Grönland: “Wir beten, auch für Präsident Trump”
Die US-amerikanischen Ansprüche auf Grönland lösen in der aktischen Region, in Dänemark und anderen europäischen Ländern große Verunsicherung aus. Die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz spricht im Interview mit Radio Vatikan von einer Mischung aus Besorgnis und Empörung. Solidarität mit Grönland könne sich in der aktuellen Lage positiv auf die europäische Einheit auswirken
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Quelle
Hans Egede – Ökumenisches Heiligenlexikon
Geopolitik und Profitgier: Dieser Milliardär setzte Trump den Grönland-Floh ins Ohr | blue News
Anne Preckel – Vatikansstadt
Radio Vatikan erreichte die gebürtige Deutsche Mirijam Kaschner am Donnerstag in ihrem Kloster im dänischen Holte. In dem Interview zeichnet die Ordensschwester ein detailreiches Stimmungsbild der Menschen, die von den politischen Entwicklungen direkt betroffen sind. Die Grönländer fühlten sich durch die USA in ihrem Gefühl der Selbstbestimmung bedroht und reagierten mit Verunsicherung, aber auch Empörung. Angst gehe um – selbst Kinder spürten diese Sorgen. Die Argumentation von US-Präsident Trump, der seine Ansprüche mit Sicherheitsgründen untermauert, werde zugleich als fadenscheinige Strategie durchschaut, so die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz.
Die Kirche versuche die Menschen seelsorglich aufzufangen. Angesichts der letzten Entwicklungen werde in der kleinen katholischen Gemeinschaft viel gebetet – auch für US-Präsident Trump, referiert Kaschner. Dass mehrere EU-Länder und auch weltweit Solidarität gegenüber Grönland signalisieren, werde in der Region aufmerksam registriert. Schwester Mirijam glaubt, dass diese Solidarität auch EU-Skeptiker zur Kenntnis nehmen werden – sie sich also vielleicht auch positiv auf die Einheit in Europa auswirken kann.
Interview
Schwester Kaschner, US-Präsident Trump macht aus seinen Absichten, Grönland in irgendeiner Form zu übernehmen, keinen Hehl. Dänemark und andere EU-Länder zeigen sich alarmiert und setzen nun auch auf eine Militärpräsenz in der Region. Wie gehen Sie denn persönlich mit diesen Nachrichten um?
Ja, es ist inzwischen ja eigentlich so, dass fast tagtäglich aus den USA irgendwelche Bemerkungen kommen, hauptsächlich von Präsident Trump, die sich jetzt in der letzten Zeit sozusagen etwas hochgeschaukelt haben. Und die ganze Situation macht mich persönlich, aber auch die Leute in meiner Umgebung besorgt. Im Moment wissen wir alle noch nicht, wie es weitergehen soll. Die neuesten Meldungen jetzt sind, dass sogar Deutschland, Frankreich und verschiedene andere europäische Länder Militärpräsenz in Grönland anstreben – bisher sind das ja nur ganz kleine Gruppen, die kommen. Ich habe gerade heute Morgen gelesen, dass es so eine Art Rotationsprinzip geben soll, dass also nicht alle Länder fortwährend stationiert sein sollen. Ich habe persönlich den Eindruck, das soll ein bisschen auch eine Abschreckung den Amerikanern gegenüber sein. Inwieweit das aber hält, das steht alles noch in den Sternen. Also, es ist eine große Unsicherheit und eine große Besorgnis da.
“Es ist so eine Mischung aus Besorgnis, aber auch Empörung”
Was hören Sie von den Menschen, wenn Sie mit ihnen darüber sprechen? Was gehen ihnen für Gedanken zur Zukunft durch den Kopf?
Also, es ist so eine Mischung aus Besorgnis, aber auch Empörung: ‘Was soll das, dass jetzt auf einmal ein NATO-Land ein anderes NATO-Land annektieren will?’ Ich meine, Dänemark hat die USA unterstützt, auch im Kampf gegen Afghanistan zum Beispiel, da waren unsere Truppen ja präsent, und davon scheint jetzt überhaupt nichts mehr da zu sein. Die Verbindung zu den Amerikanern war bisher immer sehr gut – und jetzt auf einmal stehen sie uns gegenüber und sagen, wir wollen einen Teil eures Königreiches haben, und das ohne jegliche Besprechungen.
Auch ein Treffen zwischen politischen Spitzen von Dänemark und den USA am Mittwoch hat keine Entspannung gebracht, wie es scheint…
Ja, gestern Abend hat es das Treffen gegeben zwischen dem dänischen Außenminister, der grönländischen Außenministerin und den beiden amerikanischen Delegierten. Aber so wie ich unseren Außenminister verstanden habe im anschließenden Interview, scheint der schlimmste Fall nicht eingetreten zu sein. Das wäre gewesen, wenn eine Gruppe wutschnaubend das Lokal verlassen hätte. Das ist also nicht eingetreten. Aber man ist sich auch nicht unbedingt näher gekommen. Die Forderung der Amerikaner besteht nach wie vor. Man hat sich jetzt darauf geeinigt, dass man eine Arbeitsgruppe bilden wird, die auf höchster Ebene sozusagen nochmal ausloten möchte, ob es noch andere Möglichkeiten gibt, die Sicherheit der Arktis zu stärken.
