedarf vieler Mitglieder, die der einzelnen Person ihre Zeit widmen können, und dafür ist es notwendig, die Unterstützung einer Familie zu haben, die Familie ‚war und ist die Schule des Glaubens, Übungsplatz menschlicher und ziviler Werte‘”, so Jirón.

Der Erzbischof von São Paolo, Kardinal Odilo Pedro Scherer, (Brasilien) ist der Überzeugung, die Neuevangelisierung brauche mehr als neue Methoden und technische Ressourcen vor allem Evangelisierer mit eigener, tiefer Glaubenserfahrung, die genährt von der Gemeinschaft mit Gott seien. Deshalb könne die Neuevangelisierung im Leben, im Zeugnis und in der Fürsprache der Heiligen eine unermessliche Quelle finden.

“Die Heiligen waren in der Geschichte der Kirche echte Christen und die wirksamsten Evangelisierer”, so Scherer. “In jedem Land haben die lokal oder von der ganzen Kirche verehrten Heiligen stets den Glauben der Gläubigen unterstützt und tun dies noch immer; sie sind ihnen ein Beispiel des Lebens und darüber hinaus brüderliche Fürsprecher.”

Filippo Santoro, Erzbischof von Taranto (Italien), ging besonders auf die sozialen Erfordernisse seiner Diözese ein, wo eine besondere Problematik von Umweltverschmutzung und deren Folgen für die Bevölkerung und drohender Arbeitslosigkeit existiere. “Jesus hat sich der Not angenommen, er hat sich auf die Seite der Armen, der Sünder, der Ausgestossenen gestellt. Er hat sie geliebt, und damit hat er das Antlitz des Vaters offenbart.“ So zu handeln sei die Aufgabe der Neuevangelisierung, betonte der Erzbischof, der “nach 27 Jahren Mission und Dienst für die Kirche in Brasilien nach Italien in eine Diözese alter Evangelisierung zurückgekehrt sei, in ein Umfeld weit verbreiteter und deutlich spürbarer Volksfrömmigkeit, wo der Glaube stark von der Säkularisierung herausgefordert wird.”

“Wir haben eine solidarische Präsenz und eine konkrete Unterstützung denen angeboten, die von den entsetzlichen Auswirkungen einer Zeit der Rezession der Weltwirtschaft betroffen sind. Wir bieten keine Lösungen an, sondern Nähe im Bewusstsein des Sendungsauftrags, Pilger zu sein neben denen, die leiden, um den Dialog und das Gemeinwohl herzustellen.”

Die unersetzliche Aufgabe der Bischöfe im Bereich der Neuevangelisierung und der spirituellen Wüste, in der sich der heutige Mensch befinde, hob der kolumbianische Bischof, Julio Hernando García Peláez, Bischof von Istmina – Tadó, hervor:  “Auch wenn die Kirche für die Weitergabe des Glaubens verantwortlich ist, so sind es doch die Bischöfe, die zuständig dafür sind, dass sie auf eine neue Art und Weise erfolgt. Der Bischof kann nicht auf die Ausübung seines Charismas verzichten, das ihn als Evangelisierer verpflichtet. Er wird unterstützt vom Heiligen Geist, damit er neue Methoden für die Weitergabe des Glaubens fördert, vorschlägt und schafft, in dieser spirituellen Wüste, in der sich die Menschheit heute befindet.”

Die Bischöfe seien die hauptverantwortlichen Evangelisierer. Wenn die Bischöfe diese apostolische Verantwortung aus innerster Überzeugung voll übernähmen, komme es zu einer radikalen Veränderung, zu einer echten pastoralen Bekehrung in der Teilkirche.

