Die ständige Angst
Der Diskurs in Kirche und Gesellschaft schwankt zwischen KI– und Klima-Panik. Doch nicht die Flucht in die Esoterik und Pseudo-Wissenschaften führt aus diesem Dilemma, sondern die Besinnung auf die Wurzeln christlicher Weltgestaltung

Quelle
Eschatologie
Viele kirchliche Diskussionen verlaufen oft anachronistisch. So werfen Kritiker der Kirche vor, sie mache den Menschen Angst und nutze diese Ängste, um Kontrolle auszuüben. Unter dem Begriff spiritueller Missbrauch werden Priester immer noch unter den Generalverdacht gestellt, Gläubige mit der Furcht vor dem Fegefeuer, göttlichen Strafen und der ewigen Verdammnis gefügsam machen zu wollen. Natürlich gibt es Fälle, bei denen Menschen, die zumeist ohnehin emotional fragil sind, in eine solche Abhängigkeit geraten, die von Seelsorgern ausgenutzt wird. Doch eine nüchterne Betrachtung der Gegenwart verortet diese Vorkommnisse vorwiegend als Randerscheinung.
Die Kirche hat in unserer heutigen Gesellschaft geringen Einfluss und eschatologische Fragen sind für die wenigsten Menschen – zumindest bewusst – ein Grund, schlaflose Nächte zu haben.
Anstatt sich ständig in die Täterrolle drücken zu lassen und in Fehlern herumzustochern, die Jahrzehnte zurückliegen, wäre es angebrachter, die Nöte und Sorgen der Menschen von heute ernst zu nehmen. Denn Ängste gehören nicht der Vergangenheit an, sondern sind äusserst präsent. Weder sind wir nun alles Stoiker geworden, die alle Geschehnisse mit einer grossen Gelassenheit hinnehmen, noch Hedonisten, die jeden Tag auskosten. Unser Zusammenleben offenbart eine zunehmende Kleinkariertheit und ein wachsendes Spiessertum. Anders als von den Anhängern einer säkularen Gesellschaft erhofft, ist unsere Gesellschaft, die sich ihres religiösen Erbes grösstenteils entledigt hat, von vielen Ängsten und Neurosen geprägt. Exemplarisch sind hier zwei Beispiele zu nennen: die Klimabewegung und die geradezu panische Angst vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz.
Im Mühlstein zwischen Klimapanik und künstlicher Intelligenz
Die lautstarken Vertreter der Klimabewegung glauben, dass unser Verhalten eine extreme Reaktion der Ökologie hervorruft und noch schlimmere Reaktionen zukünftig hervorrufen wird. Alle anderen, nicht menschlichen Faktoren, welche ebenfalls das Klima und die gesamte Flora und Fauna beeinflussen, werden dabei ignoriert. Viele Gegner – darunter auch konservative Katholiken – verfallen dem anderen Extrem, welches dem menschlichen Handeln keinerlei ökologische Relevanz zumisst. Einer Mystifizierung des freien Marktes zugeneigt, sind sie von der Illusion geblendet, jede wirtschaftliche Aktivität, sei sie auch noch so schädlich für die Umwelt, diene dem Wohl der Menschen. Die Apotheose des Kapitalismus ist jedoch nur ein kurzfristiges Betäubungsmittel, welches die Urangst des Menschen vor der Natur nicht langfristig zu bändigen vermag.
Anstatt ein Extrem mit einem anderen zu bekämpfen, wäre es sinnvoller, im Lichte der Heiligen Schrift und der katholischen Soziallehre das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu zu überdenken. Die Aufforderung Gottes in der Genesis, sich die Welt untertan zu machen, wurde in den letzten 500 Jahren sehr einseitig in Richtung einer durch Empirie und Kausalitätsdenken geprägten Beherrschung der Natur fehlinterpretiert. Dieser Versuch, die Welt zu entzaubern (Max Weber), muss jedoch angesichts der gegenwärtigen Diskussionen als gescheitert betrachtet werden. Auch wenn das menschliche Leben durch technische Errungenschaften von den unmittelbaren Einflüssen der Natur immer mehr abgeschirmt wurde, sind wir trotzdem völlig von ihr abhängig – so wie es unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren waren. Düngemittel, Pestizide, Heizungen, Antibiotika, stabile Häuser und die Prognostizierbarkeit des Wetters vermögen an dieser Tatsache nichts Grundsätzliches zu ändern. Dass die Klimadebatte dies in Erinnerung ruft, ist einer ihrer positiven Aspekte und wohl auch der Grund, weshalb sie so emotional geführt wird. Genauso wie der Versuch der Genderideologie, sich der eigenen Leiblichkeit zu entledigen, ins Absurde führt, so ist jedes Trachten nach einer absoluten Kontrollierbarkeit unserer natürlichen Lebensbedingungen im Vornherein zum Scheitern verurteilt und nicht in der Lage, uns die Furcht zu nehmen, die uns die Kräfte der Natur seit Anbeginn der Menschheit einflössen.
