Nicht die Maschine ist die größte Gefahr
Nicht die Maschine ist die größte Gefahr: Katholischer Wissenschaftler erklärt
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8. Juli 2026
Kaum ein katholischer Wissenschaftler ist derzeit so prädestiniert, die Auseinandersetzung der Kirche mit Künstlicher Intelligenz einzuordnen, wie Maurice Nkemefuna Emelu. Der Priester der Diözese Orlu (Nigeria) und heutige US-amerikanische Staatsbürger ist Professor für Kommunikationswissenschaft sowie Direktor des Masterstudiengangs Digital Marketing & Communication Strategy an der John Carroll University in Cleveland (Ohio, USA). Mit Studien- und Forschungsstationen in Rom, Großbritannien, Harvard und den Vereinigten Staaten zählt er zu den international profiliertesten katholischen Experten für digitale Medien, Kommunikation und die ethischen Herausforderungen Künstlicher Intelligenz.
Bereits Jahre bevor KI zu einem Schwerpunktthema des Vatikans wurde, plädierte Emelu für eine konsequent menschenzentrierte Entwicklung neuer Technologien. Seine jüngste wissenschaftliche Analyse des KI-Diskurses von Papst Leo XIV. gehört zu den ersten systematischen Einordnungen der päpstlichen Lehre und macht ihn zu einer der maßgeblichen katholischen Stimmen in der aktuellen Debatte über Künstliche Intelligenz, Menschenwürde und digitale Ethik.
Im ersten Teil dieses zweiteiligen Interviews spricht Maurice Emelu mit Christian Peschken (EWTN/CNA Deutsch) über die eigentliche anthropologische Herausforderung der Künstlichen Intelligenz, warum das Evangelium einen grundlegenden Gegenentwurf zur Logik der Algorithmen darstellt und weshalb Papst Leo XIV. mit seiner Enzyklika Magnifica humanitas die entscheidende Frage stellt: Nicht, was KI kann – sondern was sie mit dem Menschen macht.
Lange bevor Künstliche Intelligenz zu einem zentralen Thema im Vatikan wurde, haben Sie argumentiert, dass die eigentliche Frage nicht lautet, was KI leisten kann, sondern was sie mit dem Menschen macht. Was ist Ihrer Ansicht nach heute die größte anthropologische Gefahr der Künstlichen Intelligenz?
Vielen Dank für die Einladung, mich zu diesem wichtigen Thema zu äußern. Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass Künstliche Intelligenz im Vatikan bereits auf unterschiedliche Weise diskutiert wurde, noch bevor Papst Leo XIV. seine jüngste Enzyklika veröffentlichte. Mit Magnifica humanitas hat dieses Thema jedoch einen zentralen Stellenwert erhalten.
Zu Ihrer Frage: Die größte Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen anfangen zu denken. Die eigentliche Gefahr ist, dass wir vergessen, was den Menschen ausmacht.
Für dieses Phänomen habe ich einen Begriff geprägt: “Toolification”. Diesen Ausdruck habe ich bereits 2024 in einem im Auftrag der Catholic Theological Association of Nigeria verfassten Beitrag eingeführt. Ursprünglich verwendete ich ihn, um einen kulturellen und psychologischen Wandel zu beschreiben: Wir beginnen, unser Leben über die Werkzeuge zu definieren, die wir besitzen und benutzen. Wir stellen den Prozess über den Sinn, beherrschen unsere technischen Geräte immer besser, während unsere Fähigkeit zu originärem schöpferischem Denken und Handeln unmerklich verkümmert.
Der “toolifizierte” Mensch ist kein Technikfeind. Im Gegenteil: Er ist der begeisterte Nutzer, der sein digitales Arsenal ständig erweitert und pflegt und dabei allmählich zulässt, dass seine Werkzeuge ihm sagen, wer er ist. Ohne die zentrale Bedeutung von Daten wäre die generative Künstliche Intelligenz, wie wir sie heute kennen, überhaupt nicht entstanden.
