Unser Sonntag: Orientierung in unruhigen Zeiten
Mitten in der Osterzeit lenkt das Johannesevangelium den Blick auf die Abschiedsreden Jesu, sagt Gabriele Rohard-Bellé in ihrer ersten Betrachtung. Im Zentrum steht eine Zusage, die bis heute trägt: “Euer Herz lasse sich nicht verwirren.” Eine Auslegung über Orientierung in unruhigen Zeiten und die Worte Jesu: “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben”
Quelle
Unser Sonntag: Im Mai mit Gabriele Rohardt-Bellé – Vatican News
Gabriele Rohard-Bellé, Verona
Joh 14, 1–12
Liebe Hörerinnen und Hörer,
wir sind mitten in der Osterzeit – es ist nicht nur eine herrliche Jahreszeit, sondern auch eine ganz besondere Zeit der Liturgie. Das Osterereignis der Auferstehung des Herrn durchflutet unseren Alltag mit Licht, Freude und Hoffnung. In dieser Zeit werden wir vom Johannesevangelium begleitet, das diesem österlichen Nachleuchten oder dem englischen Modewort “afterglow”, noch ganz besondere Akzente verleiht.
Wenn man ein Evangelium betrachtet, sollte man sich allerdings immer genügend Zeit nehmen; eine flüchtige Lektüre oder ein halbherziges Zuhören während der Heiligen Messe bringt wenig oder gar nichts.
Und das gilt ganz besonders für das heutige Evangelium.
Einordnung des Evangeliums
Zu Beginn wollen wir den Bibeltext chronologisch einordnen und dann unseren Blick auf den besonderen Inhalt richten. Ich setze die Akzente bewusst nur auf ganz bestimmte Wörter.
Gehen wir zunächst einen Schritt zurück: An Ostern lesen wir am Palmsonntag die Passion entweder von Markus, Lukas oder Matthäus und am Karfreitag kommt immer die Passion von Johannes. Was in diesen Evangelien passiert kennen wir nur zu gut: Jesus hält das letzte Abendmahl, er schenkt uns die Eucharistie. Bei Johannes lesen wir auch, dass Judas bald den Saal verlässt und in der Dunkelheit der Nacht verschwindet. Wenig später machen sich auch Jesus und seine Jünger auf den Weg zum Ölberg.
Bedrückende Atmosphäre – Ereignisse überschlagen sich
Eine zutiefst bedrückende Atmosphäre liegt in der Luft. Dann überschlagen sich die Ereignisse auf dramatische Weise, und die ganze Maschinerie von Gefangennahme, Verurteilung, Geißelung und Kreuzigung nimmt ihren Lauf. Wir als Zuhörer, Zuschauer oder Leser sind von diesen Ereignissen beeindruckt, überwältigt, verwirrt oder sogar schockiert.
“Johannes gibt einen tiefen Einblick in Details, die bei keinem der Synoptiker vorkommen”
Das Johannesevangelium bietet uns heute und an den folgenden Sonntagen besonders bedeutungsvolle Texte: Statt im Zeitraffer vom Abendmahl zum Kreuzestod zu eilen, gibt uns Johannes einen tiefen Einblick in Details, die bei keinem der Synoptiker vorkommen. Es ist wie ein unerwartetes Intermezzo – eine Zeit-Raum-Perspektive – von unschätzbarem Wert für unseren Glaubensweg.
In vier langen Kapiteln beschreibt Johannes, wie Jesus ganz persönlich von seinen Jüngern Abschied nimmt und ihnen – und damit auch uns – einige der wichtigsten Worte der gesamten Evangelientexte übermittelt. Es handelt sich hierbei also um die sogenannten Abschiedsreden des Herrn.
“Euer Herz lasse sich nicht verwirren”
Das Kapitel der heutigen Lesung beginnt mit folgenden Worten:
“Euer Herz lasse sich nicht verwirren.” Schon über diesen ersten Satz könnte man stundenlang sprechen, aber schauen wir auf das wichtigste Wort: Herz. Vielleicht kennt jemand von Ihnen die Skulpturen der Christus-Johannes Gruppe: ein seit der Gotik bekanntes Motiv der christlichen Ikonografie, bei dem der Apostel Johannes sein Haupt an die Brust Jesu lehnt. Eine dieser Skulpturen gibt es z.B. im Bayerischen Nationalmuseum München. Bei der Betrachtung dieser Werke sieht man ganz deutlich, wie der “Lieblingsjünger” sein Ohr an das Herz Jesu legt, als wolle er dem Herzton lauschen.
