Zeit für eine Tempelreinigung

Es ging dem Papst um die Glaubwürdigkeit einer Ortskirche

Prof. Ockenfels über Weltbildskandal: Kirche kann doch nicht “etwas fordern, was sie durch ihre eigene Geschäftspraxis entwertet” – Dialogprozess

Rom – Trier, kath.net/VaticanMagazin, 16. Dezember 2011 

Der “Fall Weltbild” hat es klar gemacht: Hin und wieder muss man Stricke nehmen und die Händler aus dem Tempel treiben. Vor einem Jahr sprach Papst Benedikt vom Knüppel, den der Hirt in die Hand nehmen müsse, um die Wölfe zu vertreiben. Das war in der Zeit des Missbrauchsskandals. Dann kam er nach Deutschland und sprach von der “Entweltlichung” der Kirche. Der Augsburger Verlags-Konzern der deutschen Bischöfe hat dann deutlich gemacht, was der Papst sicherlich auch damit meinte. “Das Schreien der Lämmer” war uns vor Monaten eine Titelgeschichte wert. Vielen Gläubigen tut es einfach nur noch weh, dass sich ein anscheinend führungsloser Kirchenapparat samt seiner wohl dotierten Theologenzunft immer mehr der Welt anpasst.

Damit der Tempel wieder zu einem Heiligtum wird, in dem man Gott die Ehre geben kann, braucht es hin und wieder den Zorn Jesu Christi, der das Haus seines Vaters reinigen musste. Brauchen wir noch Bischöfe, Pater Ockenfels? Schliesslich verfügt die Kirche in Deutschland über einen stattlichen Apparat. Anonyme Gremien leiten Kirchensteuergelder in Kanäle, die mit dem Evangelium nichts mehr zu tun haben. Siehe Weltbild-Konzern. Fragen an einen katholischen Sozialethiker, dem der Flirt der Amtskirche mit dem Zeitgeist viel zu weit gegangen ist.

Vatican-Magazin: Zur Einstimmung: Können Sie nochmals wiedergeben, was Ihnen bei der Freiburger Konzerthaus-Rede von Benedikt XVI. eingefallen ist, als er von der in der Kirche seiner Heimat nötigen “Entweltlichung” sprach?

Prof. Ockenfels: Es ging dem Papst um die Glaubwürdigkeit einer Ortskirche, die allzu stark in weltliche Dinge verstrickt ist. Es geht um die Freiheit einer Kirche, die sich allzu sehr hat einbinden lassen in politische, wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeiten. Wo diese Abhängigkeiten dem Verkündigungsauftrag im Wege stehen, müssen sie aufgelöst werden.

Das bedeutet “Entweltlichung”. Ob dazu auch der Abschied vom deutschen Kirchensteuersystem gehört? Wer nicht zahlen will, wird exkommuniziert? Die glaubwürdige Lebens-und Wirkungsform der Kirche darf nicht von ihrem öffentlich-rechtlichen Status oder anderen Privilegien abhängen.

Das wäre ein unangenehmes, aber notwendiges Thema für einen “Dialog”, der ja auch sonst nichts tabuisiert.

Vatican-Magazin: Kurz nach dem Papst-Besuch, zur Frankfurter Buchmesse, ging es dann wieder einmal durch die Medien, dass der Weltbild-Konzern, der zu hundert Prozent den deutschen Bischöfen gehört, selber und über Beteiligungen (etwa zu fünfzig Prozent bei Droemer&Knaur) an der Produktion und dem Vertrieb von Literatur mitwirkt, die im Gegensatz zur katholischen Lehre steht (Esoterik, fernöstliche Religionen, Satanismus, Erotik/Pornografie). Jetzt wollen sich die Bischöfe von diesem Konzern trennen. Ist das nicht ein Paradebeispiel dafür, was “Entweltlichung” in der Kirche Deutschlands bedeuten könnte?

Ockenfels: Das Weltbild der katholischen Kirche hat nichts mit dem gleichnamigen Konzern zu tun. Der Kontrast zwischen dem religiös-moralischen Anspruch und der heruntergekommenen Wirklichkeit, die der Weltbild-Verlag abbildet, ist schizophren und empörend. Die Kirche kann doch nicht in ihrer Verkündigung etwas fordern, was sie durch ihre eigene Geschäftspraxis entwertet. Man kann doch nicht auf der Kanzel Rechtgläubigkeit und Moral einfordern, wenn gleichzeitig ein kircheneigener Verlag Häresie und Demoralisierung propagiert. Mit Sex und Aberglauben lässt sich viel Geld verdienen. Das ist zwar modern, aber katholisch ist das nicht.