Heute, im Zeitalter der KI, sehe ich, wie dieser Prozess seine logische Vollendung erreicht. Die Toolifizierung wird ergänzt durch das, was ich die “Absolutsetzung der Daten” nenne – die Annahme, die mittlerweile nahezu allem zugrunde liegt, was wir entwickeln: dass die gesamte Wirklichkeit, einschließlich des Menschen, letztlich nichts anderes als Daten ist. Dass nur das wirklich ist, was sich messen lässt, und dass alles, was sich nicht messen lässt, letztlich keine Bedeutung besitzt.
Fügt man beide Entwicklungen zusammen, ergibt sich die tiefgreifendste Gefahr unserer Zeit – und genau darauf weist auch der Heilige Vater hin: Der Mensch wird selbst zu einem Werkzeug umgeformt, geprägt von der Logik der Daten und danach bewertet, was sich aus ihm gewinnen, berechnen oder vorhersagen lässt, anstatt danach, was er seinem Wesen nach ist.
Jedes KI-System enthält eine Antwort auf die grundlegende Frage: “Was ist der Mensch?” Wird diese vorausgehende Frage falsch beantwortet, dann automatisiert man – ganz gleich, wie brillant die Technologie anschließend entwickelt wird – letztlich die falsche Antwort auf die einzige Frage, die wirklich entscheidend ist.
Deshalb hat Papst Leo XIV. den Kern der Debatte genau getroffen, als er die Frage nach dem Wesen des Menschen zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen über Künstliche Intelligenz machte.
Moderne Gesellschaften messen Geschwindigkeit, Optimierung und Effizienz einen immer höheren Wert bei. Das Christentum hingegen spricht von Begegnung, Kontemplation und Beziehung. Führt Künstliche Intelligenz die Menschheit zu einem Lebensverständnis, das dem Evangelium grundlegend widerspricht?
Hier besteht tatsächlich eine echte Spannung, und ich möchte sie nicht abschwächen. Die Logik von Geschwindigkeit, Optimierung und Effizienz ist an sich nichts Böses. Sie hat dazu beigetragen, Menschen zu ernähren, Krankheiten zu heilen und Familien über Kontinente hinweg miteinander zu verbinden. Doch wenn Effizienz zum alleinigen Maßstab wird, beginnt sie all das zu verdrängen, was sich eben nicht effizient gestalten lässt. Und gerade diese Dinge gehören zu den tiefsten Gütern des Menschseins.
Man kann eine echte Begegnung nicht optimieren, oder? Man kann Kontemplation nicht beschleunigen, ohne sie zu zerstören. Liebe, Trauer, Vergebung oder Gottesverehrung lassen sich nicht “effizienter” machen – der Versuch, dies zu tun, verwandelt sie in etwas grundsätzlich anderes.
In meiner eigenen Forschung über soziale Plattformen konnte ich beobachten, wie genau dies selbst religiöse Rituale verändert. Das Gebet wurde auf “Engagement” reduziert, Gemeinschaft auf eine messbare Kennzahl. Das Heilige wurde nach und nach so umgestaltet, dass es den Anforderungen der Plattformen nach Kürze, Unterhaltung und Teilbarkeit entspricht. Diesen Prozess habe ich als “Banalisierung des Heiligen” bezeichnet. Das Ritual bleibt äußerlich bestehen, wird jedoch seines eigentlichen Inhalts beraubt.
Führt KI die Menschheit also zu einem Lebensverständnis, das dem Evangelium widerspricht?
Sie kann das – und oft tut sie es auch. Nicht indem sie sich ausdrücklich gegen den Glauben stellt, sondern indem sie unmerklich das Umfeld verändert, in dem Glaube gelebt wird, sodass Begegnung, Geduld und wirkliche Gegenwart zunehmend als ineffizient und deshalb als entbehrlich erscheinen.
