Unser Sonntag: Heilige – Geschenke des Himmels


Allerheiligen erinnert an die großen und die ganz unbekannten Heiligen, erläutert Pfarrer Kurt Josef Wecker, an Menschen, durch die Gottes Licht in unsere Welt fällt. Sie sind keine perfekten Helden, sondern Gottes „Meisterwerke“ und vielleicht sogar mitten unter uns. Ein Fest, das uns auch fragt: Könnte ich selbst einmal heilig werden?

Quelle
Unser Sonntag im November mit Kurt Josef Wecker – Vatican News

Pfarrer Kurt Josef Wecker, Nideggen

Allerheiligen 2026 

31. Sonntag im Jahreskreis, A

Leben Sie mit einem Heiligen auf Du und Du? Können Sie mit Heiligen etwas anfangen? Mit Menschen, durch die hindurch eine andere Welt schimmert, mit Gottes Influencern, die Sie tief beeindrucken? Mit Menschen, die mich aus meiner Gottvergessenheit reißen und die ein bisschen mehr den Übermut des Glaubens wagten und lebten als unsereins?

Oder will ich mit Heilligen und anderen Exoten und Heroen des Himmels in Ruhe gelassen werden? Ich ahne, wenn ich mich auf solche von Gott gepackten Menschen einließe, brächten sie Unruhe in mein Leben. Sie erinnern mich an das, was mir womöglich fehlt, an meine größeren und ungenutzten Möglichkeiten. Und sie wollen mich anstecken mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Sehnsucht nach dem Himmel und nach Gottes Herrlichkeit.

„Ich habe es mir in meinem Christentum bescheidener eingerichtet“

Sie nötigen mich zum Eingeständnis: Ich habe es mir in meinem Christentum bescheidener eingerichtet. Nur nichts übertreiben! Jugendliche Begeisterung – das war gestern! Heute also werden wir auf Menschen aufmerksam gemacht, die nicht ihre Ruhe haben wollten. Und auf den heilig-heißen Gott, der unruhig macht. Ein Heiliger fällt nicht vom Himmel, ist auch nicht von der Wiege an oder von Natur aus heilig. Ja, wer hat einen Heiligen heilig gemacht? Die Kirche?

Gibt es eine Katholische „Heiligenfabrik“?

Gibt es eine Art katholische ‚Stiftung Warentest‘, wo sich besonders Qualifizierte nach einem aufwändigen ‚TÜV‘-Durchlauf Heilige nennen dürfen, quasi eine katholische „Heiligenfabrik“ (so nennen Römer augenzwinkernd die „Kongregation für das Heiligsprechungsverfahren“), die besonders fromme Exemplare der Gattung Mensch zur Ehre der Altäre hievt und heilige Instanzen schafft? Wie ist eine heilige Person zu dem geworden, der sie ist? Ein Heiliger ist ja kein spiritueller Gipfelstürmer.

Heilige als ‚Meisterwerk‘ Gottes

Ich kann mir einen Heiligen nur als ein ‚Meisterwerk‘ Gottes vorstellen. Und darum stimmt irgendwie auch die Behauptung, dass ein Heiliger vom Himmel fällt. Woher auch sonst ist eine solche Erscheinung erklärbar? Sonst wäre ein Heiliger ein Tugendprotz, ein spiritueller Muskelprotz oder ein besonders asketischer Moralapostel. Und solche Heiligen sind langweilig. Dazu gibt es ja noch die unangenehmen eingebildeten Personen, die wir die „Scheinheiligen“ nennen, Personen, bei denen irgendetwas nicht stimmt.

„Die Schar der Heiligen – eine seltsam bunte Gesellschaft Jesu“

Und doch gibt es sie ‚in echt‘. In Wahrheit: Heilige, deren gutes Verhältnis zum heiligen Gott auch auf sie selbst abgefärbt ist. Menschen, die eines Tages spürten: Wir haben gar keine andere Wahl, als vor, bei und mit Gott zu leben. Die Schar der Heiligen – eine seltsam bunte Gesellschaft Jesu, manchmal fast bizarr, abgehoben und verrückt, keine abgehobene Elite, sondern ein buntes Mosaik derer, die sich als Gottesfreundinnen und Gottesfreunde begreifen und wie in einem Kaleidoskop das Gotteslicht brechen – als „Sterne, die im Dunkel des Egoismus leuchten“ (Papst Leo XIV. am 16. September 2026).