Die Umsetzung der Aufforderung Gottes, uns die Welt untertan zu machen, muss daher andere Pfade beschreiten als diejenigen, welchen wir seit 500 Jahren in einer zunehmenden Radikalität folgen. Jesus weist uns diesen Pfad im Evangelium, indem er uns aufruft, uns nicht von den täglichen Sorgen um das Materielle verunsichern und ängstigen zu lassen. Die Welt wird vergehen, die Worte Jesu nicht. Nicht die Kraft unserer Hände oder das Genie unseres Geistes macht uns zu Herrschern über die Natur, sondern unser Herz, welches Gott den ersten Platz einräumt. Durch eine solche Haltung, die ganz bestimmt auch den umweltschädigenden Konsumexzessen Einhalt gebietet, schwindet der Aberglaube und die Angst vor einer Natur, die danach trachtet, sich am Menschen zu rächen.
Eine Wissenschaft, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht
Die vorstehend getroffene Aussage, der Versuch der Entzauberung der Welt sei gescheitert, mag manche Leserinnen und Leser vor den Kopf stossen, da sie im scharfen Kontrast steht zu vielen Entdeckungen, die im Bereich der Physik, Chemie, Medizin und anderen Wissenschaften gemacht werden. Vielleicht schliesse ich hier voreilig von dem Fach, das ich studiert habe (Ökonomie), zu Unrecht auf alle anderen Wissenschaftsbereiche, obwohl es gute Gründe gibt, sie als allgemeingültig zu betrachten. Ich glaube nicht, dass man die Gesamtheit der ökonomischen Zusammenhänge heute besser versteht als vor 100 Jahren. Die Volkswirtschaftslehre ist in so vielen Einzeldisziplinen zersplittert, dass die Beschäftigung mit nationalökonomischen Fragen nicht mehr den Eindruck vermittelt, man könne dadurch Phänomene wie Inflation, Arbeitslosigkeit oder Wechselkurse entzaubern. Das ohnmächtige Schweigen der Ökonomen zu der stetig steigenden Staatsverschuldung vieler Länder oder die Ahnungslosigkeit, ob Zölle doch ein probates Mittel sind, die Wohlfahrt des eigenen Landes zu fördern, zeugen von der Ratlosigkeit angesichts der globalen Probleme. Nun wage ich zu behaupten, dass es in anderen Disziplinen sehr ähnlich aussieht, da die Zersplitterung alle Wissenschaftszweige ergriffen und in eine Sackgasse geführt hat. Die Physik beispielsweise hatte früher grossen Einfluss auf das Weltbild einer Gesellschaft, da die Beschaffenheit der Materie und die Stellung der Erde im Universum von grossem Interesse für die Menschen und ihre philosophischen Anschauungen waren. Was die Materie im Innersten zusammenhält, ob das Universum einen Anfang hat und welche Abhängigkeit zwischen Zeit und Raum besteht, waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Themen, die den Menschen glauben machten, damit den Welträtseln auf die Spur zu kommen. Doch wer heute ein Physikbuch zur Hand nimmt, hat am Ende der Lektüre nicht das Gefühl, der Entschlüsselung der Geheimnisse des Universums nähergekommen zu sein, sondern in eine Welt voller empirischer Einzelerkenntnisse und mathematischer Spielereien zu treten, welche die Leserschaft mit mehr Fragen zurücklassen, als sie anfänglich hatte.