Und die Leute hier sagen: Also es stehen den Amerikanern im Grunde alle Türen offen, sie können ja ihre Militärpräsenz erhöhen. Sie war ja schon mal vor vielen, vielen Jahren da, sie hatten Stationen in Grönland, amerikanische Stationierungen, das ist ja alles runtergefahren worden. Und es steht den Amerikanern ja nichts im Wege, das wieder zu erhöhen. Das würde ihnen ja auch zugestanden. Man fürchtet aber auch so ein wenig, dass es hier einerseits um Macht geht, ganz klar. Dass nicht nur die Frage der Sicherheit ein Grund ist, sondern natürlich auch die Frage nach seltenen Erden, nach Bodenschätzen und so weiter, die den Präsidenten umtreibt. Und da kommt dann das zweite Gefühl hoch im Sinne von Empörung: Was soll das eigentlich?
“Und die Grönländer haben auch einen gewissen Stolz”
Also würden Sie sagen, da herrscht jetzt eine handfeste Sorge um die Souveränität?
Ja, sicher, auf jeden Fall. Die Grönländer selber sagen, wir wollen keine Amerikaner sein. Und da gäbe es eine ganze Reihe von Nachteilen, also angefangen von der Gesundheitsvorsorge, wenn sie zu Amerika gehören würden. Und die Grönländer haben auch einen gewissen Stolz. Den haben sie auch gegenüber Dänemark immer wieder betont, bis dahin, dass es ja auch Bestrebungen gab und gibt, sich unabhängig zu machen von Dänemark. Und jetzt kann es ja natürlich nicht die Lösung sein, zu sagen, wir machen uns unabhängig von Dänemark und machen uns daraufhin wieder abhängig von den USA. Sondern sie erleben auch: Dieses Gefühl der Selbstbestimmung, das sie haben möchten und auch innerlich haben, wird jetzt durch die USA bombardiert. Und da kommt dann eine gewisse Empörung hoch: ‘Das lassen wir nicht mit uns machen. Es ist unser Land, und wir sind jetzt nicht eine Immobilie auf dem Markt, die man entweder kaufen oder sich einfach nehmen kann.’
Wird das Handausstrecken von US-Präsident Trump also so interpretiert, dass es letztendlich um Ressourcen geht und dass der Sicherheitsaspekt eher vorgeschoben ist?
Also, es geht sicherlich auch um Sicherheit, das ist ganz klar, aber man durchschaut auch ein wenig die Strategie, denn Präsident Trump hat ja mehrfach behauptet, dass jetzt russische und chinesische Schiffe da oben kreuzen würden, was gar nicht der Fall ist. Das ist inzwischen auch belegt worden! Da oben ist kein einziges Kriegsschiff aus China oder aus Russland gewesen. Das sind vorgeschobene Gründe, damit er jetzt seinen Willen durchsetzen kann. Sicherheitsfragen gibt es mit Sicherheit, gerade auch in Bezug auf die Expansionsbestrebungen Russlands.
Dadurch, dass jetzt in Grönland das Eis schmilzt und man nicht weiß, gibt es da Bodenschätze, gibt es da keine, wie groß sind die seltenen Erden, die ja überall gebraucht werden… Also, man ist sich schon im Klaren darüber, dass Grönland dort eine zentrale Position hat. Sicherheit ja, aber Bodenschätze auch – und das spricht Donald Trump ja so direkt nicht an, sondern er versteckt es in Anführungszeichen hinter der Sicherheitsfrage. Und diese Sicherheitsfrage, das sagen die Menschen auch, könnte ganz anders gelöst werden. Wenn es allein darum ginge, könnte er die Sicherheit erhöhen. In Grönland können NATO-Truppen kommen und so weiter, dazu müsste er aber nicht das ganze Land annektieren.
“Selbst Kindergartenkinder fragen, ob es bald Krieg gibt”
Zur Lage der Leute in Grönland: Die Menschen sind zum Spielball der Politik geworden, die Geopolitik reicht plötzlich in den Alltag hinein. Wie fängt die Kirche die Gläubigen und ihre Sorgen auf?
Also, wir haben als katholische Kirche eine ganz, ganz kleine Gemeinde in der Hauptstadt Nuuk in Grönland, und ein Franziskaner-Priester ist dort der Gemeindepfarrer. Ich habe mit ihm gesprochen. Die Gemeinde ist relativ klein, es sind 500 Gemeindemitglieder. Wenn Sie das mit den 57.000 Menschen dort vergleichen, die in Grönland leben, ist das eine ganz, ganz kleine Minderheit. Und von daher hat natürlich die katholische Kirche im politischen Bereich, weder dort noch hier in Dänemark, wo wir 0,8 Prozent Katholiken haben, recht wenig zu sagen.