Vatican-Magazin: Haben die Verantwortlichen der Kirche ihrer Meinung nach entschlossen genug auf diesen Skandal reagiert?

Ockenfels: Hier waren über lange Zeit Schlafmützen am Werk. Nur der Kölner Erzbischof und der Bischof von Mainz hatten sich schon vor einigen Jahren von “Weltbild” verabschiedet. Die Deutsche Bischofskonferenz brauchte etwas länger.

Allzu ängstlich oder diplomatisch, wie sie sind, delegieren Bischöfe wichtige Entscheidungen an anonyme Gremien, die ihre eigenen Interessen verfolgen, aber keine Verantwortung übernehmen.

Schliesslich bleibt die Verantwortung kirchenrechtlich doch an den Bischöfen hängen. Die können sich nicht damit herausreden, nichts gewusst zu haben. Sie hätten sich ja mal im Internet über die seltsamen Angebote von “Weltbild” erkundigen können. Da kann man nur Lenin zitieren: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Als Anfang dieses Jahres das so genannte Theologen-Memorandum bekannt wurde, hatte man ebenfalls das Gefühl, dass ein Grundzug der in diesem Text enthaltenen Forderungen darin besteht, sich der Welt von heute mit ihren nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, den Geschiedenen, den konfessionsverschiedenen Ehen, den Frauen-Quoten und dem Beharren auf Mitsprache anzupassen.

Vatican-Magazin: Sind auch unsere theologischen Lehrer und Lehrerinnen zu weltlich geworden?

Ockenfels: Das Memorandum hat ja nur phrasenhaft wiederholt, was seit einigen Jahrzehnten in den progressiven Teilen unserer akademischen Theologie gang und gäbe ist. Dies alles läuft auf eine völlig einseitige und säkularisierende Interpretation des Zweiten Vatikanum hinaus.

Die Selbstverweltlichung der Kirche in den deutschsprachigen Ländern hat hier ihren Ausgang genommen. In diesen akademischen Kreisen gilt es schon fast als Häresie, gewisse Konzilstexte im Wortlaut zu zitieren oder sie im Sinne der klassischen Theologie zu deuten.

Die “Zeichen der Zeit” werden nicht mehr vom Evangelium, sondern von irgendeinem ominösen Zeitgeist her gedeutet. Sehr fahrlässig war es, Leuten die “missio canonica” zu erteilen, die den Heiligen Geist mit dem flüchtigen Zeitgeist verwechseln. Und was die Frauen-Quote betrifft, so haben die Frauen inzwischen ein Übergewicht im kirchlichen Dienst errungen, jedenfalls in den Bereichen Erziehung, Bildung und Caritas. Die Rede von der männerdominierten Kirche ist ein Phantasieprodukt des Feminismus.

Die wenigen Kleriker üben doch keine Macht aus, sondern einen schweren, oft undankbaren Dienst.

Vatican-Magazin: Es ist nichts dagegen zu sagen, dass die katholische Kirche in Deutschland Verlage besitzt. Dass ihre Theologen in gut ausgestatteten Fakultäten lehren. Dass die Kirchensteuer eine sichere Einnahmequelle darstellt. Muss man aber nicht, um den Geist des Evangeliums zu wahren, hin und wieder den Geist vor das Materielle stellen, sozusagen eine Tempelreinigung vornehmen?

Ockenfels: Da bin ich etwas anderer Meinung. Es ist ja gerade die Frage, ob profitorientierte Verlage, staatlich-theologische Fakultäten und das deutsche Kirchensteuersystem dem universalkirchlichen Programm entsprechen oder nicht.

Wer in diesen Fragen den Geist des Evangeliums beschwört, könnte zu gefährlich radikalen Forderungen kommen. Aber nur wenige haben den reformatorischen Impetus einer Tempelreinigung.

Früher waren es kirchliche Orden, die die “ecclesia semper reformanda” im Sinne der Reinigung betrieben. Heute wird das Wächteramt nicht selten von frommen Laienbewegungen wahrgenommen, die dem höheren Klerus das Fürchten lehren. Aber ein neuer Savonarola ist nicht in Sicht.