Darüber hinaus versuchen viele KI-Modelle, die Grundlagen unseres Denkens zu verschieben, indem sie den Eindruck erwecken, tiefgreifende menschliche Fragen nach dem Sinn des Lebens und dem Glauben seien letztlich bedeutungslos oder überflüssig. Das heißt nicht, dass ihnen dies gelingen wird – doch genau das ist das Ziel mancher Entwicklungen.
Das Evangelium hingegen besteht darauf, dass ein Mensch dadurch erkannt wird, dass er geliebt wird, und nicht dadurch, dass er gemessen wird. Das ist die Gegenposition des Evangeliums. Und sie war wohl noch nie so gegenkulturell wie heute.
In Ihrer jüngsten Analyse des KI-Diskurses von Papst Leo XIV., die Sie bereits vor Erscheinen seiner Enzyklika veröffentlicht haben, identifizieren Sie zentrale Themen wie die Würde des Menschen, eine relationale Anthropologie und moralische Bildung. In welchem Maß bringt der Papst tatsächlich Neues ein, und in welchem Maß greift er Anliegen auf, die Wissenschaftler wie Sie bereits seit Jahren vertreten?
Beides – und ich sage das nicht, um den Papst für meine eigenen Auffassungen in Anspruch zu nehmen, sondern weil der zeitliche Zusammenhang eine Geschichte erzählt, die mich auf stille Weise bewegt.
Monate bevor die Enzyklika erschien, stellte ich auf der Jahrestagung der Broadcast Education Association in Las Vegas einen preisgekrönten wissenschaftlichen Beitrag vor, der später im Journal of Media and Religion veröffentlicht wurde. Darin analysierte ich die ersten sechs Monate des Diskurses von Papst Leo XIV. über Künstliche Intelligenz und digitale Medien.
Ausgehend ausschließlich von seinen frühen Ansprachen, Botschaften und Predigten – also noch bevor ein grundlegendes lehramtliches Dokument vorlag – versuchte ich, jene Themen herauszuarbeiten, die sein Denken bereits prägten, ebenso wie die rhetorische Strategie, mit der er seine Botschaft der Welt vermittelt.
Ich identifizierte dabei fünf zentrale Themen: die Sorge um das emotionale und relationale Gefüge menschlichen Lebens; eine Kritik dessen, was ich als algorithmische und datengetriebene Mediatisierung bezeichnet habe; die Überzeugung, dass Technologie einem ethischen Verständnis des Menschen entsprechen muss, anstatt ihn zu ersetzen; den Vorrang von Bildung und Charakterformung gegenüber bloßer Regulierung; und als tragendes Fundament all dessen den Vorrang einer relationalen Anthropologie sowie der Würde der menschlichen Person.
Was für mich ein besonderes Privileg war – und ich wähle dieses Wort mit Bedacht –, ist die Tatsache, dass die Enzyklika Magnifica humanitas, als sie schließlich erschien, genau diese Themen in bemerkenswerter Weise vertiefte.
Die relationale Anthropologie, die ich zuvor aus verstreuten Ansprachen herausgearbeitet hatte, wurde zum tragenden Gerüst einer systematischen Lehre. Meine Beobachtung einer zunehmenden datengetriebenen Mediatisierung findet sich in der Warnung des Papstes wieder, den Menschen auf “Daten und Leistung” zu reduzieren. Und die Priorität, die ich seinem Denken zugeschrieben hatte – nämlich Bildung und menschliche Formung über bloße Regulierung zu stellen –, entwickelte sich zu einem der zentralen Argumente der Enzyklika.
Für einen Wissenschaftler ist es etwas Außergewöhnliches, solche Themen bereits in frühen Fragmenten richtig zu erkennen und anschließend zu erleben, wie sie sich zu einer lehramtlichen Gesamtdarstellung entfalten. Normalerweise kommentieren wir die Vergangenheit. In diesem Fall konnten einige von uns bereits die Richtung erkennen, in die sich das Denken bewegte, noch bevor sein endgültiges Ziel sichtbar wurde.
