Robert Kardinal Sarah über den Beitrag der Christen Afrikas für die Weltkirche

„Wenn eine Gesellschaft ihre eigenen Werte verdammt, ist sie dem Untergang geweiht“

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Kirche in Not
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Robert Kardinal Sarah über den Beitrag der Christen Afrikas für die Weltkirche im Interview mit Kirche in Not

Robert Kardinal Sarah gehört zu den wortgewaltigsten Bischöfen der Weltkirche. Grosse Aufmerksamkeit erregte sein 2015 erschienener Interviewband „Gott oder Nichts“. Der Präfekt der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung stammt aus dem westafrikanischen Guinea. In einem Interview mit der päpstlichen Stiftung Kirche in Not spricht er über politische und religiöse Gefahren für die Kirche auf seinem Heimatkontinent. Er weist auf den wichtigen Beitrag der Christen Afrikas für die Weltkirche hin und warnt vor der Gefahr einer nationalen und theologischen Zersplitterung der einen Kirche. Das Interview führte Jürgen Liminski.

Eminenz, wie sehen Sie das Verhältnis der Kirche Afrikas zur Weltkirche?

Die Frage bringt mich etwas in Verlegenheit. Denn die Kirche Afrikas ist Teil der Weltkirche und bildet mit ihr zusammen die eine und alleinige Kirche. Es gibt also keine „afrikanische Kirche“, die der Weltkirche gegenübersteht. Richtig ist natürlich, dass die katholische Lehre von der Kirche auf der Gemeinschaft der Ortskirchen gründet. Aber ich möchte auch daran erinnern: Bei der Weltkirche handelt es sich nicht um eine Art lockeren Zusammenschluss von Ortskirchen. Die Weltkirche wird durch die Kirche Roms symbolisiert und vertreten – mit dem Papst als Oberhaupt, dem Nachfolger Petri und Leiter des Apostelkollegiums.

Heisst das, es kann keine nationalen Kirchen geben?

Ohne gemeinsamen Glauben läuft die Kirche Gefahr, dass es zu Verwirrung kommt. Zersplitterung oder Spaltung können die Folge sein. Auch heute besteht ein grosses Risiko, die Kirche zu „zerstückeln“, indem man auf den nationalen Identitäten beharrt und daraus die Fähigkeit ableitet, selbständige Entscheidungen zu treffen, besonders in so wichtigen Bereichen wie der Glaubens- und Sittenlehre. Papst Benedikt XVI. sagte einmal dazu: „Die Kirche wächst nicht, indem sie sich national einigelt, … sondern sie braucht die Einheit im Glauben, in der Lehre und der Moral. Sie braucht den Primat des Papstes und dessen Auftrag, den Glauben zu stärken.“ In diesem Sinne hat sich die Kirche in Afrika immer als Teil einer Familie gesehen, der Familie Gottes.

Welchen Beitrag leisten aus ihrer Sicht die Katholiken Afrikas für diese eine Familie Gottes?

Auch wenn die Kirche in Nordafrika sehr alt ist, betrachten sich die Diözesen und Gemeinden in den Ländern südlich der Sahara eindeutig als missionarische Frucht und Tochter der „westlichen“ Kirche. Die Kirche in Afrika muss sich auch weiterhin auf die theologische, liturgische und monastische Erfahrung der „alten“ christlichen Kontinente verlassen können – und auch auf deren finanzielle Unterstützung. Die Kirche Afrikas ihrerseits kann der weltweiten Christenheit in aller Bescheidenheit die Wunder zeigen, die Gott durch den Heiligen Geist in ihr gewirkt hat, aber auch die Qualen, die Jesus auch heute noch inmitten des Leids und der Armut seiner Gläubigen erduldet.

Worin bestehen diese Qualen?

Sie sind so vielfältig: Kriege, Hunger, der verheerende Mangel an Bildungs- und Gesundheitsstrukturen. Und dann wäre da noch der verderbliche Einfluss westlicher Ideologien: der Kommunismus, die Gender-Ideologie … Afrika ist zum Auffangbecken für Verhütungsmittel und Waffen geworden. Afrika ist auch Schauplatz für den organisierten Diebstahl von Rohstoffen. Kriege werden deswegen geführt und geplant, das Chaos wird vorangetrieben. Denn so wird es möglich, die natürlichen Ressourcen ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz abzubauen. Die Wirtschaftsmächte der Welt müssen damit aufhören, die Armen auszuplündern!

Ist der Islam eine weitere Gefahr für das Überleben der afrikanischen Kirche?

Viele Jahrhunderte lang lebten in den Ländern südlich der Sahara Christen und Muslime friedlich Seite an Seite. Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.

Was können Hilfswerke wie Kirche in Not tun, um den Christen Afrikas noch besser zu helfen?

Heute sind fast alle Hilfswerke, auch viele katholische Hilfswerke, einzig und ausschliesslich auf humanitäre Hilfe ausgerichtet, um die Armut zu bekämpfen. Doch „der Menschen lebt nicht nur vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (vgl. Mt 4,4). Ich ermutige Kirche in Not, weiterhin Hilfe zu leisten für die Ausbildung der Priester, Ordensbrüder und -schwestern, für den Bau von Kirchen und Seminaren sowie für Exerzitien von Bischöfen und Priestern. Denn wenn diese sich nicht die Zeit nehmen, sich wenigstens für ein paar Tage in Einsamkeit, Schweigen und Gebet zurückzuziehen, laufen sie Gefahr, geistlich zu vertrocknen. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, den Gläubigen solide geistliche Nahrung zukommen zu lassen, wenn sie nicht selbst beim Herrn einkehren.

Sollen bei der Hilfe auch politische Probleme angesprochen werden?

Die Kirche täuscht sich schwer, wenn sie denkt, ihre Hauptaufgabe in der aktuellen Krise sei es, Lösungen auf alle politischen Probleme zu finden und dabei die Evangelisierung vernachlässigen zu dürfen. Natürlich kommt die Kirche nicht umhin, sich wie Jesus Christus mit den menschlichen Problemen zu befassen. Sie hat das auch immer getan: durch ihre Schulen, Universitäten, Ausbildungszentren, Krankenhäuser, Gesundheitsstationen … Ich erlaube mir jedoch, in diesem Zusammenhang einen Italiener zu zitieren, der zum Islam konvertiert und jetzt Imam ist. Er heisst Yahya Pallavicini und ist Vorsitzender der „Islamischen Religionsgemeinschaft Italiens“. Er sagt sehr deutlich an unsere Adresse gerichtet: „Wenn die Kirche über der Begeisterung, mit der sie sich für die sozialen Rechte und den Kampf gegen die Armut einsetzt, ihre kontemplative Seele vergisst, … werden sich viele Gläubige von ihr abwenden, da man nicht mehr das erkennt, was ihre Besonderheit ausmacht.“

Glaubensfreude trotz Terror und Not

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