Vatican-Magazin: Wie können die Repräsentanten der Kirche den Geist der evangelischen Armut überzeugend leben? Müssen Sie mit dem Fahrrad zur Arbeitsstelle fahren?

Ockenfels: Nicht gerade mit dem Fahrrad, in unseren Breiten tut es auch ein VW-Golf. Hauptsache, man tritt nicht so herrschaftlich auf und markiert den “dicken Wilhelm”.

Im Übrigen wird man die evangelische Armut nach den jeweiligen Bedingungen relativieren müssen. Es gibt auch eine Armut, die entwürdigend ist, die abhängig, neidisch und gierig macht. Der Sinn der christlichen freiwilligen Armut besteht darin, unabhängiger zu werden von materiellen Sicherheiten. Um damit zugleich den unfreiwillig Armen beistehen zu können.

Vatican-Magazin: Braucht nicht die gesamte Welt des kapitalistischen Westens eine Art “Tempelreinigung”? Stehen wir kurz vor dem Kollaps eines wirtschaftlichen und finanziellen Systems, das den Mammon zum Götzen gemacht hat?

Ockenfels: Mit dem westlichen Finanzkapitalismus hat sich die Soziallehre der Kirche nie abfinden können. Sie hat schon in der Enzyklika “Quadragesimo anno” von 1931, also auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise, vor einem ungezügelten Kapitalismus gewarnt.

Daraus haben wir in Deutschland die Konsequenz einer geordneten “sozialen Marktwirtschaft” gezogen, die von den meisten katholischen Sozialethikern akzeptiert wurde. Joseph Höffner wies schon früh darauf hin, dass die Schuldenmacherei sehr wohl etwas mit moralischer Schuld zu tun hat.

Leider hat man die warnenden Stimmen gegen die Verabsolutierung des Kapitals überhört und die Tugend des Masshaltens missachtet. Nach Karl Kraus gibt es Leute, die erst dann hören, wenn man ihnen die Ohren abgeschnitten hat.

Vatican-Magazin: Muss die Kirche im Gegensatz zur säkularen Welt eine “Parallelgesellschaft” darstellen? Wäre das Wort “Parallelgesellschaft” das richtige, um das Andere der christlichen Lebensordnung zum Ausdruck zu bringen?

Ockenfels: Der Ausdruck “Parallelgesellschaft” ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Wir leben in den westlichen Gesellschaften ohnehin in einer Sphäre der Pluralität, in einer Phase der Zerfaserung. Hier kann sich jeder unverbindlich seinen eigenen Lebensstil aussuchen.

Es fehlt freilich an Verbindlichkeiten. Wir brauchen ein neues katholisches Milieu, das sich nicht nur von anderen abgrenzt, sondern auch als “Sauerteig” auf die übrige Gesellschaft einwirkt.

Die Kirche kann sich nicht dazu hergeben, die angeblich “normative Kraft des Faktischen” auch noch religiös zu bestätigen. Vielmehr gilt es, die jeweils herrschende Legalität mit der naturrechtlichen Frage der Legitimität zu konfrontieren: Sind die geltenden Gesetze auch gerecht?

Vatican-Magazin: Zurück zur Kirche in Deutschland: Erkennen Sie in dem in Mannheim begonnenen Dialogprozess bis 2015 Ansätze, die eine Rückbesinnung auf das Evangelium und den Kern der christlichen Botschaft erwarten lassen?

Ockenfels: Nichts Neues erwarte ich mir von diesem innerkirchlichen “Dialogprozess”, der übrigens von Papst Benedikt bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch mit keinem Wort erwähnt wurde.

Seit einem halben Jahrhundert drehen wir uns dialogisch um immer dieselben Themen. Eine abwärts gerichtete Spiralbewegung, die jedenfalls nicht zur Festigung, sondern eher zur Frustration des Glaubens beiträgt.

Beten und Beichten, Wallfahrten und Werke der Barmherzigkeit sind die besseren Formen christlicher Praxis.

Vatican-Magazin: Ist der deutsche Gremienkatholizismus heute noch zeitgemäss? Papst Benedikt und vor allem sein Vorgänger setzen und setzten sehr auf geistliche Bewegungen, missionarische Orden und zum Teil neuere Gemeinschaften in der Kirche. In Deutschland zählen Verbände und Räte. Spiegeln sie wirklich die Lebenswirklichkeit der Kirche wider?