Den unbekannten Heiligen

Noch einmal: Sind Sie schon einmal einem Heiligen, einer Heiligen begegnet? Also einem oder einer aus dem Kreis derer, die wir heute feiern? Eine solche umwerfenden Begegnung mit einem Glaubenszeugen würde uns helfen, den heutigen Tag zu feiern. Ich meine eine Person, die keinen Heiligenschein vor sich hinträgt und von der etwas Unerklärliches ausgeht; ein Mensch, der Sie ergriffen, erschüttert, umgekrempelt hat, weil Sie ahnen: Dieser eine wurde angesteckt von der Flamme der Liebe. Eine Person, der ich gerne Gott abnehme. Jemand, der und die auf mich wirkt wie ein Gottesbeweis.

„Die Kapazität des Kirchengedächtnisses – und diese ‚Festplatte‘ ist beträchtlich! – ist überfordert, allen Menschen Heiligkeit zuzusprechen“

Es gibt sie in meinem Nahbereich, sie wurden von den ‚Heiligsprechungsfabriken‘ der Kirche übersehen. Ihnen wurde im Heiligenkalender kein Denkmal gesetzt. Die Kapazität des Kirchengedächtnisses – und diese ‚Festplatte‘ ist beträchtlich! – ist überfordert, allen Menschen Heiligkeit zuzusprechen, die selig, gottselig und heilig waren und sind. Heiligkeit reicht weit über die Kirchengrenzen und den Zirkel der Heiligen hinaus, die es ausdrücklich in den Club der ‚Communio sanctorum‘ geschafft haben. Manche fragen. Wie viele offizielle Heilige gibt es? Die einmal von mir aufgeschnappte Zahl ‚6000‘ dürfte längst überschritten sein.

Bitte nicht pedantisch zählen! 

Vielleicht sind es 144000 (vgl. Offb 7,4)? Egal! Zählen wir sie nicht pedantisch ab und gönnen wir die Heiligkeit vielen Geschöpfen! Sie dürfen nicht vergessen werden! Sie müssen doch ‚im Himmel‘ sein und für uns eintreten und das genießen, was wir mit ‚Seligkeit‘ umschreiben. Wissen wir, worin diese Seligkeit bestehen wird? Es muss eine unfassbar große Schar solcher Lichtgestalten geben.
Das Problem der kirchlichen Heiligsprechung ist ja: Sie selektiert notgedrungen. Sie wählt aus, sie übergeht, sie hat Vorlieben. Und sie vergisst – so wie in der Geschichtsschreibung die kleinen Helden des Alltags auf den Kehrichthaufen des Vergessens geraten. Mit solchem Auswahl-‚Heiligentum‘ verlieren wir Menschen aus dem Blick, die Gott genauso intensiv durchscheinen ließen wie die Prominenz im Heiligenhimmel.

Im Himmel gibt es nicht nur Prominenz

Ja, Kirche pickt heraus, und es bleiben nur die ‚Namhaften: Blutzeuginnen und Bekenner, Ordensgründer/ innen, Päpste, Bischöfe, Kirchenlehrer/innen … Oft sind die prominenten Heiligen Leute mit Rang und Namen, hofiert von einer Schar von Verehrern, die ein vitales Interesse an der Heiligsprechung hatten und haben. Auch unter der Prominenz des Heiligenkalenders sind Querköpfe mit etwas skurrilen Persönlichkeitsmerkmalen, mit Haken, Ösen und Rissen; ihr Leben wurde oft geglättet und geschönt von der Legende.

Das heilige Dazwischen

Noch einmal: Wo bleiben die anderen? Gott hat mehr Platz als unsere Kalender und das löchrige Gedächtnis der Kirche Der heilige Gott will nicht mit sich allein sein. Er duldet, dass es zwischen Ihm und uns etwas gibt, dieses „heilige Dazwischen“, diese ‚Zwischeninstanzen‘, die wir an diesem herbstlichen Osterfest Allerheiligen feiern. Und er duldet darum auch, – gewissermaßen augenzwinkernd -, dass diese Personen uns zuweilen von Ihm, dem heiligen Gott und der Quelle aller Heiligkeit, ein wenig ablenken. Er erlaubt, dass wir sie anrufen, statt uns sofort an Ihn zu wenden, dass wir nicht den direkten Draht zu ihm suchen, sondern schöne „Umwege“ gehen, wenn wir zu Gräbern, Bildern und Knochen der Heiligen pilgern.