Auf ein Aufgreifen der Volksfrömmigkeit zur Glaubensvertiefung legte der Erzbischof von León, José Guadalupe Martín Rábago, Mexiko, den Schwerpunkt in seinem Redebeitrag und stellte eine sehr erfolgreiche Initiative vor:

“Im lateinamerikanischen Lehramt gibt es häufige Verweise auf den pastoralen Wert der Volksfrömmigkeit. Wir erkennen an, dass die Evangelisierung und die Läuterung der Volksfrömmigkeit Herausforderungen darstellen, die mit pastoraler Kreativität angegangen werden müssen, da die Volksfrömmigkeit, wenn sie dem reinen Sentimentalismus und der Folklore überlassen bleibt, die Schaffung einer Kultur verhindert, die wirklich evangelisierend ist und die Strukturen der Sünde verwandelt: soziale Ungleichheit, Gewalt, Ungerechtigkeit und andere Phänomene, die die Würde der Person verletzen und das brüderliche Zusammenleben gefährden.

Ich möchte Ihnen hier eine Initiative vorstellen, die anderen vielleicht als Inspiration dienen kann: Die mexikanische Diözese Querétaro organisiert jedes Jahr eine Pilgerfahrt zur Basilika Unserer Lieben Frau von Guadalupe. Und das nun schon zum 122. Mal. Die Zahl der Pilger beläuft sich auf ca. 40.000, und sie sind in Gruppen eingeteilt, die von Priestern, Seminaristen und Laien geleitet werden. Während dieser Wallfahrt, die 17 Tage dauert, feiern die Priester jeden Tag die Eucharistie und spenden das Busssakrament. Die Früchte sind wunderbar: Der eucharistische Kult wird durch die Heilige Stunde intensiviert, die jeden Tag abgehalten wird. Und die in den Diözesen und in den Pfarreien organisierte und abgehaltene Pilgerfahrt ist zu einer Tradition geworden, die positive Veränderungen im Leben der Menschen bewirkt und ein grösseres Engagement in der planmässigen Pastoralarbeit fördert.”

Die Volksfrömmigkeit stand ebenso im Blickpunkt des Beitrags von José Octavio Ruiz Arenas, Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung (Vatikan). Damit die Volksfrömmigkeit im Kontext unserer Zeit zu einem wahren Instrument der Verkündigung werden könne, müsse diese zuallererst als Gegenstand bzw. Schauplatz der Neuevangelisierung betrachtet werden, so dass der Glaube, den sie ausdrücken will, reif und authentisch werden könne. Dies könne man erstens dadurch erreichen, dass man die Frömmigkeitspraxis erleuchte, damit ihre Absichten sowohl im Hinblick auf ihre Bedeutung als auch auf ihre Hierarchie mit den Glaubenswahrheiten und den daraus folgenden moralischen Anforderungen übereinstimmten.

Zweitens erreiche man dies durch das entschiedene Handeln der Hirten, die diese Devotionsformen der Wahrheit gemäss begleiten sollten, auch um den Preis, auf einige Vorteile zu verzichten, die die Beibehaltung von einigen von ihnen einbringen könnte.

Drittens durch die Förderung des Verständnisses des Bandes, das im Christentum zwischen der Volksfrömmigkeit und dem Wesen der Liturgie bestehe. Im Hinblick auf diesen letzten Punkt seien die Kenntnis, Verkündigung und Meditation von Gottes Wort eine grosse Hilfe, denn durch sein Wort offenbare Gott sich selbst und teile sich mit und dadurch könnten die Getauften in einen wahren Dialog mit Ihm eintreten.

Auf die intensive Nutzung der Medien zur Evangelisierung und den Dialog zwischen den Religionen hat der Generalprior der Karmeliten der Seligen Jungfrau Maria Immakulata, P. Jose Panthaplamthottiyil C.M.I. (Indien) hingewiesen.

“Sehr ernsthafte Schritte sollten unternommen werden, um Massenmedien für die Evangelisierung zu nutzen, so dass die Stimme Gottes unter den vielen Stimmen der Welt gehört werden kann. Um Massenmedien wirksam zu nutzen, sollten personelle und materielle Investitionen auf internationalen, nationaler und lokaler Ebene gemacht werden mit direktem Bezug auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit dieser Sendung.”

Im Kontext der Neuevangelisierung müsste auch der Dialog zwischen den Religionen weiter gefördert werden, um die “lebensspendende Botschaft Jesu zu teilen, vor allem wegen des besorgniserregenden Anstiegs von Säkularismus und Atheismus, die eine grosse Bedrohung für alle Religionen sind”, so der Generalprior.

