Was bleibt? Die Görres-Gesellschaft auf Spurensuche im Vatikan
Nur wenige Schritte vom Petersdom entfernt wird seit mehr als 140 Jahren Geschichte erforscht. Am Campo Santo Teutonico bewahrt das Römische Institut der Görres-Gesellschaft nicht nur das Wissen über vergangene Jahrhunderte, sondern bringt auch beinahe vergessene Geschichten ans Licht. Institutsdirektor Prof. Dr. Stefan Heid erklärt im Gespräch mit Vatican News, warum historische Forschung gerade heute unverzichtbar ist und was davon für kommende Generationen bleiben soll
Quelle
Was bleibt? Evangelisch in der Stadt der Päpste – Vatican News

Viola Olschewski – Vatikanstadt
Wer den Campo Santo Teutonico besucht, begegnet einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Hinter den Mauern des deutschsprachigen Friedhofs im Vatikan liegen nicht nur Gräber und jahrhundertealte Erinnerungen. Hier wird auch geforscht, gelesen und gefragt: Was wissen wir eigentlich über die Vergangenheit? Und was gerät in Vergessenheit, wenn niemand mehr nach ihr sucht?
Seit 1888 hat das Römische Institut der Görres-Gesellschaft hier seinen Sitz. Seine Wissenschaftler beschäftigen sich mit der Geschichte der Kirche, mit Kunst, Archäologie und Liturgie. Dabei geht es nicht allein darum, historische Ereignisse zu dokumentieren, sondern auch darum, Zusammenhänge zu verstehen und überlieferte Vorstellungen zu hinterfragen.
Als die Archive ihre Türen öffneten…
Die Geschichte des Instituts ist eng mit einer Entscheidung von Papst Leo XIII. verbunden. Im Jahr 1881 öffnete er die vatikanischen Archive für die historische Forschung. Für Wissenschaftler aus zahlreichen europäischen Ländern begann damit eine neue Zeit. „Die Öffnung der Vatikanarchive […] hat in der gesamten europäischen Wissenschaftswelt zu einer Goldgräberstimmung geführt“, erzählt Prof. Dr. Stefan Heid, Direktor des Römischen Instituts.
Historiker aus Frankreich, Deutschland und Österreich reisten nach Rom, um in den Dokumenten des Heiligen Stuhls Spuren ihrer eigenen Geschichte zu entdecken. Der Campo Santo Teutonico bot dafür einen idealen Standort: Nur wenige Gehminuten trennten die Forscher damals vom Eingang des Vatikanischen Archivs. Dort verbrachten sie ihre Vormittage damit, Handschriften zu entziffern und Dokumente abzuschreiben. Dahinter stand ein Gedanke, der die historische Forschung bis heute prägt: die Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren.
Heid verdeutlicht dieses Selbstverständnis mit einem Bild aus der griechischen Mythologie: Chronos, die Verkörperung der Zeit, verschlingt alles, auch die Zeugnisse der Vergangenheit. Papier zerfällt, Tinte verblasst und wertvolle historische Überlieferungen drohen unwiederbringlich verloren zu gehen. Dahinter stand die Vorstellung, dass auch die Erinnerung dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit unterworfen ist. Umso wichtiger erschien es, historische Handschriften und Dokumente zu sichern, bevor sie für immer verschwinden. Große Editionsprojekte, bei denen alte Quellen abgeschrieben, wissenschaftlich aufbereitet und veröffentlicht wurden, sollten dieses Wissen für kommende Generationen bewahren.
Wenn Forschung Vergessenes sichtbar macht
Wie bedeutsam diese Arbeit sein kann, zeigt ein Blick auf ein besonderes Kapitel in der Geschichte des Campo Santo Teutonico: den Zweiten Weltkrieg. Während der deutschen Besatzung Roms spielte der irische Priester Hugh O’Flaherty eine wichtige Rolle bei der Unterstützung und Rettung von Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden, darunter zahlreiche Juden.
„Das war wirklich für manche Neuland“, erinnert sich Heid an die Forschungen des Instituts zur Geschichte der beiden Weltkriege. Besonders die Bedeutung des Campo Santo für die damaligen Hilfsaktionen sei lange kaum bekannt gewesen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen habe dazu beigetragen, ein bislang wenig beachtetes Kapitel der Geschichte wieder ins Bewusstsein zu rücken.
Auch andere Forschungsarbeiten führen in Bereiche, die lange nur wenig Aufmerksamkeit erhielten. Dazu gehören Untersuchungen zum Ersten Weltkrieg und zum Spannungsverhältnis zwischen der Verbundenheit deutscher Katholiken mit dem Papst und ihrem nationalen Patriotismus. Hinzu kommen Arbeiten zur christlichen Archäologie, Kunst- und Liturgiegeschichte. Es sind unterschiedliche Themen, die eines verbindet: der Versuch, die Vergangenheit nicht einfach hinzunehmen, sondern sie genauer zu verstehen.