Herz über Kopf
In unserer Zeit unterscheiden wir gerne zwischen Herz und Kopf, wobei der Kopf als Sitz des Verstandes und des Intellekts definiert wird und das Herz eben als Ort der Gefühle und Emotionen. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es ja auch einen bekannten deutschen Song mit dem Titel “Herz über Kopf”. Wir sollten aber hier unseren Horizont etwas erweitern und auf die tiefer liegenden Wurzeln unserer abendländischen Kultur schauen: schon für Aristoteles war das Herz Sitz der Seele und der Intelligenz. Daraus folgte, dass das Herz im Mittelalter eine zentrale, weit über die rein biologische Funktion hinausgehende Bedeutung hatte. Es galt nicht nur als Sitz der Seele, des Gemüts und des Verstandes, sondern war Zentrum des Lebens.
“Lasst nicht zu, dass euer Leben verwirrt wird”
Jetzt verstehen wir vielleicht besser, was der Herr mit den Worten “Euer Herz lasse sich nicht verwirren” meint; wir können sie also im Sinne von “Lasst nicht zu, dass euer Leben verwirrt wird” deuten.
Eigentlich geht diese Aufforderung oder Ermutigung total an der heutigen Realität vorbei, denn unser Alltag ist doch verwirrend! Wir leben in einer Welt, die sich immer schneller dreht und in der alte Gewissheiten bröckeln und bislang feste, stabile Überzeugungen einfach so dahinschmelzen – wie Eisberge in der Antarktis, könnte man sagen. Täglich müssen wir uns zwischen unzähligen Möglichkeiten entscheiden, sei es beruflich, privat, im politischen oder sozialen Bereich und oft fühlen wir uns dadurch völlig überfordert, ja eben “verwirrt” und sehnen uns nach einem Ort der Sicherheit, der Gewissheit, einem Ort der inneren Ruhe. Jesus gibt uns eine unglaublich tiefgreifende Zusage:
Die Verheißung: “Im Haus meines Vaters”
“Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. […] Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.”
Wie schön! Ein tolles Versprechen! Manch einer mag aber beim Gedanken an die “Wohnung im Haus Gottes” an eine weit entfernte, nicht klar definierte Zukunft denken. Also eine Wirklichkeit, die sich erst nach dem Tod eröffnet, sozusagen eine “Wohnung im Himmel mit Blick aufs Paradies”. Jesus meint aber etwas ganz anderes: Er verspricht eine innere Heimat, eine tiefe Geborgenheit, die schon im Hier und Jetzt beginnt. Der heilige Thomas – ein eigentlich mutiger Freund Jesu -, denn in einer kritischen Situation sagt er einmal – dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben (Joh. 11,16). Dieser Jünger scheut sich auch nicht, einzugestehen, dass er etwas “nicht versteht” – Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Genauso, wie wir uns oft fragen: Wo geht es denn überhaupt lang? Wo ist die Richtung? Was gibt uns noch Halt? Und der Herr gibt dem heiligen Thomas – und somit auch uns – folgende Antwort: “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben”.
Der Weg, die Wahrheit und das Leben
Wir haben eben gesehen, dass das Herz ein Synonym für das Leben sein kann: lasst euer Leben nicht verwirren, denn ich bin das Leben! Meiner Meinung nach einer der kraftvollsten Worte des Herrn in der ganzen Bibel!
Als gläubige Christen sind wir keine Heimatlosen auf dieser Erde. Wir sind Kinder Gottes, die wissen, wo sie hingehören. Unser Leben hat also eine Richtung und ein Ziel und Jesus gibt uns sozusagen die Koordinaten für unser inneres Navigationssystem.
Wir müssen das ‘Gehen’ im Glauben, den Gebrauch unserer inneren Kräfte allmählich wieder erlernen. Ich bin der Weg: Ein Weg ist etwas, das man unter den Füßen spürt. Man geht ihn Schritt für Schritt. Jesus sagt ja nicht: “Dort hinten ist das Ziel, nun seht mal zu, wie ihr da hinkommt”, sondern er sagt: “Ich bin die Art und Weise, wie ihr gehen müsst.” Aber gerade dieses ‘Gehen’ fällt uns oft schwer.