Heilige sind „schöne Umwege“ zu Gott

Er weiß, dass wir während unserer Friedhofsgänge zu Allerseelen Ausschau halten nach heiligen Freundinnen und Freunden unter unseren Toten und uns zutiefst ein Wiedersehen mit ihnen wünschen, mit den in Gott Verewigten. In Gottes Heiligenhimmel gibt es kein Raumproblem und kein Vergessen und Auslöschen. Vor unseren Augen tauchen Gesichter auf, auf denen ein unerklärlicher Glanz liegt; keine großen Namen, keine überragenden Leistungen, auch keine ekstatische Frömmigkeit. Gesichter von Menschen aus unserem Nahbereich, die uns erschüttert und ‚beseligt‘ haben und vielleicht nur für einen einzigen Augenblick Gott ahnbar machten.

Sie haben sich „aufgeopfert“

Weggefährten auf Zeit, deren Lebenszeugnis uns tief beeindruckt hat. Sie konnten sich so radikal zurücknehmen oder – um das große Wort zu gebrauchen – haben sich ‚aufgeopfert‘ und ‚verzehrt‘ für dich und für mich. Herrlich selbstvergessene Existenzen, die nie im Scheinwerferlicht der kirchlichen Öffentlichkeit standen und kaum Beifall oder Dankesworte zu hören bekamen! Unauffällige Erscheinungen, die auch der Kirche mit all ihren Heiligsprechungsinstanzen nie auffielen. Gesichter, Personen, die uns heute helfen zu leben. Gott übergeht sie nicht.

„Sammelfeste‘, wo wir kühn den Kreis nicht zu eng ziehen und den Gott der Fülle preisen“

Diesen Gott, der heilig ist und heilig macht, bekunden wir Allerheiligen und Allerseelen, an diesen beiden ‚Sammelfesten‘, wo wir kühn den Kreis nicht zu eng ziehen und den Gott der Fülle preisen, den Gott, dessen Osterglanz ausstrahlt auf die, die auf seinen heiligen Ruf Resonanz gaben geben mit ihrem ganzen Leben. Es mag ja sein, dass es eine Heiligenhierarchie gibt, so wie wir Lieblingsheilige haben, auf die wir nichts kommen lassen. Die oberen Ränge der Weltgeschichte und der Kunst besetzen die Großen, die Unsterblichen, die Superstars; es gibt auch ein Ranking der Heiligen. Und doch: Allerheiligen fällt uns auf: Die Aufmerksamkeit ist ungerecht verteilt. Mit Bertold Brecht gesprochen: Die Einen stehen im Dunkeln, die andern im Licht, und die im Dunkeln sieht man nicht.

Heiligenhierarchie

Bevor die namhaften Novemberheiligen kommen, halten wir diese Stillen und Namenlosen ins Licht, die Unbedeutenden und Gesichtslosen, die Heiligen ohne Legende, ohne den Glanz der Unverwechselbarkeit, ohne Lobby und spektakuläre Wunder, ohne Reliquien und vielbesuchte Wallfahrtsorte oder prächtige Grabdenkmäler; Heilige, über die längst Gras gewachsen ist und über die die (Kirchen-)Geschichte hinweggegangen ist, wahre Goldstücke in der Masse des Menschengeschlechts, Nothelferinnen und Lebensretter am Rand meiner Lebensreise, sie müssen heute gefeiert werden.

„Wahre Goldstücke in der Masse des Menschengeschlechts, Nothelferinnen und Lebensretter am Rand meiner Lebensreise, sie müssen heute gefeiert werden.“

Weil wir ohne sie ärmer und unheiliger wären. Menschen, die Gott liebten ohne große Worte, die mit absichtsloser Güte Gutes taten, ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger. Es bedarf schon einer gesteigerten Aufmerksamkeit und eines Festes wie das des heutigen Tages, dass wir sie uns vorstellen: diese Heiligen meines Lebens. Sie leben jetzt beim heiligen Gott und setzen sich bei Ihm für uns ein. Sie winken uns zu und helfen uns, durchsichtiger und deutlicher als Christenmenschen zu leben und an den Ruf zur Heiligkeit zu glauben, der uns alle ereilt hat. Sie sind der schönste Gottesbeweis und retten die Kirche in ihrer Krise; sie geben uns Orientierung, wenn wir auf dem Holzweg sind und den Kompass des Glaubens verloren haben. Ohne Gott kann der Mensch nicht heilig werden und bleiben. Er sucht heute Mitliebende. Und vielleicht – vielleicht bin, ich es, der Gott fehlt in der bunten Schar seiner Heiligen? Werden später einmal Menschen an uns denken, wenn sie Allerheiligen und Allerseelen feiern?

Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski, 31. Oktober 2026

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