Was Geschichte uns heute sagen kann
Doch welchen Wert hat dieses Wissen für Menschen, die sich nicht täglich mit historischen Quellen beschäftigen? Für Heid liegt eine entscheidende Erkenntnis bereits darin, sich bewusst zu machen, dass die Gegenwart nicht unabhängig von der Vergangenheit existiert. Geschichte lasse sich nicht einfach wie ein fertiger Bericht nachlesen. Historiker müssten Quellen vergleichen, Zusammenhänge rekonstruieren und ihre Ergebnisse kritisch einordnen. Denn unser Wissen über vergangene Ereignisse bleibe begrenzt und sei immer auch von Interpretationen geprägt.
Dennoch könne historisches Wissen helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. „Die Vergangenheit prägt mein Leben jetzt entscheidend“, erklärt Heid. Wer sich mit Geschichte beschäftige, könne ein ausgewogeneres Urteilsvermögen entwickeln und vorsichtiger mit schnellen Bewertungen umgehen. Gerade bei gesellschaftlichen und institutionellen Entscheidungen könne das Wissen um frühere Entwicklungen vor schwerwiegenden Fehlern bewahren. Geschichte liefert also keine einfachen Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Aber sie eröffnet Perspektiven, die ohne den Blick zurück verborgen bleiben würden.
Zwischen historischen Quellen und künstlicher Intelligenz
Während sich die Aufgaben der Geschichtswissenschaft über die Jahrhunderte verändert haben, steht sie heute vor neuen Herausforderungen. Historische Handschriften können digitalisiert, alte Texte automatisch transkribiert und fremdsprachige Quellen mithilfe künstlicher Intelligenz übersetzt werden. Heid betrachtet diese Entwicklung mit einer Mischung aus Interesse und Skepsis.
„Als Historiker hat man doch den Ehrgeiz, ein Kriminalist zu sein“, sagt er. Man wolle herausfinden, was geschehen sei, Dokumente aufspüren und bislang unbekannte Zusammenhänge rekonstruieren. Gerade darin liege ein wesentlicher Reiz historischer Forschung. Die technischen Möglichkeiten könnten vieles erleichtern. Doch für Heid bleibt eine Aufgabe unverzichtbar: die kritische Einordnung historischer Ereignisse. „Die Maschine kann die Geschichte nicht interpretieren. Das muss dann schon ein Mensch machen“, betont er.
Hinzu kommt die Gefahr, dass sich falsche Geschichtsbilder durch digitale Medien und künstliche Intelligenz immer schneller verbreiten. Desinformation sei zwar keine neue Erscheinung. Schon immer hätten politische Interessen und Ideologien beeinflusst, wie Vergangenheit dargestellt wurde. Umso wichtiger sei es, historische Behauptungen kritisch zu prüfen und ihre Quellen zu hinterfragen.
Auch die persönliche Arbeit vor Ort behalte ihre Bedeutung. Denn längst nicht alle Quellen seien digitalisiert, und nicht jede wissenschaftliche Begegnung lasse sich durch einen Bildschirm ersetzen. Gerade Rom biete mit seinen Archiven, Bibliotheken und internationalen Forschungsinstituten einzigartige Möglichkeiten für den wissenschaftlichen Austausch.
Was bleibt?
Am Ende des Gesprächs richtet sich der Blick auf die Zukunft des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft. Was soll von einer Einrichtung bleiben, die seit 1888 historische Forschung betreibt? Welche Aufgabe kann sie kommenden Generationen hinterlassen? Für Heid liegt die Antwort nicht allein in einer bestimmten Veröffentlichung oder einer wissenschaftlichen Entdeckung. Entscheidend sei vielmehr, dass es auch künftig Orte gebe, an denen unabhängig geforscht werden könne.
„Ich bin davon überzeugt, dass es solche Plätze der freien Forschung braucht“, sagt er. Forschung, die nicht von äußeren Interessen bestimmt werde und sich auch Themen widmen dürfe, die gerade nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Gerade kleinere Institute könnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie müssten nicht jeder wissenschaftlichen Mode folgen, sondern könnten eigene Schwerpunkte setzen, neue Fragen entwickeln und mit Geduld an Themen arbeiten, deren Bedeutung sich vielleicht erst später zeige.
Die Geschichte des Görres-Instituts zeigt, was daraus entstehen kann. Aus alten Dokumenten werden neue Erkenntnisse. Aus beinahe vergessenen Ereignissen werden Geschichten, die wieder erzählt werden. Und aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit erwächst die Möglichkeit, die Gegenwart differenzierter zu betrachten. Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Antwort auf die Frage, was bleibt.
Nicht jedes Dokument wird die Jahrhunderte überdauern. Nicht jede Erinnerung wird bewahrt werden können. Und nicht jede historische Frage wird jemals eine endgültige Antwort finden. Doch solange Menschen bereit sind, nachzufragen, Quellen zu prüfen und Vergessenes wieder sichtbar zu machen, bleibt die Vergangenheit mehr als das, was hinter uns liegt. Sie bleibt ein Teil unserer Gegenwart und eine Verantwortung für die Zukunft.
vatican news, 15. Oktober 2026
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