Ebenfalls auf den digitalen Bereich ging der Generalminister der Franziskaner Minderbrüder, P. Marco Tasca, O.F.M. Conv.,ein und bezog sich auf die Nummern 59 bis 62 des Instrumentum laboris, diejenigen der Kommunikation. Man müsse sich über die zahlreichen Möglichkeiten, die die neuen “Fronten” des Kommunikationsszenariums böten, freuen.

Im Instrumentum laboris beschränke man sich nicht darauf, die massive Verbreitung und die alles durchdringende Ubiquität der Medien zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch die Tatsache, dass man heutzutage in einer von den Massenmedien bestimmten Kultur lebe. Ein Grossteil der Menschen organisierten ihr Arbeitsleben, ihr Privatleben, ihre Freizeit und ihre Beziehungen mit Hilfe der Medien (z.B. Internet und Smartphone).

Die Medien stellten zweifellos eine grosse Chance dar. Der selige Johannes Paul II. schreibe: “In den Kommunikationsmitteln findet die Kirche eine wertvolle Hilfe für die Verbreitung des Evangeliums … Gerne bedient sie sich dieser Mittel, um Informationen über sich selbst zur Verfügung zu stellen und die Evangelisierung, die Katechese und die Bildung voranzutreiben und betrachtet diese Anwendung als eine Antwort auf das Gebot des Herrn: ‚Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen’ (Mk 16,15)” (Apostolisches Schreiben Die schnelle Entwicklung, 24. Januar 2005, Nr. 7).

Es gehe darum, zu entdecken, “dass es einen christlichen Stil der Präsenz auch in der digitalen Welt gibt” (Botschaft des Heiligen Vaters Benedikt XVI. zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, Wahrheit, Verkündigung und Authentizität des Lebens im digitalen Zeitalter, 5. Juni 2011), der sich heute in stets zunehmendem Masse als Vorschlag eines (auch digitalen) kohärenten und in seiner Gesamtheit einladenden Identitätsprofils darstelle.

Die neue Evangelisierung sei eine Frage der neuen Beziehungen, von denen aus es dann möglich sei, die explizite Verkündigung Jesu Christi als des einzigen und universalen Erlösers zu verbreiten. Wenn die Welt der Medien bereits per definitionem die Massen erreiche, dann sei die christliche Perspektive, die in diesem Kontext arbeiten müsse, diejenige, die dahinführe, dass der Mensch in seiner Einzigartigkeit, in seiner Eigenschaft als Empfänger der göttlichen Offenbarung begriffen werde.

Kardinal George Alencherry, Vorsitzender der Synode der syro-malabarischen Kirche (Indien), schloss sich der Auffassung an, die Kirche brauche vor allem überzeugte Missionare und Verkünder nach Vorbild der Heiligen. In den 50 Jahren nach dem Zweiten Vatikanum sei die Erneuerung der Kirche facettenreich und sehr fruchtbar gewesen. Gleichzeitig seien das Leben und der Dienst der Priester und der gottgeweihten Männer und Frauen eher funktional als geistlich und kirchlich geworden. Die heutige Ausbildung der Priester und Ordensleute scheine eher darauf abzuzielen, sie zu Funktionären für verschiedene Ämter in der Kirche zu machen als zu Missionaren, die von der Liebe zu Christus entflammt seien.

“Die Neuevangelisierung erfordert eine gründliche Erneuerung des Lebens der einzelnen Christen und eine Aufwertung der kirchlichen Strukturen, um sie zu stärken durch die Dynamik der Werte des Evangeliums: Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Eintracht.” Alle Traditionen, die sich zur Weitergabe des Glaubens in den Teilkirchen als erfolgreich erwiesen hätten, müssten von allen Seiten der Universalkirche immer mehr ermutigt und unterstützt werden. Mangelnde Weitsicht und fehlendes Verständnis für die Ekklesiologie der Gemeinschaft, wie sie vom Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten worden sei, hemmten das Potential der Evangelisierung und der Seelsorge vor allem der Orientalischen Kirchen.

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