Der Pfarrer hat mir berichtet, dass das Thema natürlich in der Gemeinde angesprochen wird, nicht so sehr als politische Debatte, das auch, aber hauptsächlich geht es um so menschliche Fragen nach Sicherheit, nach Würde, nach Frieden. Und oft ist es so, dass nach der Messe im Gemeindesaal beim Kirchencafé dann das Gespräch darauf kommt, die Menschen auch über ihre Ängste sprechen, ihre Verunsicherung, ihre Hoffnung für die Zukunft mitteilen. Es gibt einige, die sich Sorgen machen, wie diese Diskussion sich auch auf die Kinder auswirkt. Selbst hier in Dänemark – meine Mitschwester ist in der Schule tätig, die sagt, selbst die kleinen Kinder im Kindergarten, in der Vorschule, fragen schon ganz unsicher und ängstlich: ‘Kommt jetzt Krieg hier in unserem Land?’ Und dann merkt man, wie tief einfach auch diese politische Situation in das persönliche Leben, in die Familien hinein sich auswirkt. Und auf Grönland natürlich auch die Frage: ‘Was wird denn, wenn Trump seine Drohung wahrmacht? Was ist mit unseren Arbeitsplätzen? Was ist mit unseren Kindern, mit unseren Familien?’
Der Pfarrer sagte: ‘Ich kann die Geopolitik nicht ändern, aber ich bin da, um einfach zuzuhören und den Menschen auch zu helfen, diese Situation jetzt mit dem Glauben in Verbindung zu bringen. Was bedeutet das, wenn wir wirklich eine Gemeinschaft sind, eine christliche Gemeinschaft, wenn sich die ganze Welt auf einmal so unsicher anfühlt?’ Und er sagt: ‘Wir beten’. – Wir beten also für die Politiker, wir beten auch für Präsident Trump, dass er sich wirklich ‘bekehrt’ und erkennen möge, dass bestimmte Dinge ihm zwar vielleicht wichtig sein mögen, aber viel mehr an Unsicherheit und an Krieg bedeuten könnten. Die katholische Bevölkerung in Grönland betet auch für die Politiker: Sie haben mit Sicherheit gestern auch sehr gebetet für das Treffen zwischen den Außenministern der drei Länder. Und es geht letztlich darum, die Menschen in Grönland, aber auch hier in Dänemark im Glauben zu stärken und ihnen das Vertrauen zu geben, dass auch Gott in all dem drin ist.
“Wenn es darauf ankommt, ist die EU einfach da und unterstützt”
Krisen können auch Chance für Gemeinschaft und Solidarität sein: Wenn wir an die EU denken, welche Solidarität und Unterstützung aus den anderen EU-Ländern würden Sie sich jetzt wünschen?
Also, ich glaube, es wird in Grönland und auch hier in Dänemark sicher schon wahrgenommen, dass die EU sehr viel Solidarität gezeigt hat. Das hat sich in den letzten Tagen bemerkbar gemacht. In den sozialen Medien gibt es verschiedene Gruppen: ‘Wir unterstützen Grönland’, und da kommen Menschen sozusagen nicht nur aus der EU, aber auch aus der ganzen Welt dazu. Es gibt Menschen aus der EU, die gesagt haben, nein, die Souveränität eines NATO-Staates darf nicht angegriffen werden, und wir stehen zu Dänemark. Das wird schon wahrgenommen.
Dass jetzt die Truppen beziehungsweise die militärische Präsenz, muss man erst mal sagen, ausgebaut wird, auch von verschiedenen EU-Ländern, dass das noch mal betont worden ist, das nimmt man sehr genau wahr. Und ich glaube, das wird sich auch noch mal etwas auswirken auf einige Länder, die vielleicht auch in den Parteien EU-kritisch sind, dass man jetzt merkt: ‘Aha, also wenn es darauf ankommt, ist die EU einfach da und unterstützt.’ Inwieweit die EU natürlich wirklich etwas ausrichten kann, wenn es hart auf hart käme und tatsächlich Präsident Trump jetzt in irgendeiner Form mit Gewalt sich das Land da sozusagen unter den Nagel reißt, da weiß man jetzt nicht, ob die EU da irgendetwas unternehmen könnte.
Aber ich wünsche mir persönlich, und das hat auch der Pfarrer nochmal so schön gesagt, dass die Europäer wirklich mit uns beten, dass sie in ihren Gemeinden an uns denken, dass sie der Welt helfen zu verstehen, dass Grönland eben nicht nur so eine Randnation ist am Ende der Welt und keine Schachfigur, sondern ein Volk mit seiner ganz eigenen Würde, seiner ganz eigenen Kultur. Und vor allem auch ihnen das Recht zugesteht, selber über sich und ihre Zukunft bestimmen zu können. Die Grönländer haben das sehr deutlich gesagt: ‘Wir wollen selbst entscheiden, wer wir sein wollen und wohin wir gehören wollen.’
vatican news – pr, 15. Januar 2026
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