Ich möchte jedoch sorgfältig unterscheiden, was das bedeutet – und was nicht. Es bedeutet keineswegs, dass der Papst irgendjemandem gefolgt wäre. Er schöpfte aus dem reichen Fundus der kirchlichen Tradition und gelangte kraft seiner eigenen Autorität zu diesen Schlussfolgerungen. Wie er selbst mehrfach in seinen Ansprachen und Schriften betont hat, hat er “zugehört” – nicht nur einzelnen Personen, sondern vielen Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, darunter auch Fachleuten aus Wissenschaft und Technologie. Es bedeutet lediglich, dass diese Fragen so real und so deutlich erkennbar waren, dass mehrere von uns, die unabhängig voneinander an Universitäten arbeiteten, zu sehr ähnlichen Einsichten gelangten.
Meine eigene Beschäftigung mit diesem Themenfeld reicht bis ins Jahr 2020 zurück. Damals rüttelten mich die daten- und algorithmusgestützten Manipulationsmechanismen großer Technologieunternehmen aus einer gewissen Gleichgültigkeit auf. Seitdem schreibe und spreche ich über diese Gefahren.
In einem Gutachten, das ich 2024 im Auftrag der Catholic Theological Association of Nigeria (CATHAN) verfasste, prägte ich den Begriff “Toolification” – die Reduzierung des Menschen auf ein Werkzeug, das von der Logik unserer digitalen Geräte geformt wird. Und in meiner Untersuchung über Meta, veröffentlicht im Nigerian Journal of Theology, argumentierte ich, dass diese Plattformen zu ritualisierten Machtsystemen geworden sind, in denen “Daten zum höchsten Wert werden” und der Nutzer – weit davon entfernt, der Kunde zu sein – vielmehr “die Ware ist, die verkauft wird”.
Als ich daher in der Enzyklika die Warnung las, dass Menschen Gefahr laufen, zu bloßen Mitteln, zu einer “Ressource, die genutzt und ausgebeutet werden kann”, reduziert zu werden, begegnete mir kein fremder Gedanke. Vielmehr hörte ich – nun mit der Autorität der Kirche ausgesprochen –, was viele Wissenschaftler und Seelsorger seit Jahren zu formulieren versuchten.
Das wirklich Neue ist daher nicht die Diagnose. Neu ist die Stimme – eine pastorale, systematische Stimme, die überall Gehör findet und diese Debatte aus den Seminarräumen der Universitäten in das Leben der ganzen Kirche getragen hat.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Enzyklika, der mich besonders beeindruckt hat – leiser als ihre Warnungen, aber nicht weniger bedeutsam: die ruhige und systematische Weise, in der der Heilige Vater die gesamte Frage in die katholische Soziallehre einordnet.
In den ersten Kapiteln zeichnet er die Entwicklung dieser Tradition von Leo XIII. und Rerum novarum bis in die Gegenwart nach. In den späteren Kapiteln wendet er diese Tradition auf Fragen von Daten, Menschenwürde, Arbeit und Macht an – Themen, die bislang vor allem in Universitäten und interdisziplinären Fachzeitschriften diskutiert wurden.
Der Papst hat diese Debatten nicht erfunden. Was er getan hat, war vielmehr, ihnen ein Zuhause innerhalb einer lebendigen moralischen Tradition zu geben – und ihnen zugleich durch seinen pastoralen Zugang eine Sprache zu verleihen, die aus Spezialdiskussionen eine öffentliche Debatte macht, die jeden Menschen betrifft.
Der zweite Teil des Interviews erscheint in Kürze. Darin geht es um die Antwort der Kirche auf das KI-Zeitalter, den Vorrang menschlicher Bildung vor bloßer Regulierung sowie um die Frage, woran wir in zwanzig Jahren erkennen werden, ob Künstliche Intelligenz dem Menschen gedient – oder ihn verändert hat.
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