Das Sterben der Anderen

“Leben und sterben lassen” (Live and Let Die): Der Titel dieses James Bond-Films mit Roger Moore bringt die Mentalität unserer Zeit auf den Punkt

Von Stephan Baier

Die Tagespost, 07. April 2015

“Leben und sterben lassen” (Live and Let Die): Der Titel dieses James Bond-Films mit Roger Moore bringt die Mentalität unserer Zeit auf den Punkt. Die individualistische Gier nach Leben und stetig gesteigerter Lebensqualität steht in einem skurrilen Kontrast zu der Gleichgültigkeit, mit der wir dem Sterben der Anderen zusehen. Das eigene Leben muss ausgekostet, ausgepresst und verlängert werden, als gäbe es kein ewiges; das Sterben der Anderen wird in weite Ferne gerückt: in die Anonymität von Fernsehen und Internet, Krankenhaus und Palliativstation, Schlagzeile und Statistik. Wir könnten das als allzu menschlich abtun – steckt uns doch die Angst vor dem Tod seit jeher in den Knochen. Ist es ein Wunder, dass wir die Unfalltoten, die Opfer von technischem und menschlichem Versagen rasch vergessen, wenn eine Katastrophennachricht die andere jagt? Ist es erstaunlich, dass wir beim Morden und Sterben in fernen Ländern lieber nicht so genau hinsehen, weil wir den ständigen Karfreitag des menschengemachten Leids nicht mit unserem Lifestyle synchronisieren können?

Doch während wir das Sterben der Anderen anonymisieren und abschieben, verdrängen und vergessen, breitet sich unmerklich aus, was Papst Johannes Paul II. einst als “Kultur des Todes” bezeichnete. Weil wir beim Siegeszug der Euthanasie in Belgien und in den Niederlanden nicht hinsehen wollten, kommt diese Unkultur des Todes nun zu uns: Ergreifende Einzelschicksale und Zeugnisse haben die Atmosphäre vorbereitet. Jetzt kommen die Wissenschaftler, die als Zahlen, Fakten, Daten getarnte Thesen in den geistigen Hohlraum giessen. “Mehrheit für aktive Sterbehilfe” lautet die Schlagzeile zu einer Umfrage, wonach 59 Prozent von 1 200 Befragten “aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen” befürworten. Unter der Voraussetzung wohl, dass wir uns die Hände nicht schmutzig machen und nicht hinsehen müssen, dass unser Gewissen nicht aufgeweckt und unser Geldbeutel nicht belastet wird. Die Unkultur des Todes am Lebensende wird emotional und wissenschaftlich eingeleitet, bis sie Gewohnheit geworden ist und ausgeweitet werden kann. Eine zu pessimistische Prognose? – Die Unkultur des Todes am Lebensanfang ging diesen Weg: Eingeleitet durch Einzelschicksale und Zeugnisse, sekundiert durch als Zahlen, Daten, Fakten getarnte Thesen liess die Gesellschaft sich einreden, dass das Recht keines Schutzes bedürfe. Vier Jahrzehnte und hunderttausende Abtreibungen später gibt es keinen Aufschrei und kein Entsetzen mehr, wenn Volksvertreter ein “Menschenrecht“ auf Abtreibung proklamieren. Wenn der Mensch souverän über Leben und Tod verfügt, es im Labor machen und in der Abtreibungsklinik beenden darf, scheint auch die Zulassung der Euthanasie logisch. Aus Rücksicht auf zarte Gemüter “unter bestimmten Voraussetzungen” und mit humanistisch klingenden Namen: assistierter Suizid, aktive Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen.

Christen können bei der Ausweitung dieser Unkultur des Todes weder Beifall spenden noch wegsehen. Sie dürfen aber auch nicht resignieren: Spätestens seit dem Karfreitag Jesu wissen wir um die Fragilität des Lebens, des Rechts, der Gesellschaften. Spätestens seit Ostern wissen wir aber auch darum, dass Gott selbst die Unkultur des Todes besiegt hat und stets aufs Neue zu einem Leben in Fülle einlädt.

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