Ockenfels: Sie repräsentieren hierzulande tatsächlich den beklagenswerten Niedergang des kirchlichen Lebens. Einst waren die katholischen Verbände bedeutende Stützen der Kirche, heute müssen sie von ihr gestützt werden. Wirkmächtig waren sie in Politik und Gesellschaft, heute spielen sie im öffentlichen Leben kaum mehr eine Rolle. Politisch haben sie nichts mehr zu sagen. Diesen Bedeutungsmangel versucht man nun durch kirchliche Reizthemen zu kompensieren.

Die innerkirchliche Oppositionsrolle verspricht wenigstens noch einen massenmedialen Unterhaltungswert, sie garantiert Aufmerksamkeit.

Dabei sind viele Sozial- und Jugendverbände derart ausgemergelt, dass sie nur noch vom Gnadenbrot der Kirchensteuer leben. Fallen diese Subventionen einmal weg, brechen viele Verbände, Gremien und Räte in sich zusammen. Und mit ihnen auch ein selbstherrliches Zentralkomitee.

Vatican-Magazin: Also auch ein Fall für die “Tempelreinigung”?

Ockenfels: Wer soll denn diesen Reinigungsdienst übernehmen? Manche Dinge erledigen sich von selber.

Im Übrigen darf man doch wohl noch auf die Selbstreinigungskräfte der Gläubigen hoffen. Und vor allem darauf, dass sie ihren geistlichen Bewegungscharakter mobilisieren können, besonders in Zeiten der Not.

Vatican-Magazin: Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist ein mächtiger Apparat geworden. Es überwacht die Arbeit der Kommissionen der Konferenz, die die gemeinsamen Aufgaben der deutschen Bistümer koordinieren. Tritt da die Figur des einzelnen Bischofs als verantwortlicher Hirte seiner Diözese nicht in den Hintergrund?

Ockenfels: Das ist doch wohl eine rhetorische Frage. Die anonyme Kirchenleitung verdrängt Bischöfe, die mit ihrem guten Namen für eine Sache eintreten und ihre Entscheidungen verantworten.

Die Kirche in Deutschland hat ein gewaltiges Führungsproblem.

So wundert es nicht, dass in Zeiten der Vakanz die Frage aufkommt: Brauchen wir überhaupt noch einen Bischof? Wir haben doch einen stattlichen Apparat, der für das reibungslose Funktionieren sorgt. Kommission statt Mission.

Vatican-Magazin: Und der “Verband der Diözesen in Deutschland” (VDD) ist die millionenschwere Kriegskasse des Sekretariats in der Bonner Kaiserstrasse. Geschäftsführer des VDD ist der Sekretär der DBK. Diese Machtkonzentration ist dem Kirchenrecht völlig unbekannt. Auch ein Fall für die “Tempelreinigung”?

Ockenfels: Im letzten Jahr hat ein Jesuit den Missbrauchsskandal ins Rollen gebracht. Vielleicht könnte jetzt ein anderer Jesuit den Weltbildskandal beenden, indem er die Verantwortung übernimmt und zurücktritt.

Vatican-Magazin: Sollte nicht besser statt des Sekretariats ein aus Bischöfen bestehendes Präsidium die Arbeiten der Bischofskonferenz koordinieren? Um die Rolle der Bischöfe wieder zu stärken…

Ockenfels: Schon wieder ein neues Gremium? Bischöfe sollten ihre Diözese führen, als Hirten vorangehen und weniger in Gremien herumhocken.

Und Sekretäre sollten sich nicht als Chefs aufspielen, sondern in Demut ihren Dienst verrichten.

Vatican-Magazin: Was wünschen Sie der Kirche in Deutschland für das Jahr des Glaubens 2012/2013?

Ockenfels: Mehr gläubige Gelassenheit, Gottvertrauen und Zuversicht.

Der Dominikanerpater Professor Wolfgang Ockenfels hat den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier inne. Ockenfels ist unter anderem Chefredakteur der Zeitschrift “Die Neue Ordnung”, Consultor des “Päpstlichen Rates Iustitia et Pax” in Rom und Kuratoriumsmitglied des Forums Deutscher Katholiken.

Quelle
VaticanMagazin
Zeit für eine Tempelreinigung
DasSchreien der Lämmer
QuadragesimoAnno

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