Impuls zum 13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A — 2. Juli 2017

Was können wir der Gender-Ideologie entgegensetzen?

Ein entscheidendes Merkmal der neuen Ideologie, die die westliche Welt im Griff hält, ist ihre glatte Weichheit. Klingt es nicht ansprechend das Wort von der „Ehe für alle“? Ist es nicht mehr als nur gerecht, dass ein so wertvolles Gut wie die Ehe für jedermann zur Verfügung stehen soll?

Die Ideologien, die nach dem „Tod Gottes“ Europa und Nordamerika beherrschten, waren mit jeweils einem harten Zwangsstaat verbunden. Sowohl der Marxismus-Kommunismus im Osten wie die Nazi-Ideologie in Deutschland hatten die Menschen hart im Griff.

Die Gender-Ideologie, viel klüger als ihre Vorgängerinnen, macht es auf die sanfte Tour, aber im Griff hat sie die Menschen auch. Grösstenteils mit semantischen Mitteln. Erstaunlich, wie viele Dinge heute mit anderen Namen belegt werden als früher, und in der Regel mit geschickteren Namen. Früher wurde man bei der Behörde abgefertigt, heute wird man bedient. Wer mit der Bahn fährt, ist immer wieder gerührt davon, dass man im Lautsprecher sehr zuvorkommend angesprochen wird, und der Sprecher sich für jede grössere oder kleinere Unannehmichkeit entschuldigt. Oder: niemand wird von Krüppeln oder Verrückten sprechen, es sind geistig oder körperlich Behinderte.

Ist das etwas Schlimmes? Nein, im Gegenteil, unsere öffentliche Kommunikation hat sicher in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt. Aber gerade durch die Kommunikation, die uns die Medien präsentieren, wird uns seit Jahren, ohne dass wir es merken, auch Gift in mancherlei Form eingeflösst. Man hat so lange, und gleichzeitig so besonnen und ruhig, für die Freigabe der Abtreibung plädiert, dass in wenigen Jahrzehnten eine echte „Umwertung der Werte“ im Sinne Friedrich Nietzsches stattgefunden hat. Danach kam die verständnisvolle Einstellung zur Euthanasie, von der wir Deutschland eigentlich noch üble Erinnerungen haben sollten – aus der vorhergehenden Ideologie.

All diese neuen „Erkenntnisse“ hätte man im kommunistischen Russland oder in Nazideutschland den Menschen mit dem Holzhammer eingebläut, was erfahrungsgemäss längst nicht so wirksam ist. Mit den sanften Mitteln einer angepassten Sprache (George Orwell nannte das „Neusprech“) wird auch die absurdeste Auffassung akzeptiert. Man muss sie nur häufig genug, wie bei der Werbung, wiederholen.

Konkret wird mit edlen Begriffen hantiert, wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wer wird denn so unbarmherzig sein und von einem jungen Mädchen verlangen, dass sie ihr Kind austrägt, da ihre Karriere dadurch infrage gestellt sein wird. Auch bei der aktiven Sterbehilfe wird mit der Barmherzigkeit Schindluder getrieben: „Der arme Kranke, muss man ihn denn so leiden lassen?“. Bei der sog. Ehe für alle: „Ist es nicht ungerecht, den Homosexuellen das vorzuenthalten, was die Heterosexuellen haben?“ Die Abstimmung im Deutschen Bundestag ist folgerichtig genauso ausgefallen wie das Referendum in Irland vor einigen Monaten, wo sich sogar eine gewisse Euphorie ausbreitete, weil man es der katholischen Kirche mal gezeigt hatte.

Und da liegt der eigentlich Grund dafür, dass denjenigen, die die überlieferten Werte hochhalten, die Felle wegschwimmen. Seit dem 18. Jahrhundert hat sich Europa von Gott verabschiedet, zuerst die Intellektuellen und heute auch die breite Bevölkerung. Und wenn Gott keine Rolle spielt (höchstens noch für die „religiösen Bedürfnisse“ der Menschen), dann gibt es auch keinen Grund, die Bibel oder das überlieferte Lehramt der Kirche ernst zu nehmen.