Benedikt XVI. schrieb dazu: “Wir müssen das ‘Gehen’ im Glauben, den Gebrauch unserer inneren Kräfte allmählich wieder erlernen.” Ja, das stimmt! Den Weg mit Christus zu gehen bedeutet, im Alltag so zu handeln wie er: mit Liebe, Barmherzigkeit und Klarheit.
Jesus bietet Wahrheit
Ich bin die Wahrheit: In einer Zeit von “Fake News” und völliger Beliebigkeit bietet Jesus eine Wahrheit an, die nicht theoretisch ist: es ist eine Wahrheit, die man tut.
Wahrhaftig zu leben, bedeutet im Alltag: Masken ablegen, zu seinen Fehlern stehen, nicht mehr scheinen zu wollen, als man ist. Wer mit Jesus geht, muss sich weder größer, schöner noch besser oder klüger machen. Das Gehen in der Wahrheit nimmt also den ungeheuren Druck aus unserem Leben: wir müssen nicht immer perfekt sein. Es ist eine Wahrheit, die nicht einengt, sondern sie befreit uns innerlich von allem unnötigen Ballast, den uns die Welt täglich auferlegt.
“Das Leben ist jetzt, in diesem Moment, an dem Ort, wo du dich gerade befindest”
Ich bin das Leben: Oft suchen wir das “echte Leben” im nächsten Urlaub, in der nächsten Gehaltserhöhung oder im nächsten Super-Event. Aber Jesus zeigt uns etwas ganz anderes: Das Leben ist jetzt, in diesem Moment, an dem Ort, wo du dich gerade befindest, mit den Menschen, die in deiner Nähe sind. Er weist darauf hin, dass Leben nicht nur etwas ist, das wir besitzen oder erleben, sondern etwas, das seinen Ursprung in ihm selbst hat. Leben bedeutet mehr als bloßes Dasein – es meint erfülltes, sinnvolles und ewiges Leben.
Konkrete Schritte im Alltag
Ein konkreter Schritt für diese Woche könnte sein: In Momenten der Hektik kurz innezuhalten und sich zu sagen: “Herr, du bist der Weg. Zeig mir jetzt den nächsten kleinen Schritt.” Meistens ist dieser Schritt ganz unspektakulär: ein freundliches Wort zum Kollegen, ein Moment der Geduld mit den Kindern oder ein Lächeln, auch wenn uns gerade nicht danach ist.
“Noch größere Werke”
Jesus gibt uns am Ende des Evangeliums noch ein unglaubliches Versprechen mit auf den Weg: “Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich tue, auch tun; ja, er wird noch größere als diese tun.”
Wie soll das wohl gehen? “Größer” bedeutet hier jedoch nicht “beeindruckender” oder “kraftvoller” – also nicht mächtiger als der Herr selbst – das Wort “größer” bezieht sich wohl eher auf das Wachsen der Kirche durch die Jahrhunderte hindurch: wie viele unzählige Menschen wurden durch den Glauben innerlich geheilt, wie vielen Menschen wurde in Not konkret geholfen? Schauen wir uns um: es gibt heute mehr als 1,4 Milliarden Katholiken auf der Welt und wenn wir die anderen christlichen Konfessionen hinzunehmen, kommen wir auf ca. 2,6 Milliarden Menschen in fast allen Ländern der Erde – sind das nicht “noch größer Werke”?
Aber wie alle großen Werke, beginnen sie mit kleinen Dingen und hier hilft uns ein Gedanke vom Heiligen Josemaría Escrivá: Tut das alles aus Liebe. – Dann gibt es keine kleinen Dinge mehr: alles wird groß. – Beharrlichkeit in den kleinen Dingen, aus Liebe, ist Heroismus.
Mit Maria unterwegs
Wir beenden unsere Betrachtung mit einem Blick auf die Heilige Maria – die Mutter der schönen Liebe – und bitten sie, uns auf unserem Weg durch den Monat Mai stets zu begleiten.
Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski, 2. Mai 2026
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