Der Discosound der Präsidentenparty
Auf Donald Trumps Auftritten durfte der Disco-Hit Y.M.C.A. zuletzt nicht fehlen. Wieso eigentlich? Über die Geschichte einer einstigen Homosexuellen-Hymne
Quelle
Trump zum 47. Präsident der USA vereidigt – ‘Es gibt nur zwei Geschlechter’
Kardinal Dolan
20.01.2025
York Fanger
Heute Abend, spätestens nach der offiziellen Inaugurationszeremonie im Weißen Haus und in zwei eigens für die Feierlichkeiten wegen der Eiseskälte in Washington hergerichteten und beheizten Festzelten, wird niemand mehr über den einst schlaksigen Jüngling lachen, der schon in den frühen 70ern gerne zu der damals international aufkommenden Tanzmusik, genannt “Disco”, tanzte.
Dennoch ist die eigentümliche Vorliebe des nun 45. Präsidenten der USA für Disco-Musik – noch dazu seine ganz eigene Begegnung mit dem Welthit des Jahres 1978, “Y.M.C.A.” von den Village People – fast schon ironisch zu nennen. Denn weder der Songtitel noch die Referenzen, der Text oder der Name der Band sind dazu angetan, auch nur irgendwie auf Donald Trump hinzuweisen oder zu ihm zu passen.
Die Vorzüge des Christlichen Vereins Junger Männer
Es war 2019, mitten im Covid-Lockdown. Und Trump war unterwegs, um mit seiner MAGA-Kampagne gegen eben diesen Lockdown zu protestieren. Dazu nutzte sein PR-Team auch gerne den Disco-Hit der Village People, “Y.M.C.A.” Interessanterweise wurde dieser Song, ursprünglich eine der Hymnen der Homosexuellen-Szene der späten 70er Jahre in New York, zu einem der Musikschlager in Trumps Kampagne. Der Song besingt fröhlich und eindeutig zweideutig die Vorzüge des Christlichen Vereins Junger Männer, besonders aber das große, gastfreundliche New Yorker McBurney YMCA in der W 14th Street zwischen 6th und 7th Avenue, wo man “nette Jungs” treffen und mit ihnen “abhängen” kann.
In einer Zeit, in der die schwul-lesbische Szene New Yorks ein neues Selbstbewusstsein entwickelte, schossen in der Stadt Clubs und Bars aus dem Boden, die die Anfänge der Discokultur der 1970er Jahre prägten. Als Musik kristallisierte sich eine Mischung aus tanzbarem, aktuellem Rock, Funk im Stil von James Brown, dem weich und opulent arrangierten Soulstil namens Philly Sound und lateinamerikanischer Musik heraus. Aus diesen Anfängen entwickelte sich um 1974 ein eigener Musikstil, der als “Disco” bezeichnet wurde. Natürlich lagen die Wurzeln, wie so oft in der populären Musik, bei jazzorientierten Rhythmen des schwarzen Souls, der dann in einen einfach tanzbaren 4/4-Rhythmus übertragen wurde – was zeitgleich mit dem Eintritt mehrerer weißer Musikproduzenten in die Szene einherging. Unter ihnen war der französische Village-People-Manager und Produzent Jacques Morali, der bereits 1991 im Alter von 44 Jahren an AIDS starb.
Junger Millionärssohn in der New Yorker Disco-Szene
Die Village People waren, wie oft im Geschäft der Popmusik, ein Konstrukt aller Klischees, die das Discofieber mit sich brachte. Jeder einzelne Sänger der sechsköpfigen Gruppe trat als eines der schwulen Rollenmodelle in Macho-Verkleidung auf: Ob Ledermontur, Cowboyhut und Halstuch, Polizeiuniform oder Matrosenoutfit – alles war dabei. Dazu stampfend einfache 4/4-Takt-Hymnen wie “Go West”, “In the Navy”, “San Francisco” und natürlich “Y.M.C.A.”, die immer wieder typische LGBTQ-Themen feiern oder variieren. Und natürlich wurden fast alle Songs im Studio von Profisängern aufgenommen; die bis heute erhaltenen Videos ihrer Live-Auftritte sind eher ernüchternde Zeugnisse.
Die Beliebtheit von Discomusik in Nordamerika und Westeuropa gipfelte 1977 in dem Film “Saturday Night Fever”. Die Handlung des Films entsprach dem Lebensgefühl der Disco-Generation: Aus dem tristen Alltagsleben auszubrechen und für eine Nacht ein Star zu sein. In dieser Zeit entdeckte der junge Spekulant, Makler und Millionärssohn Donald Trump Jr. die New Yorker Disco-Szene für sich. Wer Mitte der 70er etwas auf sich hielt und zur Szene gehören wollte, tanzte nachts im Studio 54. Höhepunkt jeder Nacht waren wahre Strobolight-Blitzorgien während des Abspielens von Donna Summers “I Feel Love”, zu dem unzählige alte Kristall-Kronleuchter bis auf Hüfthöhe der Tänzer herabgelassen wurden, in denen sich das hämmernde Licht brach.
Auch am 20. Januar wird es eine wunderbare Gala nach der Vereidigung geben; schließlich sind alle noch lebenden Ex-Präsidenten geladen – und aus Deutschland Abgeordnete der AfD sowie der deutsche Botschafter in Washington, der jedoch, wie er offiziell verlauten ließ, der Einladung nur ungern folgt, da er mehrmals, auch halboffiziell, seinen Unmut über den neuen Präsidenten des mächtigsten Landes der Welt geäußert hat. Taktgefühl und politischer Instinkt sind im diplomatischen Korps unserer “Noch”-Regierung eben nicht wirklich verbreitet. Aber das wird Donald Trump sicherlich nicht stören. Vielleicht tanzt er ja heute Nacht lieber mit Giorgia Meloni zu den Discorhythmen von “Y.M.C.A.”.
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