Allerdings gab es bis jetzt immerhin einen gewissen Nachklang an die Lehre der Kirche im so genannten Naturrecht oder Naturgesetz. Bei den Juristen spielt es gelegentlich noch eine Rolle, indem sie sagen, es muss doch Werte geben, die von der Mehrheitsmeinung der Menschen  und vom positiven Recht unabhängig sind. So jedenfalls hat es der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinerzeit im Deutschen Bundestag in Erinnerung gerufen. Aber machen wir uns nichts vor: das Naturrecht ist im Kern nur begründbar, wenn Gott der Schöpfer eine Rolle spielt. Wenn er ausgespielt hat, gibt es in der Tat keinen Grund, warum man gegen den demokratischen Willen der Mehrheit nicht auch wesentliche Dinge der Weltanschauung und der Moral verändern kann.

Dass jahrhundertelang die Ehe von Mann und Frau als grösste Selbstverständlichkeit gegolten hat, auch bei Leuten, die nicht gläubig sind, hängt mit dem Gottesglauben – nicht nur dem christlichen – zusammen. Wir sehen es gerade heute, dass alle politischen Begründungen dafür, die Ehe von Mann und Frau höher zu bewerten als andere Verbindungen, weggepustet werden.

Bei vielen bleibt allerdings ein seltsames Gefühl, wenn er sieht, wie ein Mann einem Mann, eine Frau einer Frau das Jawort gibt. Aber man wird sich daran gewöhnen.

Diejenigen aber, die den christlichen Glauben in seiner kraftvollen, nicht angepassten Form, hochhalten, und die daher den Wunsch haben, anderen die absoluten Wahrheiten des Christentums weiterzugeben, müssen erschrecken. Denn was hier geschieht, ist nicht nur eine der sinnfreien Kapriolen der Tagespolitik, hier wird dem Schöpfer mitten ins Gesicht geschlagen. Im Ton der Gender-Mentalität wird aber auch hier ruhig und sachlich argumentiert: „Da Gott nicht existiert, gibt es auch keine vorgegebene Schöpfungsordnung. Wir nehmen das selbst in die Hand.“

Die deutschen Bischöfe haben dankenswerterweise Protest angemeldet, aber noch oder schon das Zentralkomité der Deutschen Katholiken (eine von niemandem gewählte Institution) lässt verlauten: „Sie [die eingetragenen Partnerschaften] sind gut und fruchtbar für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben,“ so Thomas Sternberg, der Vorsitzende des ZK.

Der hl. Paulus bringt einen ernsten Ton in die Debatte: „Irret euch nicht; Gott lässt seiner nicht spotten! Denn was der Mensch sät, das wird er ernten (Gal. 6,7)

Dennoch, zwar könnte man angesichts der Lage pessimistisch werden. Das aber will Gott nicht. Genau wie die vorher gegangenen Ideologien wird auch Gender einmal auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen.

Angesagt ist Widerstand statt Mitläufertum. Und vor allem Gebet. Schwester Lucia von Fatima sagte einmal, in unserer Zeit geht der Kampf vor allem um die Familie. Konsequenz für uns: die Familie – im überkommenen Sinne natürlich – stärken, junge Leute ermutigen, die Lehren der Kirche, vor allem Familiaris Consortio und Humanae Vitae, zu studieren, sich klar zu machen, nur in der Ehe von Mann und Frau erfahren Kinder die Schönheit der Schöpfung. Und eben nicht mit den Wölfen zu heulen. Damit spätere Generationen uns nicht, wie unseren Grossvätern sagen können: „Wieso habt ihr damals dafür gestimmt?“

Der Trost schlechthin: in Fatima sagt die Gottesmutter „Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz siegen!“

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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