Welternährung: „Fokus auf Menschenrechte statt Markt richten“
Bei der Frage der Welternährung spielen zunehmend Marktmechanismen und Technokratie eine Rolle, vom Fokus auf Gemeinwohl und Menschenrechte wird mehr und mehr Abstand genommen. Das beobachtet mit Sorge Shalmali Guttal, Leiterin der asiatischen Organisation „Focus on the Global South“. Sie sagt: „Wir müssen die Frage von Rechten aus dem Marktgeschehen herauslösen.“

Quelle
Anne Preckel – Vatikanstadt
Guttal ist als Expertin Mitglied der UN-Arbeitsgruppe für die Deklaration der Rechte der Bäuerinnen und Bauern und anderer Menschen im ländlichen Raum. Sie äußerte sich am Rande der noch bis diesen Freitag gehenden FAO-Konferenz (Konferenz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) zum Thema Ernährungssicherheit. Die Expertin hob hervor, dass sie bei der Frage der Ernährungssicherheit eine besorgniserregende Entwicklung wahrnehme.
Markt statt Menschenrechte
„Eine der größten Herausforderungen im Welternährungsausschuss der Vereinten Nationen (CFS) ist ein allgemeiner Rückzug vom Rahmenwerk und den Werten der Menschenrechte“, beobachtet die asiatische Expertin. „Das CFS sollte eigentlich ein zentraler, inklusiver politischer Raum für das Recht auf Nahrung und Ernährung sein. Doch anstatt den Vorrang und die zentrale Bedeutung der Menschenrechte für die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung zu bekräftigen, beobachten wir – sowohl im Plenum als auch bei den Verhandlungen zu den verschiedenen politischen Instrumenten des CFS – eine zunehmende Betonung von Marktmechanismen, der Rolle von Marktakteuren und Unternehmen sowie von technokratischen und technologischen Ansätzen.“
„eine zunehmende Betonung von Marktmechanismen, der Rolle von Marktakteuren und Unternehmen sowie von technokratischen und technologischen Ansätzen“
Dies geschehe „auf Kosten politischer Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen, die eigentlich auf Menschenrechten und den Ansprüchen der Menschen als Rechtsträger basieren sollten“, zeigt sich Shalmali Guttal besorgt. Die Leiterin des Thinktanks „Focus on the Global South“, der Büros in Bangkok, New Delhi und Manila unterhält, setzt sich in ihrer Arbeit für die Rechte von Kleinbauern und Gemeinschaften an natürlichen Ressourcen, die Demokratisierung der Ressourcenverwaltung sowie ökologische und soziale Gerechtigkeit ein.
Mittelmangel und ungute Abhängigkeiten
Eine weitere erhebliche Herausforderung im Welternährungsausschuss sei der Mangel an finanziellen Mitteln, berichtet Guttal weiter. Die Ressourcen schrumpften, was eine Beteiligung zivilgesellschaftlicher Vertreter und indigener Völker an den Entscheidungsprozessen erschwere. Überhaupt sei die Abhängigkeit des CFS von Finanzierungsquellen wie Unternehmen oder anderen Wirtschaftsakteuren ein zweischneidiges Schwert. Guttal sieht hier die Gefahr der Beeinflussung politischer Prozesse durch Wirtschaftslobbys.
„Daher ist es von Bedeutung, woher die Finanzierung stammt und an welche Bedingungen sie geknüpft ist. Ich hoffe, dass die Mitgliedstaaten diesem Aspekt große Aufmerksamkeit schenken werden.“
„Ich hoffe, dass die Mitgliedstaaten diesem Aspekt große Aufmerksamkeit schenken werden.“
Kleinbauern Fundament des globalen Ernährungssystem
Als Vorsitzende Berichterstatterin der UN-Arbeitsgruppe zu den Rechten von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten (UNDROP) möchte Guttal Regierungen, Organisationen, Unternehmen und auch glaubensbasierten Gruppen ins Gedächtnis rufen, dass vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern die Hauptakteure und Haupt-Innovatoren bei der Nahrungsmittelproduktion, der Nahrungsgarantie und Nahrungsqualität sind.
„Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind Innovatoren – sie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie sind die schöpferische Kraft hinter unseren Kulturen, unseren Ernährungssystemen, der Kleidung, die wir tragen.“
„Diese Rechtsträger bilden das Fundament des weltweiten Ernährungssystems“, betont Guttal. „Sie ermöglichen die Nahrungsmittelproduktion, indem sie die biologische Vielfalt, das Land und ihre Territorien schützen; sie schaffen Wissen, Saatgut und Tierrassen. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind Innovatoren – sie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie sind die schöpferische Kraft hinter unseren Kulturen, unseren Ernährungssystemen, der Kleidung, die wir tragen, und den Medikamenten, die wir aus unserer jeweiligen Heimat beziehen. Ohne die Innovationen und das Wissen, das die Rechteinhaber im Rahmen der UN-Erklärung über die Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten (UNDROP), in die Welt einbringen, wäre unsere Welt ein weitaus trostloserer, traurigerer, wütenderer und deprimierenderer Ort.“
Menschenrechtsverletzungen, Kriege, Umweltschäden
Doch trotz ihres unverzichtbaren Beitrages seien diese Akteure zahlreichen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, klagt Guttal an:
„Dazu gehören Kriege, Besatzung, Rassismus, Zwangsräumungen und Enteignungen. Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Wir beobachten eine massive Abwanderung junger Menschen aus ländlichen Regionen, da die agrarischen Wirtschaftssysteme ihnen keine Lebensgrundlage mehr bieten können; sie finden dort schlichtweg keine Zukunftsperspektive mehr.“
Eine der größten strukturellen Herausforderungen sei „die Konzentration von Konzernmacht“, fährt sie fort. „Durch ihre finanzielle und politische Stärke drängen Konzerne andere Akteure ab und kontrollieren die Märkte für Lebensmittel, Saatgut und Land. Sie eignen sich ganze Gebiete an. Sie kontrollieren die Technologie. Und sie sind in ihrer Macht und ihrem Einfluss weit über viele Regierungen und Mitgliedstaaten hinausgewachsen“, warnt die Aktivistin.
Ernährung von Macht der Konzerne abhängig?
„Wenn wir Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität fördern und für Millionen von Menschen weltweit Wirklichkeit werden lassen wollen, müssen wir der Macht von Konzernen entgegentreten“, ist Guttal überzeugt. „Wir müssen die Frage von Rechten aus dem Marktgeschehen herauslösen. Wir müssen unterbinden, wie Finanztechnologien und Finanzkonzerne Land sowie sämtliche produktiven Ressourcen und Kapazitäten derjenigen an sich reißen, denen diese Rechte zustehen.“
„Wir müssen die Frage von Rechten aus dem Marktgeschehen herauslösen.“
Außerdem gelte es unbedingt Kriege und Besatzungen zu beenden: „Denn diese Kriege und Besatzungen führen – mit ihren Waffen, Agrarchemikalien und industriellen Giftstoffen – zu einem Ökozid, zur Zerstörung ganzer Ökosysteme.“
Genau dort aber lebten die Menschen, deren Rechte in der UNDROP (UN-Erklärung über die Rechte von Kleinbauern und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten) verankert seien – jene Menschen, die den Großteil der weltweiten Nahrungsmittel produzieren und bereitstellen.
„Wenn ihre Lebensräume zerstört sind, wie sollen sie dann noch Nahrungsmittel erzeugen? Wie sollen sie die Welt ernähren? Wenn sie aufgrund von Bomben, Umweltzerstörung oder Gewalt fliehen müssen, werden ganze Gemeinschaften auseinandergerissen. Wie sollen sie jemals wieder zusammenfinden, um ihre Gemeinschaften, ihre Gesellschaften und die Wirtschaftssysteme, die sie so lange getragen haben, wiederaufzubauen?“
Papst Leo und Franziskus zum Thema Ernährungssicherheit
Papst Leo hatte in seiner Botschaft zum diesjährigen Welternährungstag zu einer neuen globalen Ernährungsordnung im Zeichen von Nachhaltigkeit und Gemeinwohl aufgerufen und dabei die bedeutsame Rolle von Kleinbäuerinnen und Landwirten betont. Der Zugang zu Nahrung und Wasser sei ein Menschenrecht, erinnerte der Papst. Für die Ernährungssicherheit müsse technologischer Fortschritt mit dem über Generationen gewachsenen Wissen verbunden werden. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und ihre Mitgliedstaaten rief Leo XIV. dazu auf, sich vorausschauend und umsichtig mit konkreten Lösungen zu befassen.
Papst Leos Vorgänger Franziskus hat in seiner Sozialenzyklika Laudato sì ausführlich den Zusammenhang von Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und Umweltschutz dargelegt und mehrfach auf die wichtige Rolle und Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie indigenen Völkern verwiesen, die eng verzahnt mit der Natur leben.
Who is who
Der Welternährungsausschuss der Vereinten Nationen („Committee on World Food Security“ – CFS) ist ein 1974 gegründetes, international und intergouvernemental ausgerichtetes Nebenorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom.
„Focus on the Global South“ wurde 1995 als kritische Antwort auf Neoliberalismus, Militarismus und eine von Konzernen vorangetriebene Globalisierung gegründet. Anliegen des Thinktanks sind es eigenen Angaben nach, „gerechte und gleichberechtigte Alternativen zu stärken“.
„Wir arbeiten in Solidarität mit dem Globalen Süden – jenem Großteil der Menschheit, der durch die Globalisierung an den Rand gedrängt und seiner Lebensgrundlagen beraubt wird. Wir sind davon überzeugt, dass ein fortschrittlicher gesellschaftlicher Wandel sowie die Solidarität mit dem Globalen Süden unerlässlich sind, um den Bedürfnissen und Bestrebungen unterdrückter Völker – insbesondere in Asien, Lateinamerika und Afrika – gerecht zu werden“, heißt es auf der Homepage der Organisation.
Mit Guttal sprach Helena Jeppesen-Spuhler vom Schweizer Hilfswerk Fastenaktion.
vatican news – pr, 23. Oktober 2026
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