Esoterisch-Pseudowissenschaftliche Theorien füllen das Sinnvakuum
Dieses Urteil bedeutet natürlich nicht, dass die Wissenschaft Rückschritte gemacht hätte gegenüber früheren Zeiten, sondern nur, dass sie den Menschen nicht die Fähigkeit zu vermitteln vermag, das unüberschaubare Einzelwissen, welches angesammelt wird, zu einem kohärenten und für den Wissensdurst des Individuums befriedigenden Ganzen zu verbinden zu können. Einige, die über die nötige Demut verfügen, werden diese Tatsache als Bestätigung für Sokrates’ Diktum betrachten, wonach das zunehmende Wissen zu einem zunehmenden Gefühl der Wissenslosigkeit führt. Beim Grossteil der Menschen führt dieses Vakuum an ganzheitlichen Theorien jedoch zu einer gewissen Apathie, die sich entweder in Angst niederschlägt, sobald die Welt irgendwie aus den Fugen gerät (Corona, Krieg usw), oder die man zu überwinden versucht, indem man sein Heil in pseudowissenschaftlichen Theorien mit esoterischer Schlagseite zu finden hofft. Diese Tendenz wird massiv durch den Umstand befördert, dass die neue Verzauberung der Welt nicht nur auf theoretischem Gebiet stattfindet, sondern durch die Technik unseren Alltag beherrscht. Wir benutzen tagtäglich etliche Dinge, deren Funktionsweise wir nicht verstehen. Der Durchschnittsbürger fährt ein Auto, fliegt in die Ferien und telefoniert mit dem Handy, ohne ein genaues Verständnis für das Wesen dieser Geräte und Maschinen zu haben.
Einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung stellt die sogenannte künstliche Intelligenz dar. Während zumindest jeder Autohersteller und jeder Handyproduzent genau erklären kann, wie seine Produkte funktionieren, verkünden die CEOs von Tech-Unternehmen stolz, dass auch sie nicht genau wissen, was im Innersten ihrer KI-Rechner vonstattengeht. Man stelle sich Denis Papin vor, der bei der Vorstellung der Dampfmaschine eine solche Aussage getätigt hätte, oder Carl Benz, der seinen Kunden mitteilt, er wisse nicht genau, wie sein Auto angetrieben werde. Natürlich wissen auch die Entwickler der KI genau, wie ihre auf Algorithmen basierenden Systeme funktionieren, aber die Tatsache, dass die Zurschaustellung von Unwissenheit eine breite gesellschaftliche Akzeptanz findet, die man werbewirksam einsetzen kann, offenbart den geistigen Zustand unserer Gesellschaft, die sich der vermeintlichen Magie der KI ergeben hat, ohne dabei noch den faustischen Anspruch zu haben, «zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält». Viele Menschen delegieren ihre Meinungsbildung, ja sogar ihre Entscheidungen bis hin zu ihrer Kommunikation an Applikationen, die sie weder verstehen noch von denen sie erwarten, dass ihre Entwickler sie ihnen erklären können. Dass neben der oberflächlichen Euphorie, die diesen Hype begleitet, in der Tiefe eine Welle der Angst losgetreten wird, erstaunt daher nicht. Wie bei der Klimadebatte werden der toten Materie Züge attestiert, die von Gefühlen wie Empathie und Liebe bis hin zum totalen Willen zur Macht reichen, der die Menschheit als Konkurrenz zur Maschine ausrotten möchte. Die Tech-Unternehmen fördern natürlich diese geistige Überhöhung, da man mit den Hoffnungen und vor allem auch mit den Ängsten der Menschen sehr viel Geld verdienen kann. Auch hier lässt sich diese Angst nicht durch Extreme überwinden, die der Informatik entweder völlig ablehnend oder frenetisch bejubelnd gegenüberstehen, sondern durch eine katholische Schöpfungstheologie, die in der Überzeugung wurzelt, dass der Mensch mit seiner Kombination von Leib und Seele nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, befähigt, sein Handeln gewissenhaft zu reflektieren und nach Wegen zu suchen, das grösste Ziel, die Glückseligkeit, zu erreichen.
Gott, der Befreier
Ein kleines Hirtenvolk, umringt von grossen Zivilisationen, welche Sonne und Mond verehrten, hat der Menschheit eine Schöpfungsgeschichte geschenkt, welche alle Naturerscheinungen zum Werk eines Schöpfers erklärt und den Menschen sogar zum Herrn aller von Gott geschaffenen Dinge beruft, zu denen er Sorge zu tragen hat. Dies stellt damals wie heute eine Provokation dar, welche dem Denken des Esoterikers, des philosophischen Naturalisten und des Silicon Valley konträr gegenübersteht. Aus diesem Weltbild ertönt im Alten und im Neuen Testament immer wieder die Aufforderung: «Fürchte dich nicht.»
Aus diesem Weltbild konnte eine Kultur entstehen, welche die ständige Angst überwand und furchtlos das Schöne, Wahre und Gute suchte, die wir bis heute in der Architektur, Kunst, Musik und Literatur der früheren Jahrhunderte bewundern. Eine Kirche, die nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und masochistisch über den tatsächlichen oder vermeintlichen Fehler der Vergangenheit brütet, dabei jedoch den Menschen die wichtige Botschaft vorenthält, dass Gott uns von jeglicher Angst befreien möchte, verfehlt ihr Ziel.
Daniel Ric


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